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16. Februar 2016

Prostitution : Die entrechteten Frauen von Myanmar

 Von Kristin Oeing
Die Illegalität drängt Prostituierte in Myanmar in den Untergrund, in schmuddelige Hinterhöfe oder illegale Hinterzimmer von Bars.  Foto: Getty Images

In Myanmar wächst das Geschäft mit der Not von Frauen. Prostituierte verkaufen ihre Körper für zwei Euro, leben in vermüllten Armenvierteln und abgeschotteten Bordellen. Ein Besuch.

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Zwei Männer schreien düstere Worte über die Straße. Besudelte Leibchen schlabbern um ihre knochigen Oberkörper. Der eine torkelt, während sich sein Kumpan breitbeinig an den Rand des abbröckelnden Bordsteins stellt. „Was wollt ihr hier? Ihr habt hier nichts zu suchen! Fahrt weiter!“ Ein Dritter gesellt sich zu ihnen, die Stirn in Falten gelegt, die Augen zusammengekniffen, eine Bierflasche in der Hand. Die freundlichen Straßen der alten myanmarischen Hauptstadt Yangon, die einem im Licht der Sonne golden zulächeln, sind den Schatten der Nacht gewichen. Plötzlich hält ein weißer Transporter am Straßenrand an, eine Frau im traditionellen Wickelrock spricht mit den Insassen, nickt und steigt ein.

Die Kreuzung im Tharketa Township kennt Ei Phyu, 29 Jahre alt, gut. Viele Abende hat die junge Witwe auf den zerbrochenen Gehwegplatten gestanden und im Gestank der Abgase auf Kunden gewartet. Seit zwei Jahren ist sie Sexarbeiterin. An ihren ersten Freier kann sie sich gut erinnern, „nach dem Sex zahlte er nicht, rannte einfach weg“. Einige Tage später sollte sie zusammen mit ihrer Cousine auf ein Boot kommen, zwei Männer würden dort auf sie warten, sagte man den Frauen. „Doch plötzlich standen acht Männer vor uns, wir hatten keine Chance zu fliehen. Am nächsten Morgen warfen sie uns einfach über Bord.“

„Das Geld reichte einfach nicht“

Ei Phyu sitzt in einem rosagestrichenen Besprechungsraum eines kleinen Hauses, weit weg von den goldenen Pagoden der Stadt, die Touristen in Scharen anziehen. Vor vier Jahren hat die internationale Hilfsorganisation CARE hier ein Refugium für Prostituierte und Aussteigerinnen errichtet. Neben Ei Phyu sitzt die 30-jährige Khin Nyein, die den Ausstieg bereits geschafft hat. Ihr Mann wusste nichts von ihrem Nebeneinkommen. Sie arbeitete tagsüber, drei oder vier Stunden nur, so fiel ihre Abwesenheit nicht auf. „Das Geld reichte einfach nicht, ich wusste keinen anderen Ausweg.“

Im Straßenbild würden die zwei Frauen nicht weiter auffallen. Sie tragen Longhis, landesübliche Wickelröcke, Ei Phyus Wangen ziert die traditionelle gelblich-weiße Thanaka Paste. High Heels oder aufreizende Kleidung sind für die Frauen Tabu. Niemand soll sehen, womit sie ihr Geld verdienen. Denn Prostitution ist in Myanmar offiziell verboten. Wer erwischt wird, landet schnell für mehrere Jahre hinter Gittern. Ei Phyu erinnert sich an eine Nacht, in der sie drei Polizisten ansprachen. „Ich bin ein netter Mensch“, sagt einer von ihnen, „ich werde dich nicht ins Gefängnis stecken.“

Die drei Männer wollten Geld von ihr, 25 000 Kyat, umgerechnet gut 20 Euro. Das ist viel Geld für die junge Frau, weit mehr als sie an den meisten Tagen verdient. Sie musste zahlen, weil sie eine Familie hat, die auf ihr Einkommen angewiesen ist, und zwei Kinder, die noch zu klein sind, um ohne ihre Mutter zu sein. Doch mit dem Geld allein gaben sich die Männer nicht zufrieden. Ei Phyu lacht bitter. „Sie wollten Sex, alle drei.“ Die Polizisten bedrängten sie, also gab die junge Frau ihnen in einem Hotelzimmer, was sie verlangten. Die Männer nahmen sie trotzdem mit zur Wache, ließen sie erst nach einigen Stunden wieder gehen.

Thu Zar Win kennt diese Rechtsbrüche zur Genüge. Die CARE-Mitarbeiterin koordiniert das im Jahr 2011 gegründete SWIM-Projekt (Strengthening Women’s Co-operatives in Myanmar) in Yangon, das mittlerweile Prostituierten in vielen Teilen des Landes hilft. „Einige Freier sind gewalttätig, schlagen auf die Sexarbeiterinnen ein, andere nehmen ihre Kleider an sich und werfen sie in den Straßengraben“, sagt Thu Zar Win, eine kräftig gebaute Frau im violetten Longhi. Prostituierte zählen in Myanmar neben Transsexuellen und Drogenabhängigen zu der am meisten verfolgten Gruppe. „Die Polizei hat Quoten, die sie erfüllen müssen, wenn sie nicht genug Sexarbeiterinnen verhaften, bekommen sie Ärger mit ihren Vorgesetzten.“ Innerhalb eines halben Jahres seien 250 Prostituierte aus dem Tharketa Township eingesperrt wurden. Als Beweis reiche den Polizisten oft schon ein Kondom, das die Frauen bei sich tragen.

Verbote = fehlende Aufklärung

Dabei sind Kondome offiziell keine Beweisstücke, sagt Thu Zar Win. Doch niemand möchte ins Fadenkreuz der Polizei geraten. „Das Verbot der Prostitution und die dadurch fehlende Aufklärung ist eine gefährliche Kombination.“ Die Illegalität drängt die Frauen in den Untergrund, in schmuddelige Hinterhöfe und illegale Hinterzimmer der Bars, so werden sie für Hilfsorganisationen unerreichbar. HIV ist zum Problem geworden. Inzwischen hat Myanmar nach Thailand und Kambodscha die dritthöchste HIV-Rate in Asien, jährlich sterben etwa 20 000 Menschen an Aids, schon 2012 galt fast jede fünfte Sexarbeiterin als HIV-positiv.

Die vielen Neuwagen und in Eile hochgezogenen Hochhäuser, die Touristenscharen in der Altstadt und die mit Importwaren vollgestopften Einkaufszentren, sie gehören nicht zur Lebenswelt der Sexarbeiterinnen. Wer die Bayint Naung Bridge im Norden der Stadt überquert, sieht die Viertel der Stadt, die in keinem Reiseführer erwähnt werden. Statt kolonialer Wohnhäuser reihen sich einfache Bambushütten aneinander. Das Leben in den auf Stelzen erbauten Häusern, unter denen sich Müllberge ansammeln, ist ein täglicher Kampf für die Bewohner. Ihre Kleider sind abgetragen, staubig, die Schlappen, die sich vor den Hütten aneinanderreihen, dünn wie Pappe.

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