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Prozess gegen Michael Jackson: Einsam unschuldig

Die Geschworenen sprechen Michael Jackson in allen Punkten frei, doch der Popstar wirkt wie ein gebrochener Mann. Von Dietmar Ostermann

Washington. Montagmittag, in Kalifornien ist es kurz nach ein Uhr, beginnt das neue Leben des Michael Jackson wie das alte so oft verlaufen war, vor den Ohren der Welt. Der erste Unterschied ist vielleicht, dass man von ihm selbst in diesem Moment weder etwas sieht noch hört. Man hört eine monotone Stimme, die der Gerichtsdienerin des Superior Court von Santa Maria. Kameras sind auch bei der Urteilsverkündung nicht erlaubt. Dieses eine Mal aber hat Richter Rodney Melville sich dem Druck der Medienmeute gebeugt. Zumindest der Ton wird live übertragen. Ohne erkennbare Aufregung rattert die unerbittliche Frauenstimme das Urteil in der Aktensache 1133603 herunter: "Das Volk von Kalifornien gegen Michael Joe Jackson." Zehn Anklagepunkte. Zehn Mal: "Wir, die Jury im oben genannten Fall, befinden den Angeklagten für nicht schuldig."

Nicht schuldig. In allen Punkten. Totaler Sieg also für Michael Jackson, dem man für den Fall eines anderen Ausgangs schon eine Zelle im Schutztrakt des berüchtigten Corcoran-State-Gefängnisses reserviert hatte. In Kaliforniens sicherstem Knast hätte der "King of Pop" die nächsten Jahre wohl auf einem Flur mit dem Massenmörder Charles Manson verbringen müssen. So aber ist er an diesem Nachmittag ein freier Mann. "Herr Jackson, ihre Kaution ist freigegeben und sie sind entlassen." Das knappe Schlusswort von Richter Melville beendet ein fast viermonatiges Gerichtsdrama, das nie das ganz große Spektakel war und auch nicht der Jahrhundert-Prozess, zu dem man es eilfertig ausgerufen hatte.

Vielleicht gehört es auch zum neuen Leben von Michael Jackson, dass er in der Stunde der großen Erleichterung keine Freudentänze auf Autodächern vollführt. Der Sänger schlurft aus dem Gericht, aschfahl und noch immer mit versteinerter Miene, wie jemand, der vom Abgrund zurückkehrt und erst jetzt begreift, auf welch gefährlicher Klippe er eigentlich stand. Ein mechanisch gewunkener Gruß an die jubelnden Fans ist alles, was die Kameras erhaschen können. Dann rollt der Tross der schwarzen Limousinen davon, heim nach "Neverland" und weg aus dem Scheinwerferlicht. Michael Jackson ist freigesprochen worden, aber er wirkt an diesem Nachmittag wie ein gebrochener Mann.

Der Freispruch beim Anklagepunkt Nummer eins, Verschwörung zur Erpressung, Entführung und Freiheitsberaubung, war erwartet worden. Der Vorwurf, Jackson habe den damals 13jährigen Jungen nicht nur sexuell missbraucht, sondern ihn, seine Geschwister und Mutter im Februar und März 2003 auf der "Neverland"-Ranch auch wochenlang unter einer Art Hausarrest festgehalten, war immer der schwächste im Arsenal der Staatsanwälte. Was heißt denn Freiheitsberaubung, wenn der Junge zum Zahnarzt, die Mutter zum Schönheitssalon gefahren wurde und Jackson auch Einkaufsrechnungen bezahlt hat, fragte die Verteidigung? Viel mehr als der Eintrag eines Sicherheitsmannes in seinem Logbuch, man möge die Kinder nicht vom Gelände lassen, konnte die Vorwürfe der Beschuldiger nicht erhärten.

Was aber an diesem Nachmittag klar wird: Die Staatsanwälte brechen nicht nur mit Punkt eins der Anklage völlig ein. Sie verlieren hier schon den gesamten Prozess. Gäbe es nicht den Anklagepunkt der Verschwörung und Freiheitsberaubung, hätte Staatsanwalt Thomas Sneddon die Mutter des angeblichen Opfers nie in den Zeugenstand rufen müssen. Deren theatralischer Auftritt aber wird zum Wendepunkt im Verfahren. So jedenfalls schildern es später die zwölf Geschworenen. Zu widersprüchlich war die Story der Mutter, zu unglaubwürdig ihre Vorwürfe. Zu sehr auch fühlte sich die Jury durch das Wechselbad aus tränenreichem Geschluchze der Frau und eindringlich geworfenen Blicken manipuliert. "Wir konnten ihre Geschichte einfach nicht glauben", sagt Jury-Sprecher Paul Rodriguez.

