Herr Professor Dreßing, warum läuft ein Jugendlicher Amok und tötet seine ehemaligen Mitschüler?
Jeder Täter hat ganz eigene Motive und jede Tat ihren eigenen Verlauf. Aber wir können aus den Erkenntnissen anderer Amokläufe relativ typische Konstellationen erkennen: Viele Täter kehren an jenen Ort zurück, an dem sie zuvor tatsächliche oder vermeintliche Kränkungen, Ausgrenzungen oder Demütigungen erfahren haben - häufig ist das der Arbeitsplatz, die Universität oder eben die Schule, wie in Winnenden.
Harald Dreßing ist Professor und leitet den Fachbereich Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er erstellt unter anderem psychiatrische Gutachten über Straftäter.
Viele Amokläufer haben laut Dreßing ähnliche Persönlichkeitsmerkmale. "Das Auffälligste an ihnen ist ihre Unauffälligkeit", sagt er. Dies mache die Prävention solcher Attentate extrem schwierig.
Gibt es Persönlichkeitsmerkmale, die Amokläufer gemeinsam haben?
Die Täter sind oft nach außen hin sehr unauffällige Menschen, die aber ihre Gefühle schlecht ausdrücken können und die isoliert sind. Gleichzeitig haben sie extreme Größenfantasien und Vorstellungen von grenzenloser Macht. Viele Amokläufer hoffen, dass ihre Tat das eine Mal in ihrem Leben sein wird, wo sie wirklich beachtet werden. Jeder kennt plötzlich den Namen und das Gesicht. Das steht meist in krassem Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben.
Die Bluttat in Baden-Württemberg erinnert an den Amoklauf von Erfurt 2002. Damals erschoss ein 19-Jähriger 16 Schüler und Lehrer. Gibt es noch mehr Parallelen?
Täter haben häufig Vorbilder, und spektakuläre Amokläufe gehen sehr ausführlich in Bild, Ton und Text durch die Medien. Wir erleben immer wieder, dass dies Nachahmer auf den Plan ruft. Wir kennen das beispielsweise auch bei Selbsttötungen: Wer selbst mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen, der kann durch Fälle von Selbsttötungen in seiner Umgebung stark beeinflusst werden. Amoklauf ist ja auch in vielen Fällen eine Form der Selbsttötung, denn die meisten Täter bringen sich danach um oder handeln so provokativ, dass sie eine Erschießung durch die Polizei quasi erzwingen, wie auch jetzt in Winnenden.
Kurz vor der Tat gingen Bilder vom Amoklauf in Alabama um die Welt. Könnte das den deutschen Schul-Attentäter beeinflusst haben?
Das ist denkbar. Wir wissen von den wenigen Tätern, die Amokläufe überlebt haben, dass solche Taten nicht spontan verübt werden, sondern eine lange Anlaufphase haben. Das kann über Tage, Wochen oder gar Monate gehen. Manchmal wird die Tat sogar angekündigt, durch versteckte Signale oder aber auch ganz offen. Und natürlich könnten dann Bilder von einem anderen Amoklauf den letzten Anstoß geben. Im aktuellen Fall ist das aber bisher Spekulation, denn wir wissen noch zu wenig.
Wenn Täter ihre Taten sogar ankündigen, kann man Amokläufen dann nicht besser vorbeugen?
Natürlich kann man ganz allgemein sagen, dass man sich um Jugendliche intensiv kümmern sollte, die nicht integriert sind, still wirken, Außenseiter sind. Aber davon gibt es Zehntausende - und die werden ja nicht alle Amokläufer. Es ist sehr einfach, in der Rückschau zu sagen: Da gab es doch ganz viele Hinweise, wie etwa beim Fall Robert Steinhäuser in Erfurt. Das menschliche Gehirn neigt dazu, logische Verbindungen herzustellen und plausible Erklärungen zu suchen. Aber viele Amokläufe entziehen sich diesen Erklärungsmustern.
Interview: Katja Irle
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