Frau Guddat, haben Sie eine Lieblingsfolge vom "Tatort"?
Nö.
Die Schau "Von Tatort ins Labor: Rechtsmediziner decken auf ist vom 6. März bis 13. September 2009 in Berlin zu sehen, im Medizinhistorischen Museum der Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin.
Informationen im Internet: http://remed.charite.de/
Kuratiert wurde die Schau von den Rechtsmedizinern Saskia Sabrina Guddat und Michael Tsokos, Leiter des Instituts, und den Museumsmitarbeitern Navena Widulin und Prof. Thomas Schnalke.
Das Buch "Dem Tod auf der Spur. Zwölf spektakuläre Fälle und ihre rechtsmedizinische Untersuchung" von Michael Tsokos erscheint im Mai im Ullstein-Verlag.
Nö?
Ich mag "Tatort" nicht, ich find ihn doof.
Aber Rechtsmediziner wie Sie sind doch die neuen Helden des deutschen Kriminalfilms.
Schon klar. Aber das Bild, das da von unserem Beruf gezeichnet wird, ist überhaupt nicht korrekt. Wir marschieren zum Beispiel nicht nachts los, klopfen an irgendwelche Türen und fragen jemanden, ob er die Frau umgebracht hat, die wir gerade obduziert haben. Das Einzige, was im Film realistisch dargestellt wird, ist, wie toll dieser Beruf ist und wie viel er einem gibt.
Was gibt es Ihnen, Leichen zu sezieren?
Die Arbeit im Sektionssaal ist sehr spannend. Wir arbeiten außerdem auch viel mit Lebendigen zusammen, am Tatort oder im Gerichtssaal zum Beispiel. Das Interessante ist, dass wir nie den klassischen Alltag haben. Wir haben immer wieder neue Herausforderungen, jeder Tag ist anders.
Aber Blut muss man schon sehen können?
Besser wäre es. Sie müssen ja zum Beispiel selber das Herzblut an Leichen abschöpfen, nachdem Sie das Herz abgesetzt haben. Insofern wäre es problematisch, wenn Sie dabei umkippen würden.
Schon mal einen Fall gehabt, der Ihre Ekelgrenze überschritt?
Nein, unsere Ekelgrenzen sind ziemlich weit gesteckt. Aber was Menschen anderen Menschen zufügen ist manchmal so unvorstellbar, dass es einen schon schlucken lässt.
In Krimis sieht man oft Fälle, in denen Mörder ihre Taten besonders pfiffig vertuschen. Erleben Sie das häufiger?
Ich erlebe schon manchmal Fälle, wo ich denke, hoppla, das kann so nicht gewesen sein.
Zum Beispiel?
Mir fällt gerade ein umgekehrter Fall ein. Da verstarb ein Kind mit Hirnblutungen und alle gingen von einer Kindesmisshandlung mit Todesfolge aus, aber die Sektionsbefunde passten nicht. Erst nach einer Reihe von Untersuchungen stellten wir fest, dass dieses Kind eine extrem seltene Blutgerinnungsstörung hatte und dass das, was wie ein Verbrechen aussah, gar keines war.
Gibt es Systematiken? Stechen Frauen eher zu? Und schießen Männer lieber?
Bei Suiziden ist es schon so, dass Männer sich eher erschießen und Frauen sich eher vergiften oder sich die Pulsadern öffnen. Es ist auch immer abhängig davon, worauf das Individuum Zugriff hat.
Heißt?
Heißt, dass sich Elektriker zum Beispiel gerne mit Strom umbringen, wogegen Ärzte vorzugsweise zu Medikamenten greifen, Polizisten zu Waffen.
Selbst im Tod tut jeder noch das, was er am besten kann?
Ja, das ist ja auch das Einfachste.
Gibt es aus Ihrer Sicht das perfekte Verbrechen?
An sich hinterlässt jeder Täter Spuren, aber das perfekte Verbrechen gibt es manchmal schon.
Wie muss ich das anstellen?
Zum Beispiel, indem Sie jemanden spuren- und verletzungsarm töten. Dann müssen Sie dafür sorgen, dass der Arzt, der die Leichenschau macht und in der Regel ja kein Rechtsmediziner ist, das nicht erkennt. Das können Sie etwa tun, indem Sie den stark trauernden Angehörigen mimen und dafür sorgen, dass er die Leiche nicht richtig untersucht. Dann wird der Arzt vielleicht einen natürlichen Tod bescheinigen und es wird nie jemand erfahren, dass Sie die Person getötet haben. Sie dürfen nur nicht den Fehler machen, die Person anschließend verbrennen zu lassen.
Warum nicht?
Weil dann vorher noch mal ein Rechtsmediziner drauf schaut.
Guter Tipp.
Gern geschehen.
(Interview: Jörg Schindler)
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