Herr König, wir wollen mit Ihnen über das klischeehafte Bild von Schwulen in den Medien sprechen. Jetzt ist wieder Christopher Street Day, und es werden massenhaft lebende Stereotypen durch die Straßen ziehen.
Mich nervt schon eine ganze Weile, dass fast nur Paradiesvögel und Exoten das Kamerafutter liefern. Das ist aber eine Sache der Medien, die halten mit der Kamera nur auf die Drag Queens drauf, was verständlich ist: Schräge Transen sind natürlich fotogener als die überwiegend ganz normalen Schwulen, die den CSD nicht als bizarren Karneval begreifen.
Ralf König, 48, wurde 1987 mit seinem Schwulencomic "Der bewegte Mann" (rororo) bundesweit bekannt. Der Comic wurde später mit Til Schweiger in der Hauptrolle verfilmt. Seitdem hat König mehr als 40 Comic-Bände veröffentlicht, in denen er den schwulen Alltag seiner Knollennasen-Figuren beschreibt und dabei auch Themen wie Homo-Ehe, Aids und Diskriminierung behandelt.
Den renommierten "Max und Moritz"-Comic-Preis erhielt König gleich zwei Mal. Seit September 2007 ist der Comic-Autor Mitglied der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung.
Der alljährliche Protestzug erinnert an einen Aufstand von Homosexuellen und anderen sexuellen Minderheiten gegen willkürliche Übergriffe der New Yorker Polizei. Auslöser war eine Razzia am 28. Juni 1969 in der überwiegend von Homosexuellen besuchten Bar Stonewall Inn in der Christopher Street im Stadtteil Greenwich Village. Anschließend lieferten sich Polizei und Protestler tagelang Straßenschlachten.
Seit 1970 demonstrieren in New York Schwule, Lesben und Bisexuelle jeweils Ende Juni für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Diese Tradition hat sich mittlerweile weltweit etabliert. In den USA heißt dieser Protestzug Gay Pride (homosexueller Stolz), Christopher Street Day wird er nur in Deutschland genannt. Die Umzüge in Großstädten wie Frankfurt, Köln und Berlin finden an verschiedenen Terminen statt.
Die Kritik an den Organisatoren in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren immer lauter. Die Protestzüge seien zum puren Karneval verkommen, die politische Botschaft offensiv in den Hintergrund gedrängt worden. Deshalb gibt es mittlerweile auch politische Gegenveranstaltungen.
Der Christopher Street Day soll an die New Yorker Stonewall-Krawalle von vor 40 Jahren erinnern. Wird der Schwulenkarneval zum runden Jahrestag wieder politischer?
Generell ist es ja schon politisch, auf die Straße zu gehen und sich zu zeigen. Als Stoiber vor ein paar Jahren Bundeskanzler werden wollte, hatte ich mit einem Freund eine CSD-Aktion gestartet, eine "Entstoiberung". Wir hatten eine Putztruppe aufgestellt, mit rot-grünen Latzhosen, Bürsten und Sprühfläschchen, die eine Art Aktionstheater mit den Passanten machte. Das fanden die Kameras aber nur so lange interessant, bis hinter uns so eine eitle Supertranse mit ihren meterhohen Pumps daherstolzierte. Die hatte keine politische Botschaft, aber die volle Aufmerksamkeit.
Und da waren Sie und Ihre Truppe ein bisschen eingeschnappt.
Ich finde, eine Message sollte schon dabei sein beim CSD. "Seht her, wie toll ich aussehe", das reicht nicht. Der CSD ist nach meinem Verständnis immer noch eine Demo, keine Love Parade. Ich sage ja nicht, dass sich alle vernünftig anziehen sollten, ich bin früher auch als unmögliche Transe beim CSD mitgestöckelt. Aber die Zeiten ändern sich auch; wenn ich mir anschaue, wie das Wort "schwul" auf Schulhöfen verwendet wird, oder die neue Schwulenfeindlichkeit, die da so hochkommt bei den Jungmännern, egal ob mit Migrationshintergrund oder ohne.
