Helene Hegemann gilt als das neue deutsche Regie-Wunderkind. Ein solches Label verpassen Medien und Gesellschaft gerne jungen Menschen, die Dinge leisten, die die meisten wohl nie leisten werden - oder eben erst viel später. Die 16-Jährige ist sich dessen bewusst und bekennt offen, die aus dieser Sondersituation erwachsenden Vorteile zu nutzen.
"Ich kokettiere natürlich mit meiner Minderjährigkeit. Ich kokettiere sogar damit, dass ich mit dem Jugendbonus kokettiere", sagt sie schmunzelnd am eilig frei geräumten Tisch ihres Kinderzimmers in einem Haus im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Dessen auffälligste Wandzierde ist ein riesiger Linienplan des Berliner Nahverkehrs, der, wie das Zimmer auch, als Kulisse für ihren Film "Torpedo" diente.
Helene Hegemann, 16, wurde in Freiburg geboren und wuchs in Bochum auf. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt sie in Berlin bei ihrem Vater Carl Hegemann, der lange als Dramaturg an der Volksbühne arbeitete.
Ihr Kurzfilm-Debüt "Torpedo" wurde 2008 auf diversen Filmfestivals gezeigt und von der Kritik gefeiert. Radio Eins nannte Torpedo ein "furioses Debüt" mit "großartiger Besetzung" - denn Hegemann konnte für ihr Projekt Schauspieler wie Alice Dwyer, Jule Böwe, Sebastian Baumgarten und Matthias Matschke gewinnen. Spiegel-Online attestierte der Autodidaktin gar das Potenzial, das Kino aufzumischen.
Im Januar 2009 wurde "Torpedo" mit dem Max-Ophüls-Preis für den besten mittellangen Film ausgezeichnet.
"Torpedo" läuft vor allem in Programmkinos. In Berlin zeigen "Central", "Moviemento" und "Lichtblick" den 42-minütigen Film mit fünf anderen Kurzfilmen.
Der Kurzfilm ist gerade in einigen Kinos der Hauptstadt angelaufen. Darin erzählt die in Freiburg geborene Helene Hegemann die Geschichte der 15-jährigen Mia, die nach dem Tod ihrer Mutter zur Tante nach Berlin zieht. Dort wird sie "in diesen ganzen anstrengenden Prenzlauer-Berg-Snobismus katapultiert", wie Helene sagt. Das Drehbuch schrieb sie mit 14, den Film drehte sie mit 15 Jahren. Ein Blick auf Helenes Biografie zeigt, wen Schauspielerin Alice Dwyer in dem temporeichen, verspielt-verrückten Film verkörpert: die Regisseurin selbst.
Hegemann hält der linken Boheme den Spiegel vor
Helene war 13, als ihre Mutter starb. Sie zog von Bochum nach Berlin, zu ihrem Vater Carl Hegemann, den sie kaum kannte. Es ist nicht nur ihre Geschichte, die sie in "Torpedo" fragmentarisch und ganz bewusst technisch unfertig erzählt. Der Film gewährt zugleich einen Einblick, wie eine Heranwachsende ihre Umwelt wahrnimmt. Der Kraft ihrer 42-minütigen Quasi-Autobiografie konnten und wollten sich im vergangenen Jahr weder Publikum noch Kritiker auf renommierten Filmfestivals in Hof, Saarbrücken und Berlin entziehen. Der Streifen wurde als Sensation gefeiert. Im Januar 2009 erhielt Hegemann für "Torpedo" den Max-Ophüls-Preis für den besten mittellangen Film.
Torpedo Regie: Helene Hegemann, 2008 (Kurzfilm)
Doch die Wohnung ihres Vaters, einst Dramaturg an der Volksbühne, ist mehr als Kulisse. Dort beobachtete sie die Eigenarten der linken Boheme, der Lebenswelt ihres Vaters - und somit auch die ihre. Diesen Menschen hält sie den Spiegel vor. Torpediert quasi eine Welt, in der ihrer Ansicht nach niemand das ist, "was gemeinhin unter einem vernünftigen Erziehungsberechtigten verstanden wird". Alle sind egoistisch, chaotisch, unfähig, Verantwortung zu übernehmen.
Trotz aller Kritik genießt sie ihr neues Leben in Berlin. Fand sie dort doch "die Freunde, die ich mein Leben lang haben wollte". In der neuen Stadt fühlt sie sich frei von dem Druck, sich "permanent selbst zu betrügen", indem sie unablässig versucht, "Teil einer überdurchschnittlich coolen Gruppe von Jugendlichen zu sein". Diese Erkenntnis gibt ihr die Kraft, sich in der Welt der Erwachsenen zu etablieren. Einer Welt, in der, wie sie hofft, "nichts mehr abhängig von irgendeinem Geburtsjahr ist". Wie Filmfigur Mia sieht sich aber auch Helene immer wieder mit dem Dilemma konfrontiert: entweder noch nicht - oder zu sehr ernst genommen zu werden.
Kein Platz für die übliche Schullaufbahn
Beobachtet man die äußerlich wie viele andere Mädchen daherkommende Helene, wie sie im November 2008 bei der Pressekonferenz zum Berliner Festival "Around The World In 14 Films" sitzt, wirkt sie etwas verloren - da auf dem Podium, inmitten gestandener Branchengrößen. Dieser Eindruck ändert sich mit den ersten Sätzen: Hegemann formuliert mutig, aber nicht übermütig. Sie argumentiert provokativ und thesenreich, aber nie platt. Große Worte, etwa dass der "Film das Theater abgelöst hat, wie die Fotografie die Bildende Kunst abgelöst hat", sprudeln druckreif aus ihr heraus. Darauf angesprochen, bekennt sie, sich ebenfalls zu wundern, "was aus so einem Teenager alles rauskommen kann".
Da ist sie wieder, die Koketterie. Denn sie weiß genau, was sie sagt. Obwohl nicht ganz klar ist, ob ihre Seitenhiebe aufs Theater - sie sagte einmal, es sei "Körperverletzung, vier Stunden in einem Stück sitzen zu müssen" - dem Umgang mit frustrierten Theaterschaffenden, der Lust an der Provokation oder schlicht der Pubertät geschuldet sind. Denn eigentlich liebt Helene das Theaterleben, wie sie in einem Feature des Rundfunk Berlin-Brandenburg verriet.
Es verwundert daher kaum, dass in Helene Hegemanns Leben kein Platz mehr für die übliche Schullaufbahn ist. Anstatt das klassische Gymnasium in Steglitz zu besuchen, macht sie ihr Abitur an einer Fernschule. Nur so bleibt ihr ausreichend Zeit, um mit Nicolette Krebitz zusammenzuarbeiten. Krebitz, einst selbst als Hoffnung des jungen deutschen Films gefeiert, dreht gerade ihren Beitrag zum Omnibusfilm "Deutschland 09". Die Hauptrolle spielt: Helene Hegemann.
Außerdem schreibt sie gerade ihren ersten Roman. Und arbeitet an einem neuen Film. Darin soll es übrigens um das Berliner Nachtleben gehen, das ihr jetzt schon manchmal zu langweilig wird.
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