Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

12. Januar 2015

Raul Krauthausen: "Ich wollte nie Berufsbehinderter werden"

 Von Alexandra Ringendahl
Raul Krauthausen zu Gast in einer Talkshow.  Foto: imago/Horst Galuschka

Aktivist Raul Krauthausen spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über gläserne Knochen, behinderte Nicht-Behinderte und das Lebensprinzip "Einfach mal machen".

Drucken per Mail

Er nennt sich der Mann mit der Mütze. Die ist sein Markenzeichen. „Ich bin Berliner, Aktivist und Glasknochenbesitzer“, stellt sich Raul Krauthausen vor. Außerdem ist er Buchautor, Sozialunternehmer und regelmäßiger Talkshowgast. Der 34-Jährige ist einen Meter groß und schnell. Wer mit seinem Elektrorollstuhl Schritt halten will, muss auf Zack sein. „Der ist getunt“, gibt er zu.

Herr Krauthausen, wenn Ihr Name fällt, betitelt man Sie gern als einen der „prominentesten Deutschen auf Rädern“ Wie lebt es sich mit solchen Attributen?
Ich tue mich sehr schwer damit. Ich wollte mein Leben lang nie Berufsbehinderter werden. Es gab genug von denen, bei denen sich alles um die eigene Behinderung drehte. Ich fand die Welt immer so aufregend, dass es mehr gibt als die eigene Behinderung. Eigentlich bin ich in die Rolle und die Medienpräsenz reingestolpert.

Sie wollen nicht über Ihre Behinderung definiert werden und jetzt reden wir doch schon wieder darüber ...
Ja, aber entscheidend ist der andere Dreh. Ich bin Aktivist. Mit unserem Verein „Sozialhelden e.V.“ machen wir keine Projekte von Behinderten für Behinderte. Wir wollen vielmehr die Mehrheit dazu bringen, über Behinderung nachzudenken und sie für das Thema zu öffnen. Und zwar ohne zu jammern. Unser Slogan ist „Einfach mal machen“, ohne die Weisheit schon zu Beginn mit Löffeln gegessen zu haben.

Zur Person
Raul Krauthausen ist "Berliner, Aktivist und Glasknochenbesitzer".

Raul Krauthausen, 34 Jahre alt, ist studierter Volkswirt, Sozialunternehmer und Telefonseelsorger. Nach Jobs in der Werbe-und Medienbranche gründete er die „Sozialhelden e.V.“, um mit kreativen Ideen soziales Handeln zu fördern.

Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande wurde er 2013 geehrt. 2014 erschien bei Rowohlt seine Biografie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden – das Leben aus der Rollstuhlperspektive“.

So wie mit eurer Wheelmap.org , der Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte ...
Ja, das ist unser erfolgreichstes Projekt: Wir haben Menschen befähigt, über ihr Smartphone, Orte zu bewerten – Restaurants, Cafés, Kulturstätten. Niedrigschwellig, sozusagen im Vorbeigehen. Inzwischen gibt es fast 500 000 Orte auf der als App verfügbaren Online-Karte und damit ist es das weltweit größte Projekt zum Thema Rollstuhlgerechtigkeit. Das ist die Idee der Sozialhelden, dass wir andere befähigen, Gutes zu tun und soziales Handeln mit Spaß verbinden.

Welche Berufsträume hatten Sie für sich als Kind?
Als Kind wollte ich immer Pilot werden. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter mich fragte, wie stellst du dir das vor? Und ich hab gesagt, naja wie immer, du trägst mich halt rein und wieder raus. Meine Mutter hat das so stehen lassen und nicht gesagt, das geht aber nicht. Sie wusste, dass ich irgendwann lernen werde, dass es nicht so sein wird. Jedes Kind will schließlich irgendwann Astronautin oder Feuerwehrmann oder Polizistin werden. Egal ob behindert oder nicht: Man sollte es seine Träume träumen lassen.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie anders sind?
Das Interessante ist, dass ich schon immer wusste, dass ich anders bin. Ich hatte als einziger in meiner Klasse einen Rollstuhl. Das war meine Normalität, die ich nie hinterfragt habe. Ich hatte nie den Wunsch laufen zu können, es sei denn, ich hatte eine Treppe vor mir. Es war nie so, dass ich weinend aufwachte und mich fragte, warum bin ich bloß behindert. Das ist eine Phantasie, die Nicht-Behinderte haben, dass ich darunter leiden würde. Trotzdem gab es einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, das ist jetzt wirklich anders.

Wann war das?
Es war in der fünften Klasse, als der Sportunterricht leistungsdifferenziert wurde. Davor gab es ein bisschen Ballspiele, plötzlich gab es Punkte und Noten. Da merkte ich: Bisher war ich dabei, jetzt nicht mehr. Plötzlich geht es um Schnelligkeit und nicht mehr ums Mitmachen. Ich war immer öfter im Nebenraum und machte Krankengymnastik. Das hat mich sehr verletzt, weil ich nicht krank war, sondern einer von den anderen. Meine Eltern haben mich nie demotiviert. Sie haben mich machen lassen und nie gesagt, das kannst du nicht.

