Die Art und Weise wie ein Künstler ein Werk erschafft, ist oft ein wohlgehütetes Geheimnis. Es gibt Poeten, die sich hierzu in spartanischen Arbeitskammern verbarrikadieren, nach Art der alten Philosophen. Mancher hockt sich in den dunklen Winkel eines Cafés. Es gibt Komponisten, die vor dem Klavier sitzen und sinnieren.
Auch beim Chart-Rapper Anis Ferchichi, besser bekannt als Bushido, weiß man nicht so genau, wie er seine Songs kreiert. Beispielsweise Stücke wie "Sex in the city", "Ich schlafe ein" oder "Janine", die sich auf dem Erfolgsalbum "Von der Skyline zum Bordstein zurück" des herben Berliners finden. Die Pariser Gothic-Band Dark Sanctuary stellt sich Bushidos Tüftelprozess - zugegeben etwas zugespitzt - in etwa so vor: als ausführliche Session im Internet mit Besuch von Band-Webseiten oder Musik-Portalen wie Youtube, wo man innerhalb weniger Minuten Unmengen von Musikstücken klicken kann.
Coldplay gelang gleich mit ihrem Debutalbum der internationale Durchbruch. "Parachutes" aus dem Jahr 2000 wurde weltweit acht Millionen Mal verkauft.
Vor einem Gericht in Los Angeles klagt derzeit der US-amerikanische Gitarrist Joe Satriani gegen Coldplay. Der Vorwurf: Der Titelsong des neuen Coldplay-Albums "Viva la Vida" soll Satrianis "If I Could Fly" verdächtig ähnlich sein.
Der US-Rapper Timothy Z. Mosley, besser bekannt als Timbaland, ist einer der erfolgreichsten Produzenten in der Musikszene. Gemeinsam mit Pop-Größen wie Justin Timberlake oder Madonna veröffentlichte er diverse Nummer-Eins-Hits. Ärger droht Timbaland, weil er für Nelly Furtados "Do it" den Track "Acidjazzed Evening" des Finnen Janne Suni abgekupfert haben soll.
Der Nordire Gary Moore machte sich als Gitarrist von Thin Lizzy und als Solokünstler mit seinem legendären "Still Got The Blues" einen Namen. Den Song allerdings soll Moore in wesentlichen Teilen dem Titel "Nordrach" der deutschen Krautrock-Gruppe "Jud's Gallery Gary" entliehen haben. Entsprechender Schadenersatzansprüche werden derzeit verhandelt.
Hoffen auf Tantiemen
Ob Bushido dreist bei ihnen geklaut hat, wollen die Franzosen nun gerichtlich klären lassen: Ab heute wird sich das Landgericht Hamburg mit dem Fall befassen. Die Franzosen hoffen, dass Bushido im Nachhinein Tantiemen zahlt. Immerhin ist es nicht zum ersten Mal, dass der Berliner Rapper von Kollegen zur Kasse gebeten wird. Die norwegische Black-Metal-Gruppe Dimmu Borgir war alles andere als amüsiert, als sie 2007 in einer Reihe Bushido-Songs Sequenzen aus eigenen Stücken heraushörte. Der Streit wurde seinerzeit außergerichtlich geklärt. In dem Prozess in Hamburg geht es um acht Musik-Stückchen, die sich auf "Von der Skyline zum Bordstein zurück" befinden. Dass die Vorwürfe der Franzosen aus der Luft gegriffen sind, wird man zumindest nach dem ersten Hinhören kaum sagen können.
Zur Frage des Online-Magazins laut.de, ob Bushido sich denn tatsächlich bei den Ideen der französischen Band bedient habe, hieß es von seiner Plattenfirma: "Das kann gut sein, aber wir nehmen dazu momentan keine Stellung. Wir haben die Sache unserem Anwalt übergeben."
Bushido ist nicht der einzige große Fisch im Pop-Bassin, dem in jüngerer Zeit Ideenklau vorgeworfen wird, obwohl die Kunst des Zitierens fraglos zur Pop-Kultur gehört. Seit Mitte der Neunziger etwa floriert weltweit in den Clubs die DJ-Disziplin "Bastard-Pop". Dabei geht es darum, zwei Songs mit ähnlichen Grooves ineinander zu mischen - und somit ein drittes Werk zu kreieren, "Mash-up" genannt. Musiker, die mit ihren Hits etwa in einer der "Mash-up"-Nächte auf den Plattentellern der Stil-Könige Too Many DJs landen, dürften sich eher geehrt fühlen als schnöde betrogen.
Geld für die Disco-Band Chic
So gesehen kann man Superproduzent Timothy Mosley - kurz: Timbaland - verstehen, der es als Majestätsbeleidung empfand, als ihn 2007 ein finnischer Elektroniktüftler anprangerte, eine von ihm entworfene Melodie ungefragt übernommen zu haben. Abgekupfert oder nicht, befand Timbaland, sein Metier sei schließlich Hip Hop: die Kunst des cleveren Zitats, des originellen Wiederverwertens mittels Samplings und Loops. Eine Technik, die sich in der digitalen Ära freilich viel einfacher und schneller anwenden lässt als zur Frühzeit des Genres Anfang der Achtziger.
Gelassen sieht es auch die Disco-Band Chic, eine der meist-gesampelten Bands aller Zeiten. Die fand es nicht weiter tragisch, als die Hip-Hop-Pioniere der Sugarhill Gang 1979 die grandiose Bass-Linie aus dem Chic-Hit "Good Times" in den eigenen Track "Rapper's Delight" übernahmen, heute selbst ein Klassiker. Doch auf angemessene Nennung der Quellen und entsprechende Vergütung legten die New Yorker Groove-Experten Wert.
Es ist eben alles eine Frage des Maßes, tatsächlich gibt es in der Rechtsprechung bisher keine exakte juristische Formulierung, wie man mit solchen Fällen umgehen sollte.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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