Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

13. April 2010

Projekt Hochmoselbrücke: Joschka Fischer kämpft um Weinberg

 Von Karl Doemens
Ex-Außenminister Fischer (li.) und Weinpapst Hugh Johnson. Foto: dpa

Im Kampf gegen die Moselbrücke formiert sich die erste Liga der Rieslingfreunde, um das Tal zwischen Hunsrück und Eifel zu retten. Ex-Minister Joschka Fischer und andere Grüne üben Protest. Von Karl Doemens

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Berlin. So entschlossen und doch umgänglich hat man Joschka Fischer lange nicht gesehen. In der linken Hand ein 2008er Bernkasteler Lay Riesling, die Rechte in der Hosentasche, schlendert der frühere Außenminister durch sein vollbesetztes Stammlokal. Herzlich grüßt er einen älteren Herrn auf der einen und eine Dame mit Pagenschnitt und Schmetterlingsbrille auf der anderen Seite, schwärmt von "Mineralität" und "nationalem Erbe", bevor er über ein Projekt "aus Zeiten des Kalten Krieges" zu wettern beginnt.

Rund 160 Meter hoch und 1,7 Kilometer lang soll das Monstrum werden, das viele hundert Kilometer entfernt im Westen die Höhen von Hunsrück und Eifel verbinden soll. Wahrscheinlich wäre der Andrang in dem Charlottenburger Lokal nicht ganz so groß, wenn sich zwischen den Bergrücken nicht die Mosel schlängeln und an ihren Schieferhängen die wohl besten Rieslinge Deutschlands reifen würden. "Ich habe viel getrunken rund um die Welt", gesteht Fischer, der seinen langen Diät-Lauf glücklicherweise erkennbar beendet hat, "aber so etwas wie ein deutscher Moselriesling ist einmalig."

Vision Hochmoselbrücke: Befürworter attestieren ihr enorme Impulse -  Gegner fürchten um den einmaligen Riesling.
Vision Hochmoselbrücke: Befürworter attestieren ihr "enorme Impulse" - Gegner fürchten um den "einmaligen" Riesling.
Foto: Montage: dpa

Weinkenner weltweit in Panik

Ausgerechnet über die Top-Lagen "Bernkasteler Lay" des Spitzenwinzers Ernst Loosen und "Graacher Himmelreich" seiner jungen Kollegin Katharina Prüm, die bei der Berliner Verkostung ihr betörendes Bouquet entfalten, soll die gigantische Brücke mit ihren Zubringertrassen führen. Die Winzer und eine örtliche Bürgerinitiative fürchten nicht nur Verschattung und Fallwinde. Vor allem, so Katharina Prüm, könnten die Schneisen für die Schnellstraße das Wasserreservoir für die berühmten Steillagen abschneiden. Loosen kehrt gerade von einer Reise nach Taiwan, Neuseeland und Singapur zurück. "Überall wurde ich nur gefragt: What´s going on with this fucking bridge?"

Das fragen sich längst Riesling-Liebhaber in aller Welt, seit Weinpapst Hugh Johnson, der Autor des "großen" und des "kleinen" Führers, und seine Kollegin Jancis Robinson, die kaum minder legendäre Autorin einer Kolumne in der Financial Times, jenseits des Kanals und des Atlantiks die Alarmglocken schrillen lassen. Die Washington Post, das Wallstreet Journal und die New York Times haben über den drohenden Umwelt-Skandal berichtet. Nur daheim in Rheinland-Pfalz blieb es lange Zeit erstaunlich ruhig.

So entbehrt es nicht einer gewissen Logik in der bizarren 40-jährigen Geschichte des Projekts der Hochmoselbrücke, dass sich die internationale Weingemeinde an diesem Sonntag bei einem Chinesen in Berlin zusammenrottet, während bei Bernkastel-Kues die ersten Bagger anrollen. Herr Wu, der Pächter des Restaurants, hat eine imposante Weinliste voller deutscher Rieslingweine, weil die säurehaltigen Gewächse erstaunlich gut zu seinem würzig-scharfen Essen passen. Der Einladung zu der Protestverkostung sind neben Fischer auch Grünen-Fraktionschefin Renate Künast und andere Grünen-Politiker gefolgt. Johnson und Robinson sind eigens aus England eingeflogen, ein Fernsehteam der BBC ist ihnen auf den Fersen. "Ich reise nach Deutschland, um die deutschen Medien im Kampf gegen die Moselbrücke wachzurütteln", hat Robinson vor ihrer Abreise bei Twitter gemeldet.

Während die fruchtsüße "Zeltinger Sonnenuhr" 2007 ausgeschenkt wird, weicht ein leichter Duft von Revolution aus der 35 Euro teuren Flasche. "Hier wird Steuergeld herausgeschmissen, das der Region schadet", schimpft Künast. Nicht nur der Wein, sondern auch die Mosel insgesamt als "Kulturlandschaft" und Tourismusziel sei bedroht. "Sie glauben nicht, wieviele Winzer in aller Welt froh wären, so einen Wein zu machen", erklärt Robinson. Die Franzosen, so glaubt sie, wären längst gegen eine solche "furchtbare Brücke" Sturm gelaufen. "Warum erlauben die Deutschen das?", fragt die Britin. Ihr Landsmann Stuart Pigott, der schon seit 1994 in Deutschland lebt und sich den Sinn für exzentrische Karo-Anzüge und drastische Aussprüche bewahrt hat, schaltet einen Gang höher: "Diese gewaltige Scheiße ist unter der Führung von Herrn Beck zustandegekommen: Shame on you, Mister Beck!"

Tatsächlich hält der rheinland-pfälzische Ministerpräsident, der sich gerne volksnah auf Weinfesten ablichten lässt, das monströse Bauwerk immer noch für ein Zeichen des Fortschritts. Die Schnellstraße sei von "herausragender Bedeutung" und bringe "enorme Impulse" für die abgelegene Region, verteidigt sein SPD-Wirtschaftsminister Hendrik Hering das 270-Millionen-Euro-Projekt, das vor Jahren schon beerdigt schien - bis 2008 plötzlich die schwarz-rote Bundesregierung den Löwenanteil der Finanzierung übernahm.

Protest juristisch chancenlos

Juristisch hat der Widerstand praktisch keine Chance mehr, seit 2007 das Bundesverwaltungsgericht die Einsprüche zurückwies. Doch politisch scheint der bevorstehende Baubeginn den Protest der Weinliebhaber erst richtig angefacht zu haben. "So eine Finesse findet man bei keinem Wein der Welt", schwärmt Johnson über den Moselriesling. Ein Brief von Hering, in dem der Minister ihm empfahl, sich um den Wein und nicht um Straßen zu kümmern, hat den Weinpapst in Rage versetzt: "Ich lege mein Herz und meine Seele in diese Schlacht", bricht es aus ihm heraus.

Der alte Straßenkämpfer Fischer schaut wehmütig drein. "Es ist ein bisschen beschämend für uns, dass wir von solchen Koriphäen aufgerüttelt werden müssen", findet er. Dann ruft Johnson: "Wir werden sie schlagen!" und der Vizekanzler a.D. klatscht begeistert Beifall.

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