Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

16. März 2009

Pornographie-Vorwurf: Nackt im Netz

 Von JOHANNES GERNERT
Das Handy empfinden viele Teenager schon fast als Teil ihres Körpers. Foto: dpa

Einst spielten Pubertierende Flaschendrehen, dann Strip-Poker. Heute schicken sie einander Sexfilmchen von sich selbst. Muss man Teenies schützen? Soll man sie bestrafen? Von Johannes Gernert

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In den Pausen hört er es immer wieder kurz klingeln, wenn er an denen aus der 7. oder 8. Klasse vorbeigeht. Max läuft dann über den Schulhof seines Brandenburger Gymnasiums und er sieht die anderen, wie sie sich über ihre Handys beugen und kichern. Sie schicken sich ständig Songs, Clips und Bilder hin und her. Manchmal sind Pornos dabei.

Max findet das alles etwas seltsam. In dem Alter habe er so was nicht gemacht, sagt er. Er geht jetzt in die 9. Klasse. Dass sich Jugendliche an seiner Schule selbst beim Sex gefilmt haben und die Filmchen dann genauso verschickt, hat er noch nicht mitbekommen. Aber auch das passiert mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

In den USA läuft in Pennsylvania gerade ein Prozess gegen mehrere Teenager. Die Mädchen hatten den Jungs Nacktaufnahmen von sich selbst geschickt. Die Anklage wirft ihnen nun die Verbreitung von Kinderpornographie vor.

Es ist nicht das erste Verfahren dieser Art: Eine aktuelle Studie geht davon aus, dass 20 Prozent aller Jugendlichen in den USA schon einmal Nacktfotos von sich selbst verschickt haben. Medien berichten von zunehmendem "Sexting", was sich von der englischen Vokabel "to text" ableitet, also: eine SMS verschicken.

In Deutschland forscht vor allem die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm zu dem Phänomen. Sie hat vor drei Jahren in einer Befragung herausgefunden, dass 71 Prozent der Jungen und 66,6 Prozent der Mädchen schon einmal Sexvideos auf einem Handy gesehen hatten. Wie viele davon selbstgefilmt waren, kann sie nicht sagen. In Gesprächen erzählten Teenager aber immer wieder von solchen Fällen.

Kinderzimmer mit Bravo-Postern

Thorsten Gems kennt viele der Videos. Seine Firma Procombs sucht im Internet danach. Ein, zwei Mal im Monat wenden sich Eltern an ihn. Oft nach der Trennung der Tochter von einem Freund, der dann Aufnahmen, mit denen sie damals noch einverstanden war, per Mobiltelefon verschickt oder ins Netz gestellt hat. Gems unterstützt Gerichte dabei, die Clips zu finden. Im Hintergrund sind oft Kinderzimmer zu sehen, mit Bravo-Postern und bunt bezogenen Betten.

Es gibt einen Clip, da arbeitet ein junges Mädchen konzentriert wie eine Pornodarstellerin mit dem Mund an einem Penis, schaut irgendwann auf und sagt: "Würdest du bitte mal stöhnen?" Er tut das dann, extrem übertrieben. Sie lachen, es ist ein heiteres Filmchen. Die Mitschüler, die so etwas sehen, finden es sicher auch lustig. Doch spätestens da ist der Spaß meist vorbei.

Sophie zum Beispiel ist 16, besucht ein bayerisches Gymnasium, und es ist schon eine Weile her, dass ihr Ex-Freund sie nicht völlig nackt, aber doch relativ anzüglich fotografiert hat. Als er die Bilder an andere verschickte, hat sie sich getrennt. Eine Freundin von ihr haben sie mal gefilmt, wie sie ihr Shirt auszieht.

Es sind nicht immer nur die Jungs, die solche Dinge aufnehmen. Sie tun dies zwar manchmal, wenn ihre Chat-Partnerinnen vor der Webcam zum Spaß strippen. Die wissen oft gar nicht, dass man die Übertragung überhaupt speichern kann. Aber auch auf den Profil-Seiten von Sozialnetzwerken porträtieren sich Mädchen gern stark geschminkt und spärlich bekleidet.

