Jens Großpietsch ist ein erfahrener Mann. Knapp 30 Jahre als Lehrer und Leiter einer Berliner Brennpunktschule auf dem Buckel; ein Reformer, der allerorten anerkannt ist. Unter seiner Ägide wandelte sich die Heinrich-von-Stephan-Schule von einer verruchten und verrufenen Lernanstalt zu einer bundesweiten Vorzeigeeinrichtung.
Fragt man ihn nach der Früherkennung möglicher Amokläufer, schnaubt der 59-Jährige allerdings geradezu in den Telefonhörer: "Wenn ich nach den Kriterien - einsam, Außenseiter, in einer akuten Krise, Computerspieler - die Schülerschaft durchgehe, dann sitzen in der einen Klasse fünf, in der zweiten sieben und in der dritten acht. Soll ich die alle als potenzielle Amokläufer betrachten?"
Schulpsychologen sollen bundesweit Lehrer und Schulleiter bei ihrer Arbeit mit schwierigen Schülern unterstützen. Dazu gehört die Vermittlung zwischen Eltern und Schule, Ämtern und therapeutischen Diensten. In der Praxis kennen Schulpsychologen allerdings die meisten Schüler gar nicht. In der Regel sind sie für einen ganzen Bezirk zuständig und kommen nur stundenweise in jede Schule. International liegt Deutschland bei der schulpsychologischen Betreuung weit hinten. Mehr als 10 000 Schüler kommen auf jeden Schulpsychologen; in Dänemark und in der Schweiz liegt das Verhältnis bei unter 1:1000. Im Vergleich der Bundesländer liegt Baden-Württemberg auf dem drittletzten Rang. Dort kümmert sich ein Schulpsychologe um gut 17 000 Schüler. In Hamburg ist ein Psychologe für rund 5500 Schüler zuständig, in Niedersachsen für 26 000. Nach dem Amoklauf von Erfurt wurden bundesweit gemeinsam mit der Polizei Notfall- und Krisenpläne für die Schulen mit Verhaltens- empfehlungen erarbeitet, etwa die Warnung an alle Schüler über Lautsprecher oder die Taktik, sich schnellstmöglich im Klassenraum zu verbarrikadieren. In Baden-Württemberg wurden seit Beginn des Schuljahres 2006/07 schulinterne Krisenteams gebildet. Manche Schulen nutzen auch das Angebot von Experten, Sicherheitstrainings zu absolvieren, die bereits im Vorfeld ansetzen: also beim Erkennen möglicher problematischer Schüler. jago/dpa
Jene Liste der Verbesserungsvorschläge, die Jens Großpietsch und jeden anderen Schulleiter in Deutschland in diesen Tagen erreichen, ließe sich aus seiner Sicht beliebig verlängern. Hinweise, die der resolute Berliner für wertvoll und umsetzbar hält, sind darunter kaum. Wachschutz und Metalldetektoren am Schultor? "Schaffen eine völlig kontraproduktive Atmosphäre. Wie fühlt sich ein Schüler, der jeden Morgen durchsucht wird?" Ernstfalltrainings mit den Lehrern? "Leuten ernsthaft beizubringen, sich in einer extremen Situation rational zu verhalten, ist für eine Schule nicht leistbar. Keiner von uns ist dafür ausgebildet; der Aufwand wäre immens." Klassenzimmer von innen abschließen? "Dürfen wir aus Brandschutzgründen gar nicht. Und was ist wahrscheinlicher? Ein Feuer oder ein Amoklauf?" Ein grober Notfallplan, wer im Ernstfall was tun und sich wohin bewegen solle, sei sinnvoll, sagt Großpietsch. "Aber viel mehr ist nicht drin."
Wie kann sinnvolle Prävention dann aussehen? Großpietsch setzt auf das Schulklima. Auf Lehrer, die Zeit und Interesse haben, sich die Klassen genau anzugucken, ihre Schüler respektieren und dabei mithelfen, dass aus Lerngruppen Gemeinschaften werden. Die darauf achten, dass weder sie die Schüler noch diese sich untereinander mobben, den Rückzug Einzelner ernst nehmen und reagieren. "Wenn in der Klasse etwas schiefläuft, ist das schon einmal wichtiger als Mathe", konstatiert der Schulleiter, "eine Schule ist nicht nur Lern- sondern Lebensraum." Sind die Lehrer denn dafür ausgebildet? Nein, sagt er, "die Lehrerausbildung ist ja bekanntlich ein trauriges Kapitel."
Bei 70 Prozent Fachanteil im Studium bleibe weniger als ein Drittel für Didaktik und Pädagogik - und ein verschwindend geringer Anteil für die Vorbereitung auf den Umgang mit Problemschülern verschiedener Couleur. Aber, sagt Großpietsch: "Geistesgegenwärtige, gelassene und engagierte Lehrer können eine ganze Menge." Nicht zuletzt können sie: Hilfe holen. "Ohne kreative Lösungen geht es nicht", meint Robert Hasse, Leiter einer Kreuzberger Hauptschule mit vielen Schülern ohne rosige Zukunftsaussichten. Zwei Sozialpädagogen hat Hasse für die Carl-Friedrich-Zelter-Hauptschule erkämpft, Honorarkräfte und Freiwillige für Arbeitsgemeinschaften und Förderstunden angeheuert; auch die Polizei kommt für Anti-Gewalt-Trainings ins Haus.
Am Donnerstag, an jenem Tag nach dem Amoklauf, tauschten sich alle Klassen im Ethik-Unterricht über die Tat des Tim K. aus und was sie darüber dachten. Das oberste Ziel Hasses lautet: die Schule als Ort der Hoffnung zu gestalten, nicht als Ort der inneren Abwehr von allen, die sie betreten. Dazu gehöre zuoberst, die Schüler ins Boot zu holen, sagt Hasse: "Wenn Mitschüler Verantwortung füreinander übernehmen, ist schon viel gewonnen."
Eine Garantie, dass keiner ihrer Schüler der nächste Amok-Läufer ist, ist all das nicht. Aber, sagt Jens Großpietsch: "Alles andere, was gerade vorgeschlagen wird, ist das auch nicht."
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