Ziemlich mutig. Bei einem Kind mit Glasknochen und Knochenbrüchen in Serie.
Meine Mutter hat immer gesagt, ich bin ein Stehaufmännchen. Bei ihr war nie der Ansatz „Wie machen wir das mit Raul“, sondern „Dann kommt er halt mit, wird schon irgendwie gehen.“ Da schwang immer mit, dann brichst du dir halt was. Ähnlich sehe ich das auch. Na dann breche ich mir halt was. Es sollte kein Grund sein, nicht das Haus zu verlassen.

Wie oft ist Ihnen das schon passiert?
Hunderte Male. Ich habe aufgehört zu zählen. Aber meine Mutter ist Ärztin, die konnte das Eingipsen zuhause. Und die Erfahrung von Hunderten von Knochenbrüchen ist: Die erste Woche ist kacke, und dann geht’s wieder aufwärts.

Wie erleben Sie den Umgang mit Behinderung? Lösen Sie bei Ihrem Gegenüber Unsicherheit aus?
Sobald die Leute das Wort Glasknochen hören, haben Sie Respekt und denken, ich breche mir den Arm, wenn sie mir die Hand geben. Oder sie springen zehn Meter vor mir zur Seite, nur weil ich mit dem Rolli vorbeifahre. Ich habe einen Umgang damit gelernt. Wenn ich spüre, dass mein Gegenüber unsicher ist, versuche ich durch Humor, die Stimmung zu lockern.

Das stelle ich mir anstrengend vor, den Clown für andere zu geben, nur um die Unsicherheit der anderen zu kompensieren ...
Meine Mutter hat mal gesagt, dass ich immer der Klassenclown war. Das war eine Strategie, andere dafür zu belohnen, dass sie mir helfen, dadurch dass ich witzig bin. Gute Stimmung um mich herum zu verbreiten, damit die Leute gerne in meiner Anwesenheit sind. Inzwischen sehe ich das kritischer. Ich merke, dass viele von mir erwarten, dass ich witzig bin.

Fühlen Sie sich instrumentalisiert?
Ja, es gibt diese positive Form der Diskriminierung. Viele Menschen mit Behinderung werden instrumentalisiert, um andere Menschen zu inspirieren. Facebook oder Twitter sind voll von Bildern von Arm- oder Beinamputierten, die trotzdem Surfen. Und dann steht da drunter: Jeder kann es schaffen, wenn er an sich glaubt. Wenn Menschen Behinderte sehen, benutzen sie das oft, um sich als Nicht-Behinderter besser zu fühlen. Sie sind erleichtert, dass sie keine Behinderung haben, sehen ihr Schicksal relativiert. So wie RTL mit Schicksalen von Hartz IV-Empfängern und Ehestreit vor Gericht. Und der Zuschauer denkt, mir geht’s ja gar nicht so schlecht.

Spüren Sie diese Form der Diskriminierung auch, wenn Sie die Bühne betreten?
Mein Coach hat mir mal gesagt: Das Traurige ist, dass 90 Prozent deiner Miete allein die Anwesenheit ist. Es reicht, einen behinderten Menschen auf eine Bühne zu stellen, wenn der dann noch ‘nen graden Satz rauskriegt, ist die Show gelaufen. Es geht nicht um das, was ich sage. Weil die ganzen Bankmanager im Publikum noch nie mit einem Behinderten in Kontakt waren und denken: Boah.

Wie gehen Sie damit um?
Ich hole die Leute aus ihrer Komfortzone raus. Ich sage: Sie werden sich jetzt sicher fragen, hat der Typ Sex. Dann sind alle irritiert. Ich versuche, einen anderen Blick auf Behinderung zu geben. Dass es hier nur um das Verhältnis behindert und zeitweise nicht behindert geht. Ich habe einen Vorsprung, weil ich die Erfahrung habe, wie es ist, behindert zu sein. Ich sage: Sie alle im Publikum werden bald eine Behinderung haben, nämlich im zunehmenden Alter – und dann reden wir noch mal. Das hilft.

In ihren Rollstühlen testen Raul Krauthausen (2.v.l.), Stefan Utz, Oswald Utz und Andreas Vega (vorne) die Zugänglichkeit eines Wahllokals in München.  Foto: imago stock&people

Gewöhnt man sich daran, immer Blicke auf sich zu ziehen?
Ich bin so aufgewachsen und weiß nicht, ob auch das nicht eine Perspektive von Nicht-Behinderten auf Behinderte ist, dass man annimmt, ich könnte unter den Blicken leiden. Schwieriger sind die Sekundärbilder: Wenn ich in Begleitung zur Bank gehe, redet der Bankangestellte immer mit meiner Begleitung, auch wenn es um mein Konto geht. In Cafés bekomme ich manchmal keine Speisekarte. Oder eine wildfremde Frau in der Bahn fragt mich, ob ich Sex habe. Hinzu kommt der Mitleidsfilm, der oft in den Köpfen läuft, wenn Leute sich nicht trauen, mich zu kritisieren, weil sie denken: Der hat’s doch so schwer.

