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Rechtsextremismus: Uwe Mundlos und ich

30 Jahre später sind die Deutschen nicht viel weiter. Fast jeder Zweite sagt, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland. Jeder Dritte hält Obdachlose für arbeitsscheu. Das sind die Ergebnisse, die der Soziologieprofessor Wilhelm Heitmeyer in einer Erhebung im Jahr 2011 zusammengetragen hat.

Er hat auch herausgefunden, dass 53 Prozent der Befragten Probleme damit hätten, in eine Gegend zu ziehen, in der viele Muslime wohnen. Das ist ein Anstieg von sechs Prozent im Vergleich zu 2004, schreibt Heitmeyer in seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“. Besonders im linken politischen Milieu habe die Islamfeindlichkeit zugenommen.

Die jungen Ostdeutschen wuchsen in den Neunzigerjahren nicht im luftleeren Raum auf. Es gab eine fremdenfeindliche Stimmung mit der Debatte über das neue Asylgesetz. 1993 wurde das Asylrecht faktisch abgeschafft. Die Gerichte, die Polizei, der Verfassungsschutz, das waren keine DDR-Behörden mehr, sondern gesamtdeutsche Behörden, besetzt mit Personal aus Westdeutschland. Sie haben weggeguckt, als immer mehr Jugendliche in Springerstiefeln herumliefen.

Forschungen widerlegen die These, dass es einen Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit der Mutter und der Gewaltneigung gibt. Männlichen rechtsextremen Gewalttätern habe es eher an männlichen Vorbildern gefehlt, schreibt die Arbeitsstelle für Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit am Deutschen Jugendinstitut in Halle. Ob das im traditionellen Westdeutschen Alleinverdiener-Modell gegeben war, sei fraglich.

Hans-Joachim Maaz erforscht seit Jahrzehnten die DDR-Seele, in der DDR arbeitete er als Psychotherapeut, nach der Wende veröffentlichte er ein Psychogramm der Ostdeutschen, „Der Gefühlsstau“ wurde ein Bestseller. Maaz beschäftigt sich mit den Ursachen der rechtsextremen Gewalt im Osten. Vor zehn Jahren hat er mal etwas salopp gesagt: „Man schlägt den Afrikaner und meint den Westdeutschen.“ Er war der Meinung, dass sich in der Gewalt gegen Fremde auch ein Protest gegen die Vormachtstellung der Westdeutschen zeige.

Sind die Eltern wirklich schuld an prügelnden Ostkindern? Maaz ist die Frage zu plakativ. „Rechte Gewalt ist ein Ost-Problem, aber nicht ausschließlich.“ Es gebe emotionale Deformationen in beiden Teilen des Landes. „Im Osten sollten die Kinder diszipliniert und angepasst sein, im Westen wurden sie auf Konkurrenz und Durchsetzungsfähigkeit gedrillt“, sagt Maaz. Beide Methoden wirkten ähnlich auf Kinder, sie erzeugen einen inneren Druck. Wie der abgebaut wird, hängt von der späteren Entwicklung im Leben ab, wie viel Erfolg man im Beruf und in der Gesellschaft erlebt. Wenn ich Maaz höre, denke ich, mein Glück war, dass ich einen Beruf fand, der mir dies ermöglichte.

Nach dem Zusammenbruch der DDR hatten die Ostdeutschen viel weniger Chancen, erfolgreich zu sein, weil die Jobs wegbrachen. „Nach der Wende sind viele Menschen degradiert worden. Ihren Frust kriegen auch die Heranwachsenden ab, den sie dann an anderen abreagieren“, sagt Maaz. Er ist überzeugt, dass es noch lange zwei Deutschlands geben wird. Es wird noch lange eine Mauer geben.

Recherchen des Journalisten Frank Jansen zufolge starben 137 Menschen seit der Wiedervereinigung durch rechtsextreme Gewalt. 137 Menschen wurden erschossen, ertränkt, zertreten, ohne dass das groß im Land bemerkt wurde. Mehr als die Hälfte starb in Ostdeutschland einschließlich Berlin. Mehr als ein Dutzend Menschen wurden in der Region um Dortmund umgebracht.

Unter den 137 sind 42 Migranten und Spätaussiedler, 24 Obdachlose, 8 Arbeitslose, 11 Linke und Punks, drei Behinderte, zwei Szeneaussteiger, zwei Rechtsextremisten, ein Homosexueller und 36 „Normalbürger“, die sich offen gegen Neonazis gestellt haben. Die Bundesregierung verzeichnet nur 47 Todesopfer. Die Zahlen setzen sich aus den Meldungen der Landeskriminalämter zusammen, die beim Bundesinnenministerium gesammelt werden. Wer in die Statistik einfließt, entscheiden örtliche Behörden.

Die Diskrepanz scheint niemanden zu interessieren. Die einzige Partei, die über die Jahre immer wieder wegen der rechten Tötungsverbrechen bei der Bundesregierung nachgehakt hat, war die Linkspartei. SPD und Grüne haben sich wenig für das Thema interessiert. Ist ja auch ein Ost-Thema, das nichts mit dem Westen zu tun hat.

Diese Haltung ist verbreitet und bequem, sie hat den Vorteil, dass man sich selbst nicht hinterfragen, sich nicht ändern muss. Es ist wie eine neue Mauer, die zwanzig Jahre nach der Einheit wieder hochgezogen wird. Eine Mauer, hinter der sich die Westdeutschen verstecken können.

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4 von 4
Autor:  Sabine Rennefanz
Datum:  31 | 12 | 2011
Seiten:  1 2 3 4
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