Ernste Töne beim CSD wären also wieder mehr als notwendig?
Und das Bedürfnis nach ernsteren, politischen Tönen ist durchaus da, in Köln und Berlin gibt es ja nicht umsonst diese CSD-Gegenveranstaltungen, wo die Leute hingehen, die nicht Karneval feiern wollen, die angepisst sind vom Kommerz. Denn bei den Paraden gibt es ja geradezu abstoßende kommerzielle Entwicklungen. Im letzten Jahr wollte ich mich mit ein paar Freunden hinter einem Wagen in den Kölner CSD-Zug einreihen, da wurden wir allesamt von irgendwelchen Body-Guard-Typen zurück auf den Bürgersteig gedrängt. Unseren Platz nahmen dann zwei Models ein, die im Glitzerkostüm Werbung für irgendeinen Energy-Drink machten - die hatten die Fläche rund um den Wagen wohl mitgemietet.
Haben Sie eigentlich etwas gegen Tunten? Wenn Sie gegen die gängigen Medienklischees wettern, ist von "Dummtunten" oder "albernen Tunten" die Rede, von "Schwuchtelei" und "super-transigem Herumtucken".
Ich habe ganz und gar nichts gegen Tunten, in meinem Freundeskreis wird zuweilen aufs Herzlichste getuckt. Aber unterschwelliger, nie so blöd und unoriginell, wie das in den Medien rüber kommt. Wenn in Sitcoms oder in Komödien Schwule auftreten, dann sind das immer nur Tunten, nur selten ganz normale Männer, die einfach so lustig sind. Schwule müssen anscheinend immer erst Hei-ti-tei machen, damit sie als solche erkennbar sind. Wie vor einigen Jahren in dieser Iglu-Werbung mit dem Schwulenpaar. Da hatte man das Gefühl, seit "Charleys Tante" ist nichts passiert. Viele in den Medien machen es sich leicht, da wird immer nur auf den Tuntenknopf gedrückt - und das auch noch schlecht.
Denken Sie bei Ihrer Kritik auch an schwule TV-Stars wie Dirk Bach, Ralph Morgenstern und Thomas Hermanns?
Meine Sorte Fernsehen ist das generell nicht, aber man sieht in den Privaten ja auch jede Menge unmögliche heterosexuelle Moderatoren oder Komiker, nur bringt das keiner in einen generell heterosexuellen Zusammenhang.
Bleiben wir noch mal kurz bei den prominenten TV-Schwulen. Was stört Sie an denen?
Es mangelt an schwulen Vorbildern, die nicht so die Schrillgänse sind. Es wäre gut, wenn man mehr Schwule sehen würde, die diesem Klischee nicht entsprechen - nicht nur im Komik-Bereich. Eine größere Bandbreite an Identifikationsfiguren: Leute wie Klaus Wowereit, die einfach ihren Job machen. Aber die sind vielleicht nicht so medienkompatibel.
Da Sie eben von homophoben jungen Männern und ihren schwulenfeindlichen Sprüchen gesprochen haben. Könnte es wie folgt sein: Die Präsenz von Schwulen im Fernsehen suggeriert, dass das Medium tolerant ist. Die Art und Weise, wie sich Bach, Morgenstern & Co. präsentieren, könnte aber fatalerweise TV-Konsumenten in ihren Vorurteilen bestätigen.
Genau, fatal und ambivalent. Aber wirkliche Toleranz bei den Sendern könnte ja auch bedeuten, nicht dauernd unreflektiert Futter für Vorurteile zu bieten! Die Medien wissen das, es gibt alle möglichen Sorten schwuler Männer: Schlagfertige, Spaßige, Seriöse, Langweilige, Charmante, Derbe, Laute, Leise, ganz Normale und - auch - Tuntige. Diese Vielfalt ist bei Heteros selbstverständlich, Thomas Gottschalks Outfit finde ich auch reichlich aufgetufft; wenn der schwul wäre, würde der Homophobe auch denken: Na bitte! Aber so wünsche ich mir auch das Bild des Schwulen im TV. Einfach mehr von der ganzen Vielfalt!
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