Sexualisierung der Selbstdarstellung

Petra Grimm beobachtet eine "Sexualisierung in der Selbstdarstellung": "Die Mädchen tendieren dazu, sich als sexy darzustellen. Sie wollen begehrenswert erscheinen." Der Grat zwischen den Topmodel-Träumen, die sie bei Heidi Klum auf Pro7 verfolgen, und der Internet-Amateurpornographie auf YouPorn, die ihre Freunde oft ansehen, ist schmal.

Am Anfang finden es manche aufregend, Hauptdarstellerin eines Sexclips zu sein, vielleicht sogar noch, wenn die ersten Klassenkameraden sich das auf ihren Handys anschauen. Wie sehr sie sich damit in den Augen der anderen selbst entwerten, wird ihnen manchmal erst später bewusst. "Es fällt immer wieder das Wort Schlampe", stellt Grimm fest.

Das ganze Ausmaß erkennen sie oft erst, wenn die Aufnahmen sich wie ein Virus im Internet und auf Handys verbreiten. Dann können selbst Anwälte nur noch wenig tun, die Clips wieder aus dem Verkehr zu ziehen. Man müsse sensibel vorgehen, sagt ein Anwalt. Es könne passieren, dass der Clip sogar noch häufiger auftaucht, wenn etwa durch eine Anzeige eines mutmaßlichen Täters auf ihn aufmerksam gemacht wird.

Gisela Gille ist Frauenärztin und klärt seit Jahrzehnten Mädchen im Teenageralter an Schulen auf. Sie interpretiert die Sex-Clips als Rebellion, ein immer verzweifelterer Versuch der Abgrenzung zu den Eltern. "Die Mutter hat ein Arschgeweih, der Vater trägt das Baseballcap falschrum", sagt sie. Um sich zu unterscheiden, fühlten sich die Jugendlichen gezwungen "die Grenze noch etwas weiter zu überschreiten."

Gesetz verbietet Kinder- und Jugendpornographie

Schnell gerieten sie dabei aufs Terrain des rechtlich Unzulässigen. Zumal manche gesetzliche Grenzen gerade erst gezogen werden. Nur wenige Monate liegt eine Verschärfung des Strafgesetzbuches zurück, dessen Pornographie-Paragraph 184 nun nicht nur Kinder-, sondern auch Jugendpornographie von 14- bis 18-Jährigen verbietet. Teenager sollen so vor sexueller Ausbeutung geschützt werden. Filmen sie sich jedoch gegenseitig, und sind alle einverstanden, wird es rechtlich kompliziert. Soll man die Jugendlichen kriminalisieren, so wie es zurzeit in den USA geschieht?

Der Strafverteidiger Hanno Durth, der gelegentlich mit solchen Fällen zu tun hat, glaubt, dass die jeweiligen Gerichte entscheiden müssen: "Was ist eigentlich das Schädliche im Einzelfall?" Ist es noch in Ordnung, wenn Petra ihrem Freund Michael Nacktbilder von sich selbst schickt - und alle sind einverstanden? Aber was ist, wenn Michaels Kumpel Sven die Fotos auch sieht: Verbreitung von Pornographie? Selbst dann, wenn Petra nichts dagegen hat? Sollten die beiden unter 14 sein, hätte sich die Sache sowieso erledigt: Sie wären gar nicht strafmündig.

Die Rechtsprechung, glaubt Durth, müsse sich an die veränderte Sexualwelt der Teenager erst "nach und nach herantasten". Hinzu kommt: Viele Mädchen zögern auch nach der Trennung vom Freund, ihn wegen der Verbreitung privater Aufnahmen anzuzeigen. "Die meisten gehen bestimmt nicht zu den Eltern und sagen: Der verbreitet Videos, auf denen ich Oralverkehr mit ihm mache", sagt Thorsten Gems von Procomb.

Die Eltern bekommen so von den Problemfällen wenig mit. Das Handy, diagnostiziert Medienwissenschaftlerin Grimm, empfinden viele Teenager fast als Teil ihres Körpers. Und den mögen sie zwar ausgewählten Freunden zeigen - und gelegentlich absichtlich oder unabsichtlich auch einer weniger ausgewählten Gemeinde im Internet. Ihren Eltern aber noch lange nicht.

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