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03. Februar 2012

Protest im belgischen Ort Doel: Das Geisterdorf

 Von Jonas Rest
Marina Apers weicht nicht. „Nur über unsere Leichen“ steht auf dem Transparent an ihrem Haus in Doel.  Foto: Jonas Rest

Doel soll der Erweiterung des Hafens von Antwerpen weichen, die meisten Bewohner sind lange fort. Die letzten 21 aber harren tapfer aus hinter ihren Backsteinmauern.

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Doel –  

Wenn Marina Apers frühmorgens durch ihr Dorf geht, klappern Fensterläden an verlassenen Backsteinhäusern im Wind. Holzplatten verdecken eingetretene Türen und zersplitterte Fensterscheiben. Die Backsteinhäuser sind mit Graffiti übersät. Riesige Ratten haben sie auf die bröckelnden Fassaden gesprüht oder Krähen, zwei Stockwerke hoch. Aus den verwilderten Vorgärten schießen Katzen hervor. Sie sind übriggeblieben, und sie vermehren sich rasant.

Einst lebten in Doel, dem flämischen Polderdorf am Scheldeufer bei Antwerpen, mehr als 900 Menschen. Heute ist Marina – hier nennen sich alle nur beim Vornamen – eine von 21 Bewohnern. 21, die noch hier sind, obwohl sie nicht mehr hier sein dürften. Marina Apers ist die Anführerin ihres Widerstands.

Marinas Dorf soll sterben. Das hat die flämische Regierung vor fast 15 Jahren beschlossen. Dort, wo Doel liegt, soll ein neues Dock gebaut werden. Über vier Kilometer lang und mehr als einen halben Kilometer breit, eines der größten Containerdocks Europas. Für die Tiefsee-Containerschiffe aus Asien. Damit Antwerpen mit Rotterdam konkurrieren kann, dem größten Seehafen Europas.

Dabei haben sie bereits ein neues Dock gebaut. Es reicht bis an die östliche Grenze des Dorfes heran. Die gigantischen Kräne überragen die Häuser. Auf der anderen Seite von Doel steht ein Atomkraftwerk. Eingezwängt zwischen Industriehafen und den beiden 170 Meter hohen Kühltürmen des AKW, verlaufen wie ein Schachbrett die geraden, vor 400 Jahren angelegten Straßen des Dorfes, drei längs zum Deich, vier quer.

Keine Lebensqualität mehr

Marina Apers wohnt im letzten Haus an der Deichstraße, die am Tor des Atomkraftwerks endet. Die 51-Jährige putzt im AKW; dass es nur einige hundert Meter entfernt steht, sei praktisch. So steigt sie morgens um fünf vor sechs auf ihr Rad, um über den Deich zu fahren, und ist pünktlich um sechs da. Aus ihrem Küchenfenster kann sie die Kühltürme des Atomkraftwerks betrachten. Sie sehen aus wie zwei Vasen auf ihrem Fensterbrett. Findet sie.

Die Behörden finden, dass man in Doel nicht mehr leben kann. Nicht wegen des Atomkraftwerks, sondern wegen der Erweiterung des Industriehafens. Sie haben sogar eine „Leefbaarheidsstudie“ anfertigen lassen, um den Bewohnern nachzuweisen, dass man da, wo sie leben, gar nicht leben kann. Dass es dort keine Lebensqualität gäbe.

Vor zwölf Jahren begann eine halb staatliche Immobiliengesellschaft, den Dorfbewohnern ihre Häuser abzukaufen. Heute sind fast alle der über 400 Häuser in ihrer Hand. Bis auf zehn. In einem davon wohnt Marina Apers. Und ihr Haus wird sie nie freiwillig abgeben. „Nur über unsere Leichen“, heißt es auf dem weißen Transparent, das die Familie über ihr Fenster gespannt haben. „Doel muss bleiben“, steht auf dem, das darunter hängt.

Marina Apers’ Haus gleicht einer Festung. Die Vordertür ist verrammelt. Nur durch das Metalltor des Hintergartens kommt man noch in ihr Haus. Auf dem Tor hat sie einen Aufkleber angebracht: „Dieser Bereich wird videoüberwacht“. Wegen der Plünderer, die ihr Dorf immer öfter heimsuchen. Nebenan hat sie ein Schild montiert, auf dem „Bewohnt“ steht. Alle, die noch hier sind, haben solche Schilder. Wegen der Hausbesetzer.

Wim Vermeirsch weiß, dass die „Bewohnt“-Schilder nicht immer helfen. Der 55-Jährige wohnt auf der anderen Seite des Dorfes, acht Minuten von Marina entfernt. Als er eines Abends von seiner Arbeit zurückkam, hörte er Stimmen aus seinem Wohnzimmer dringen. Dann sah er drei Hausbesetzer, die es sich auf seinem Sofa bequem gemacht hatten, in den Händen Gläser voll Rotwein, aus seinem Keller.

