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14. Juli 2011

Problematische Uran-Gewinnung: Der Wilde Westen strahlt stärker als Fukushima

 Von Andreas Geldner
Silhouette eines Indianers im Pine Ridge-Reservat.  Foto: REUTERS

Wo die USA ihr Uran gewinnen, verseuchen die Minen die Umwelt massiv mit Radioaktivität – viele Indianer müssen darunter leiden.

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Rapid City –  

Die massiven Würfel sehen aus, als habe sie ein Riese achtlos in der Prärie verstreut. Bis zum Horizont liegen die nummerierten Boxen im weiten hügeligen Nordwesten von Nebraska in der Landschaft. Sie sehen harmlos aus, doch sie markieren Hunderte Bohrlöcher, die aus 300 Metern Tiefe eine toxische Brühe aus Wasser und Mineralienschlamm zutage fördern. Der Schatz, der heute im Westen der USA, dem einstigen Land der Goldsucher, gehoben wird, ist Uran – für Kernkraftwerke in aller Welt.

In einem Blechschuppen neben dem weitläufigen Fördergelände wird täglich eine Tonne Urankonzentrat aus dem Schlamm gelöst. Vor dem Eingang der Crow-Butte-Mine verdunstet das Schmutzwasser dann in der Sommerhitze. Der Wind weht radioaktives Radon in die nahe Ortschaft Crawford, deren Friedhof die makabre Kulisse liefert: die Grabkreuze liegen vor der Förderanlage.

Der Geologe Hannan LaGarry hat einen Lehrstuhl an einem College im benachbarten Indianerreservat Pine Ridge in South Dakota und ist hier der Störenfried. Er hat sich nicht nur den Hippiebart bewahrt, sondern auch einen für die konservative Gegend ausgeprägten Widerspruchsgeist. LaGarry sammelt Fakten und Beobachtungen zum Uranabbau. Etwa den Bericht eines Arztes in Crawford, aus dessen Wasserhahn immer dann, wenn die Pumpen an den Bohrlöchern surren, grünliches Wasser kommt. Obwohl das Schürfunternehmen Cameco beteuert, man erfülle alle Auflagen und sei sich „sehr sicher“, dass das Grundwasser geschützt sei. „Alle radioaktiven Emissionen aus allen Aktivitäten unseres Betriebes sind sehr niedrig“, sagt Pressesprecher Kenneth Vaughn. Messergebnisse sind aber auf mehrfache Anfrage nicht zu erhalten.

Narben des Atomzeitalters

Der Geologe LaGarry sagt, die Genehmigung der 1991 eröffneten Mine habe auf veralteten Daten beruht. „Das war der Wissenstand von vor 50, 60 Jahren. Heute mehren sich Indizien, dass man die Anlage nie hätte betreiben dürfen. Die Brüche und Falten, wo das angeblich eingedämmte Schmutzwasser davonfließt, siehst du sogar aus dem Weltall.“ Cameco sagt, ein Risiko sei ausgeschlossen.

Es gibt viele Narben des Atomzeitalters in Nebraska, South Dakota und Wyoming, die meisten sind Jahrzehnte alt. Von mindestens 270 verlassenen Minen spricht die Umweltorganisation „Defenders of the Black Hills“ allein im Westen South Dakotas. Saniert wurden diese Hinterlassenschaften nie.

Während Deutschland den Atomausstieg wagt, tun die USA das Gegenteil. Selbst nach dem Unglück von Fukushima ist der Ausbau der Kernkraft eines der wenigen Felder, auf denen sich Demokraten und Republikaner einig sind. Das Uran soll verstärkt aus dem eigenen Land kommen. Dafür ist der Westen ein ergiebiges Terrain. Er ist dünn besiedelt und hat mit Umweltvorschriften wenig am Hut. Dank einer neuen Fördermethode, die das Uran mit Hilfe von in die Tiefe gepumptem Wasser zutage fördert, ist der Abbau wieder lukrativ geworden. Doch niemand kennt die langfristigen ökologischen Folgen.

Hannan LaGarry kann sich die kritischen Fragen nur leisten, weil er Rückendeckung von seinem indianischen College hat. Sein früherer Arbeitgeber, eine staatliche Universität in Nebraska, drohte ihm mit Entlassung, als er begann, die Uranmine unter die Lupe zu nehmen. „Ich kenne zwei staatliche Geologen, die ihren Job verloren haben, weil sie kritische Analysen über die Uranindustrie erstellten. Es gibt nur ein Häuflein Ökologen und die Indianer, die nicht einzuschüchtern sind“ sagt er.

Solange vor allem die Indianer von Umweltfolgen betroffen sind, schauen die weißen Politiker der Region weg. „Das ist South Dakota. Das ist der Wilde Westen“, sagt die indianische Umweltaktivistin Charmaine White Face. Seit langem ist bekannt, dass das Wasser im Reservat der Sioux mit Radioaktivität und anderen in den alten Minen anfallenden Giftstoffen wie Arsen verseucht ist. Die US-Umweltbehörde schloss in den vergangenen Jahren mehrere Brunnen. Nachdem in einer Familie des Reservats drei Töchter, die Mutter und die Großeltern an Krebs gestorben waren, ergaben Messungen katastrophale Werte. „Es gibt Orte, wo die Gammastrahlung das Risiko für tödliche Krebserkrankungen 858 Mal erhöht“, sagt White Face, deren „Defenders of the Black Hills“ auf eigene Kosten überall in der Region Wasserproben entnehmen ließen. Die Behörden messen nicht systematisch. Das sei zu teuer, heißt es.

Flucht in den Bankrott

Die Bedrohung beschränkt sich nicht auf die Indianerreservate. Im Nordwesten von North Dakota, in einem winzigen Ort namens Ludlow, steht eine Grundschule direkt neben dem Gelände einer ehemaligen Mine. Hier wurde kürzlich eine Strahlenbelastung von fast 18 Mikrosievert pro Stunde gemessen. In weniger als zweieinhalb Tagen wird hier die Dosis überschritten, die in Deutschland als tolerabler Wert für ein ganzes Jahr gilt. An anderen Stellen rings um den Ort wird das Strahlenlimit, das japanischen Schulkindern nahe Fukushima zugemutet werden darf, um das Sechs- bis Achtfache übertroffen.

Doch eine oberflächliche Abdichtung der Mine mit Plastikplanen scheiterte schon im Ansatz. Die US-Bundesregierung hatte dafür zwölf Millionen Dollar (rund 8,5 Millionen Euro) vorgesehen. Der frühere Eigentümer, der sich beteiligen sollte, flüchtete in den Bankrott. „Das konnte mit dem bisschen Geld nie funktionieren“, sagt Charmaine White Face. Zum Vergleich: Die Kosten zur Sanierung des ehemaligen Wismut-Uranbergbaus der früheren DDR werden mit 6,5 Milliarden Euro veranschlagt. Hinter der Schule von Ludlow warnt nun lediglich ein kleines gelbes Schild davor, das Gelände mehr als 24 Stunden im Jahr zu betreten.

In Crawford sind Attacken auf die Mine als größten Arbeitgeber des Ortes unpopulär. „Hier im Westen sind die Leute wenig mit der Gegend verwurzelt, in der sie leben“, sagt der Geologe LaGarry. „Wenn es schlimm wird, kann ich ja wegziehen, sagen sie sich. Die einzigen, die sich engagieren, weil sie sich mit dem Land verbunden fühlen, sind die Indianer.“

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