Sie geben mit den Sozialhelden auch Kurse für Journalisten, um auch für die Sprache im Hinblick auf Behinderte zu sensibilisieren ...
Da gibt es viel Bedarf, jenseits des Vorwurfs aufzuklären. Nicht nur, wenn mal wieder jemand „an den Rollstuhl gefesselt ist“. Warum werden in Filmen Behinderte immer von Nicht-Behinderten gespielt? Man malt ja auch weiße Menschen nicht mehr schwarz an. Die Wissenschaft sagt, 90 Prozent des Wissens, das Nicht-Behinderte über Behinderte haben, haben sie aus den Medien. Das liegt daran, dass wir im Umfeld kaum Menschen mit Behinderung haben. Obwohl zehn Prozent offiziell eine Behinderung haben, sind nicht zehn Prozent unserer Freunde behindert – weil unser System sie systematisch aussortiert.

Genau das soll sich durch Inklusion ändern.
Der Prozess, dass wir alle zusammen lernen, fängt ja gerade erst an. Aber die Widerstände sind groß und geprägt von der Sorge vor Mehrbelastung. Da heißt es, wir müssten die Lehrer erst mal fortbilden. Eltern, die ein behindertes Kind zur Welt bringen, waren auch vorher keine Fachkräfte. Was für eine Annahme steckt dahinter, dass man für den Umgang mit Behinderten erst mal eine Ausbildung machen muss. Unser Motto ist: Erst mal anfangen. Die Kernforderung ist: kleinere Klassen. Die tun übrigens auch nicht-behinderten Kindern gut.

Sie sind als Vorstandsvorsitzender der Sozialhelden Chef von zehn Angestellten. Wie viel arbeiten Sie und wie viel Geld dürfen Sie behalten?
Ich bin auf Assistenz angewiesen – also auf Menschen, die mir helfen, aus dem Bett zu kommen und mich anzuziehen. Diese finanziert das Sozialamt – mit dem Effekt, dass ich damit unter das Sozialhilfegesetz falle und nicht mehr verdienen darf als den doppelten Hartz-IV-Satz, also 768 Euro. Das ist für mich in der Verantwortung mit einer 60-Stunden-Woche weniger als der Mindestlohn. Noch fataler ist, dass ich weder sparen noch erben darf. Alles, was ich über diesen Grenzsatz verdiene, wird ab dem ersten Euro zu 80 Prozent eingezogen. Alles über 2600 Euro Rücklagen wird komplett eingezogen. Egal, wie viel ich arbeite, ich werde in der Altersarmut enden. Diese Aussicht macht mich krank.

Das heißt, man fördert auf der einen Seite Inklusion, bestraft aber Menschen, die diese erfolgreich durchlaufen haben.
Das Anreizmodell ist an dieser Stelle kaputt. Wenn ich den ganzen Tag RTL2 gucke, nehme ich genauso viel Hilfe in Anspruch. Seit 20 Jahren versprechen Bundesregierungen, daran etwas zu ändern, in dieser Legislatur gibt es wieder Beratungen. Assistenz müsste in einem neuen Teilhabegesetz einkommensunabhängig sein.

Mal abgesehen vom Finanziellen: Was ist Ihre Sehnsucht?
Natürlich bin ich nicht mit mir zufrieden. Ich entspreche nicht dem Sunnyboy, dem Mister Germany, sondern ich bin halt ein kleinwüchsiger Mann im Elektrorollstuhl, der selten in das Beuteschema von Singles fällt. Wobei ich gerade in einer Partnerschaft lebe. Egal ob auf dem Singlemarkt oder dem Arbeitsmarkt – mein Möglichkeitshorizont ist ein anderer. Ich sehne mich danach, nicht aufgrund meiner Behinderung bewertet zu werden, sondern aufgrund meines Charakters und Könnens.

Wer Sie erlebt, kann sich Ihrem Tatendrang und der positiven Energie, die Sie ausstrahlen, kaum entziehen …
Von meinem peruanischen Vater habe ich diese unglaubliche Lust aufs Entdecken mitbekommen. Ich lebe gerne. Und ich habe gelernt, dass es nicht darauf ankommt, wie wir unseren Weg gehen, sondern dass wir losgehen. Die Reise dazwischen ist das Leben. All diese Bewertungen, ob schnell oder langsam, schön oder nicht schön, finden von außen statt. Eigentlich wichtig ist, dass wir uns selbst als glücklich empfinden.

Interview: Alexandra Ringendahl

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2016: 29. Mai

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 29. Mai 2016: Mehr...

Globetrotter weltweit

Welche Nation nicht ohne eigenes Handtuch verreist

Nur mit eigenem Handtuch an den Hotelpool? Für viele Chinesen ein Muss im Urlaub.

Für die einen ist es das Handtuch, für die anderen die Fotokamera: Jeder Mensch legt im Urlaub auf ganz bestimmte Ding wert. Oftmals hängt das auch von der Kultur ab. Eine neue Umfrage hat ermittelt, wie die Welt 2016 verreisen will. Mehr...

Videonachrichten Panorama

Anzeige

Videonachrichten Leute