Ausharren im Geisterdorf

Weil immer weniger Busse in Doel halten, muss Vermeirsch täglich über eine Stunde mit dem Fahrrad zu einem Einkaufszentrum in einem Antwerpener Vorort fahren. Dort kocht er in einem Bistro. Fast die ganze Zeit fährt er dabei durch das Hafengebiet hinter Doel. Durchkurvt gewaltige Containerberge, passiert Öl-Tanks und eine Armada von Raffinerien, die größte Zusammenballung petrochemischer Industrie in Europa. Auf dem Rückweg hat er seine Besorgungen dabei. In Doel stehen nur noch drei verrostete Zapfsäulen an einer verwilderten Tankstelle. Ein einziger Laden ist übrig, aber dort kann man nur Elektroschrott kaufen. Die alte Besitzerin hält durch, damit wenigstens der allerletzte Laden bleibt.

Der Grund, weshalb Wim Vermeirsch noch hier ist, liegt zwanzig Meter vor seiner Haustür. Dort hinter dem Deich, neben einem kleinen Yachthafen, werkelt er an seinem Fischkutter. Er hat ihn aufgebockt und passt eine neue Metallplatte in das Loch des verrosteten Bodens ein. In einem Monat will er wieder rausfahren. Zehn Kilo Rotbarsche, Kabeljau und Steinbutt fängt er am Tag, auch Aale, aber die sind zu stark mit Schwermetallen belastet.

Dass er das Boot kaufen konnte, hat er seinem billigen Backsteinhaus in Doel zu verdanken. Natürlich hat sich er nach einem anderen Platz für sich und sein Boot umgesehen. Aber etwas, das er sich leisten könnte, hat er nicht gefunden. Also harrt er aus im Geisterdorf.

Marina Apers hingegen geht es ums Prinzip. Schon einmal musste sie für Containerschiffe weichen. Da war sie 13. Ihre Eltern wurden von der Regierung enteignet, als in den Siebzigerjahren der Hafen von Antwerpen in Richtung Doel zu wachsen begann. Dort, wo sie aufgewachsen war, war nun ein Arm des Hafens. Als sie als Reinigungskraft im Atomkraftwerk zu arbeiten begann, entdeckte sie eines Tages das Verkaufsschild an ihrem Haus am Deich. Für Marina Apers ein Traum. Weil sie als Kind immer so gern an den Wochenenden hierher gekommen war.

Als sie drei Jahre mit ihrem Mann in dem kleinen Backsteinhaus lebte, kam ihre Tochter Lindsay auf die Welt. Es war auch das Jahr, in dem die ersten Gerüchte aufkamen, Doel müsse verschwinden.

Als Lindsay vier Jahre alt war, begann die flämische Regierung das, was Marina Apers einen „Zermürbungskrieg gegen die Dorfbewohner“ nennt. Zunächst hörte sie, dass sie, wenn sie ihr Haus nicht sofort verkaufen würde, später fast nichts mehr dafür bekäme. Dann drohte man ihr mit Enteignung. Dann versuchten sie, die Dorfbewohner zu vertreiben, indem sie beschlossen, Roma-Familien nach Doel zu bringen. Mehr als 200 Roma aus Mazedonien, Albanien und dem Kosovo sollten die verblieben 300 Bewohner aufnehmen. Sie wurden in Reisebussen angekarrt oder kamen mit Wohnwagen. Manchmal, erzählt Wim Vermeirsch, hätten Männer abends an die Scheiben der noch bewohnten Häuser gepocht, um zu fragen, wann sie einziehen könnten.

Von Antwerpens Hafen aus ist das Atomkraftwerk in Doel gut zu sehen.
Von Antwerpens Hafen aus ist das Atomkraftwerk in Doel gut zu sehen.
 Foto: REUTERS

Marina Apers sah in den Neuankömmlingen eine Chance für das Dorf. Denn Doel wuchs wieder. Sie und ihre Mitstreiter halfen den Neuankömmlingen mit den Papieren. Lindsay, damals zwölf Jahre alt, freundete sich mit den Roma-Kindern an. Nach einem halben Jahr wurde es zu viel. Für die Behörden, sagt Marina Apers. Zu viel der Integration, das habe der Regierung nicht gefallen. Die Roma wurden in Abschiebelager gebracht.

Lindsay Apers ist heute 17, die jüngste Bewohnerin in Doel und die einzige, die ihr ganzes Leben hier verbracht hat. Ihre letzte Freundin hat das Dorf vor drei Jahren verlassen. Abends chattet sie auf Facebook mit ihr. Sie will auch weg, sobald sie ihren Schulabschluss hat.

Weg aus dem Geisterdorf, in dem abends nur selten ein Polizeiwagen die übliche Runde dreht. Eine Anweisung der Behörden, glaubt Marina Apers, um ein Gefühl von Unsicherheit zu erzeugen. Aber dagegen gibt es ja Piet. Zumindest nennen sie ihn hier alle so.

Piet ist ein bulliger Typ, fast zwei Meter hoch. Er kam mit der ersten Welle von Hausbesetzern nach Doel. Als er vor sieben Jahre noch in einem besetzten Haus in Antwerpen wohnte, hatte ihm einer der Hausbesetzer von Doel erzählt. Von diesem paradiesischen Dorf, in dem die Besitzer oft nicht einmal das Wasser und den Strom abstellen lassen, nachdem sie weggezogen sind.

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