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20. Januar 2013

Promis und Oberlippenbärte: Der Schnauzer ist zurück

 Von Marcus Weingärtner
Der Oberlippenbart aller Oberlippenbärte: "Magnum"-Darsteller Tom Selleck. Foto: picture-alliance / dpa

Jude Law trägt ihn, Tom Hanks und Brad Pitt auch: Nach dem Vollbart erlebt der Schnäuzer seit einiger Zeit seine Renaissance. Warum eigentlich?

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Viele schwule Freunde des Autors, die in den 70er-Jahren geboren wurden, erzählen gerne von einem Erlebnis, dass das Ende der Kindheit und den Beginn der Pubertät mit einer ersten und doch recht glühenden Zuneigung zum eigenen Geschlecht markierte: Es war die Ausstrahlung der so netten wie seichten US-amerikanischen Fernsehserie Magnum.

In der Hauptrolle: Tom Selleck, ein mittelmäßig begabter Schauspieler, der in der Serie einen Privatdetektiv auf Hawaii spielte. Selleck war zumeist angetan mit einer sehr kurzen Hose und einem Hawaiihemd, aus dem viel Brusthaar quoll, durch das sanft der Südseewind fuhr. Doch (es waren weder die Beine, noch die Behaarung,) es war der Schnäuzer im Gesicht des Schauspielers, der das adoleszente Blut kochen ließ.

Es war diese vertikale Bürste aus dunklem, borstigen Barthaar, die Tom Sellecks Gesicht so strikt trennte, wie ein guter Türsteher Club und renitenten Gast an einem Samstagabend. Seit Jahrzehnten feiert der Schnäuzer, der Schnurri, der Schnorres alle paar Jahre nun sein eigenes Revival in Männergesichtern, die somit quasi über Nacht vom Milchbubi zum Macker reifen und lässt aktuell auch das ein oder andere Hipstergesicht zum Hingucker werden.

Anders als der Vollbart, der Männervisagen seit dem Beginn der 2000er-Jahre wieder verschönert, ist der Schnäuzer jedoch mehr Statement als reine Zier. Wer sein Gesicht verstecken möchte, ihm eine männliche, irgendwie geheimnisvolle Note verleihen will, der wählt, sofern es der Bartwuchs zulässt, den Vollbart. Der Schnäuzer hingegen versteckt nicht, er sagt: Seht her, ich bin so viel Mann, dass dieser schmale Streifen harten Haares über meinem Mund ausreicht, um es zu betonen, mehr braucht es nicht.

Der Schnäuzer ist ein Signal der Männlichkeit, komprimiert auf ein paar Zentimeter oberhalb der Oberlippe; wo der Vollbart die große Bühne ist, da ist der Schnäuzer das Off-Theater, ein knackiger Hinweis auf Testosteron, Wildheit und Sexualität, wie sie nur Sportlehrern und Pornostars der 70er-Jahre zu eigen ist.

Autorität und Männlichkeit

Und in eben dieser Retroverknalltheit, die alles liebt, was in den vergangenen Jahrzehnten Popkultur war, liegt der Grund für die Renaissance des Oberlippenbarts. Er ist Teil einer Verortung in vermeintlich besseren Jahren. So erscheint es einem rückwirkend doch immer: Die Sommer waren länger, die Weihnachtsgeschenke schöner und die Männer waren noch richtige Männer. In der Erinnerung sehen sie alle aus wie der kürzlich verstorbene SPD-Politiker Peter Struck, dessen Bürste ihm Autorität und jene Art männlicher Selbstverständlichkeit verliehen, die seine Generation auszeichnet. Im Trend lag Strucks Schnäuzer in jedem Fall.

Und vielleicht ist es ja auch so, dass in unsicheren Zeiten wieder vermehrt ein eindeutiges Bekenntnis zum eigenen Geschlecht gefordert ist. Wenn alles den Bach runtergeht, will man ja schließlich nicht wirken, als ob man selbst noch nicht genau wüsste, wo man hingehört. Dann sind andere Qualitäten gefragt, wie aktuelle Diskussionen um genderspezifisches Spielzeug zeigt: Mädchen sollen mit Spielzeug in pink auf ein Leben als süße Maus vorbereitet werden und Jungs mit Bob der Baumeister auf eine Zukunft als Mover und Shaker. Oder Sportlehrer, Bundeswehroffizier, Waldarbeiter oder Privatdetektiv. Seltener als Pornodarsteller.

Doch ist der Schnäuzer, und da wird er interessant, durchaus auch als Mittel zur Ironie tauglich. Ein Vollbart ist ein Vollbart, und solange man keine Blümchenmuster rein rasiert, bleibt er das auch; er dominiert das Gesicht. Ein Schnäuzer hingegen kann durchaus Humor transportieren.

Der amerikanische Trash-Filmemacher John Waters („Pink Flamingo“ und „Hairspray“) hat seinen Schnurrbart zu einem so genannten Menjou-Bärtchen degradiert, einer bleistiftdünnen Linie, einem Witz von einem Bart. Trotzdem bleibt Waters über alle Zweifel erhaben, sein Bärtchen scheint augenzwinkernd zu rufen: „Hey, ich ziere einen Mann, der Geschichte geschrieben hat. Mehr als bleistiftdünn muss ich nicht sein. Auch wenn mein Träger damit zuweilen aussieht wie eine Mischung aus Dragking und mexikanischem Drogenbaron.“

Zu lackiert in Form gebracht

Natürlich gibt es auch Beispiele für Schnäuzerträger, bei denen Hopfen und Malz verloren sind. Rudolph Mooshammer, so sympathisch wie skurril, war so einer, bei dem niemand jemals den Begriff „Schnauzbartträger“ verwendet hätte. Zu lackiert und in Form gebracht waren alle schwarzen Haare des tragisch ums Leben gekommen Modemachers. Auch George Clooney sieht mit Schnurrbart irgendwie seltsam verkleidet aus. Handballtrainer Heiner Brand hingegen mag man sich ohne seine Walrossbürste kaum vorstellen.

Und dass ein Schnäuzer einen Mann durchaus attraktiver und seriöser wirken lassen kann, hat man beim Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer gesehen. Seit ihn seine Gefährtin Veronica Ferres zur Rasur nötigte, ist auch die markante Männlichkeit irgendwie dahin. Um es mit Salvador Dali, dem surrealsten aller Schnauzbartträger, zu sagen: „Ohne Schnurrbart ist ein Mann nicht richtig angezogen.“

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