Barcelona. Wenn Gemüsehändler und Fischverkäufer am Abend ihre Stände schlossen, verwandelten sich die Markthallen von Barcelona in ein Freiluftbordell. Hinter den Säulen der Arkaden rings um den Markt "La Boqueria" befriedigten Prostituierte aus Afrika für 20 Euro - oder weniger - ihre Freier. In der katalanischen Metropole war dies seit längerem bekannt. Daraus wurde nun ein Skandal, der in ganz Spanien für Schlagzeilen sorgte und eine Welle der Empörung auslöste.
Die größte Tageszeitung "El País" hatte in einer Reportage offengelegt, wie im Herzen der Millionenstadt Prostituierte und deren Kunden ungeniert unter freiem Himmel Sex hatten.
"Dies ist eine Katastrophe", meinte der Kommunalpolitiker Xavier Trias von den katalanischen Nationalisten (CiU). "Barcelona darf in der Welt nicht ein solches Bild abgeben. Es darf nicht die Sex- Hauptstadt sein." Der Gastronom Xefo Guasch beklagte: "Es gibt hier mehr Nutten als je zuvor." Die Behörden schoben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Die Stadtverwaltung von Barcelona musste sich vorhalten lassen, im Kampf gegen die Straßenprostitution allzu lax vorgegangen zu sein. Nach einer vor vier Jahren erlassenen Verordnung können Prostituierte und Freier zwar mit Bußgeldern von 120 bis 3000 Euro belangt werden. Die Zahl der verhängten Geldbußen ging jedoch kontinuierlich zurück.
Auf der Flaniermeile Las Ramblas auf Kundenfang
Barcelona wiederum gab der spanischen Regierung in Madrid die Schuld. Die Gemeindepolizei der Stadt habe seit Jahresbeginn 619 Prostituierte ohne Aufenthaltsgenehmigung aufgegriffen, betonte die Stadträtin Assumpta Escarp. Davon hätten die zuständigen Stellen in Madrid aber nur ein Prozent des Landes verwiesen.
Im Stadtteil Raval um den Markt "La Boqueria" hatte es schon seit Jahrzehnten Prostitution gegeben. Bis vor kurzem beschränkte sich die käufliche Liebe jedoch auf einschlägige Etablissements und billige Pensionen. In letzter Zeit gingen die Prostituierte jedoch auch auf der nahe gelegenen Flaniermeile Las Ramblas auf Kundenfang. Mit ihren Freiern verschwanden sie dann in dunklen Hauseingängen oder unter den Arkaden des Zentralmarkts.
Barcelona steht mit dem Problem des käuflichen Sex unter freiem Himmel in Spanien nicht allein da. In Madrid treiben Huren es mit ihren Freiern hinter den Büschen des Parks Casa de Campo, leichte Mädchen bieten ihre Dienste mitten in der Altstadt an. Auf Mallorca protestierten kürzlich 250 Bewohner von Magalluf gegen die Straßenprostitution. Aber damit nicht genug:In der Touristenhochburg griffen junge Leute zwei britische Urlauber an, die sich nach einer durchzechten Nacht unter freiem Himmel mit Prostituierten vergnügten. Einer der Touristen wurde von einem Angreifer so schwer verletzt, dass er später im Krankenhaus starb.
Katz-und-Maus-Spiel
In Barcelona verstärkte die Polizei jetzt die Patrouillen im Zentrum. Die Folge: Die Prostituierten verschwanden mit einem Schlag. Damit ist das Problem aber nicht gelöst, denn die jungen Frauen tauchten in anderen Gegenden der Stadt wieder auf. Der Kampf gegen die Prostitution ist in Spanien seit vielen Jahren ein Katz-und-Maus-Spiel der Sicherheitskräfte mit den Huren, denn der Polizei fehlt eine rechtliche Handhabe. Die käufliche Liebe - auch im Freien - ist in Spanien weder erlaubt noch verboten - es ist eine Grauzone.
Vor fünf Jahren beschloss das Parlament, dass etwas geschehen und die Gesetzeslücke geschlossen werden müsse. Die Abgeordneten hielten Debatten und befragten Experten. Dann aber kapitulierten sie. Das Parlament lehnte es ab, die Liebesdienste nach niederländischem Vorbild als eine legale Arbeit anzuerkennen. Es begründete dies damit, dass die meisten der schätzungsweise 350.000 Huren in Spanien von Mafia-Organisationen zur Prostitution gezwungen würden. Zu einem Verbot wie in Schweden konnte das Parlament sich aber auch nicht durchringen. Dies könnte nach Ansicht der Abgeordneten in Spanien nicht durchgesetzt werden. (dpa)
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