Weil sie der Aussage der Mutter misstrauen, nehmen die Geschworenen auch den Söhnen nicht ab, was diese über den behaupteten Kindesmissbrauch durch Jackson zu sagen haben. Damit brechen alle anderen Anklagepunkte in sich zusammen: "obszöne" Handlungen am Körper eines Minderjährigen zur eigenen sexuellen Befriedigung, der eigentliche Kern der Vorwürfe, versuchter Missbrauch sowie die Verabreichung von Alkohol an Minderjährige, um diese gefügig zu machen. All diese Vorwürfe beruhten fast ausschließlich auf den Angaben der Familie, mit der sich Jackson nach einem Krebsleiden des angeblichen Opfers angefreundet hatte. Der Junge sei leider "aufgewachsen in einer Umgebung, wo ihm beigebracht wurde zu lügen", befindet das Jurymitglied Rodriguez. Zumindest bleiben bei allen Geschworenen "begründete Zweifel". Möglich ist damit nur ein Freispruch.

"Wenn die ganze Wahrheit erzählt ist", hatte Michael Jackson vor Prozessbeginn in einer kurzen Videobotschaft so kämpferisch erklärt, wie seine sanfte Stimme das eben hergibt, "werde ich freigesprochen und bestätigt."

"Unschuldig!" riefen erst trotzig, am Ende dann jubelnd stets auch seine treuen Fans vor dem Bezirksgericht von Santa Maria. Doch der Freispruch bedeutet für den Sänger nicht automatisch wieder gesellschaftliche Akzeptanz. Die zwölf Geschworenen, denen er seine Freiheit verdankt, sind von seiner Unschuld keineswegs überzeugt. Jacksons Angewohnheit, mit kleinen Jungs ins Bett zu steigen, sei "sehr beunruhigend", erklärte ein Juror: "Wir würden hoffen, dass er nicht mehr mit Kindern schläft." Gefragt, ob sie jetzt also ihre eigenen Sprösslinge ins Schlafzimmer des Superstars lassen würde, antwortete eine Geschworene empört: "Welche vernünftige Mutter würde so etwas erlauben?" Nur hatte die Jury in dem konkret zu entscheidenden Fall eben "bessere Beweise erwartet". Im Zweifel für den Angeklagten, das gab schließlich doch den Ausschlag in diesem Verfahren.

Wie aber geht es nun weiter mit Michael Jackson? Die seit Jahren ohnehin abflauende Musikerkarriere, davon ist man in der Branche überzeugt, liegt mittlerweile in Trümmern. Wie es um seine Finanzen steht, ist seit einiger Zeit Gegenstand überaus heftiger Spekulationen. In den vergangenen zwei Jahren hat Jackson kaum noch Geld verdient. Für "Neverland" und sonstige Ausgaben braucht er schätzungsweise 1,5 Millionen Dollar pro Monat. Dazu kommen jetzt die Anwaltskosten.

Und vielleicht muss er dem angeblichen Opfer doch noch Millionen zahlen. Eine erfolgreiche Zivilklage wie einst im Fall des wegen Mordes freigesprochenen Footballstars O. J. Simpson ist durchaus möglich. Wie Michael Jackson sein Privatleben in Zukunft neu ordnet, darauf wartet man in den Vereinigten Staaten heute schon mit einiger Spannung. Immerhin, Staatsanwalt Thomas Sneddon, der seit 1993 mit messianischem Eifer versucht hat, Jackson als einen Kinderschänder zu überführen, geht demnächst in Pension. Ihn also ist Michael Jackson dann los.

Aber auch auf seine kindlichen Gäste könnte er in "Neverland" künftig verzichten müssen. Nicht nur, damit es keine neuen Gerüchte mehr gibt. Sondern auch, weil, wie sein Bruder Jermaine traurig zu Protokoll gab, "Michael einfach niemandem mehr vertraut". Peter Pan ist ein einsamer Mann geworden.

Frankfurter Rundschau, 15. Juni 2005

Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  26 | 6 | 2009
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