Mr. Lee, Ihr neuer Film handelt von einem jungen Mann, der das Festival von Woodstock organisiert und dabei immer seine überfürsorgliche jüdische Mutter im Nacken hat. Das hat mir gut gefallen und mich an die eigene Jugend erinnert. Ich war fünfzehn, alle Freunde demonstrierten 1983 gegen den Nachrüstungsbeschluss - und ich hatte als Einziger meine Mutter dabei.
Um Gottes willen. Ich kann mir das lebhaft vorstellen. Ich bin ja ein extremer Familienmensch. In meinem Filmen benutze ich die sich verändernden Familienbeziehungen gerne dazu, um durch sie die viel größeren Entwicklungen in gesellschaftlichen und historischen Dimensionen zu beleuchten. Einen Krieg zum Beispiel oder eben Woodstock. Wenn Ereignisse eine solche Größenordnung erreichen, werden sie abstrakt. Sie werden bloße Symbole und sind eigentlich nicht mehr darstellbar. Es sei denn, man fängt eine sehr persönliche Reflexion davon ein. Und das versuche ich, indem ich so ein Ereignis aus einer Familiensituation heraus betrachte.
Ang Lee, 1954 in Taiwan geborener Regisseur, erhielt 2004 für das Homosexuellen-Drama "Brokeback Mountain" den Oscar.
Sein neuer Film "Taking Woodstock" (Kinostart 2. September) ist eine hinreißende Farce über die abenteuerliche Vermietung des Farmlands, auf dem 1969 das legendäre Rockfestival ausgetragen wurde.
Wie haben die Zeitgenossen von damals auf Ihre Sicht des Love-and-Peace-Happenings reagiert?
Sehen Sie, ich selbst war 1969 ja erst 14, das taiwanesische Fernsehen unterlag damals einer Zensur und zeigte nur wenige Bilder von Woodstock - und das auch nur in Schwarz-Weiß. Aber ich habe diese Aufnahmen nie vergessen. Ich habe meinen Film ein paar Leuten aus der Musikbranche gezeigt und auch Elliot Tiber, einem der Mitorganisatoren des Festivals...
Dessen autobiografisches Buch "Taking Woodstock" die Vorlage für Ihren Film war.
Ja. Und all diese Zeitgenossen mochten das Chaotische an meinem Film. Das haben sie damals wohl auch so erlebt.
Haben Sie Archivmaterialien verwendet, um diesen gewaltigen Menschenauflauf überzeugend darstellen zu können?
Kein bisschen, das habe ich alles selber gedreht! Ursprünglich wollte ich historisches Filmmaterial einschneiden, aber am Ende war das nicht nötig, weil ich alles im Kasten hatte! Abgesehen von der Mondlandung, die in einer Szene im Fernseher gezeigt wird.
Wie viele Statisten braucht man, um den Eindruck zu erwecken, da würde jetzt mehr als eine halbe Million Menschen zusammenkommen?
Wir haben drei Wochen lang jeden Tag zwischen zwei- und dreihundert junge Leute gecastet. In den Massenszenen bis zu fünfhundert.
Und die wurden später nicht am Computer multipliziert?
Nur die Menschen, die ganz, ganz hinten zu sehen sind. Die Kunst besteht dann darin, alle Statisten zu inszenieren. So gesehen sind fünfhundert eine große Menge. Aber es gab noch ganz andere Probleme: Sie glauben ja nicht, wie schwer es ist, heutzutage noch junge Leute mit Schamhaaren zu finden.
Die nachgestellten Nacktszenen, in denen sich junge Leiber im Schlamm wälzen, wirken dennoch sehr authentisch. Ebenso wie Ihre Bilder über den Drogenrausch: Sie stürzen die Zuschauer mit psychedelischen Halluzinationen in eine Art LSD-Trip.
(lacht) Ich glaube, wir haben die Erfahrung eines Drogenrausches sehr glaubhaft wiedergegeben.
Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?
Nein, ich habe nie LSD genommen. Es war eine cineastische Herausforderung, diese Bilder zu machen. Erst durch die Arbeit an diesen Szenen habe ich verstanden, was Woodstock bedeutet.
Sie haben die Folgen der sexuellen Revolution in Ihrem früheren Film "Der Eissturm" sehr düster beschrieben. Da fühlt sich die Elterngeneration bemüßigt, Swinger-Partys zu veranstalten, und keiner wird damit sehr glücklich. Hatten Sie jetzt das Bedürfnis, mit Ihrem "Woodstock"-Film an dieser Epoche etwas wieder gut machen zu müssen?
Ja, so war das wohl. Als ich den "Eissturm" drehte, dachte ich: "Das ist der Kater nach Woodstock." Und nach meinem letzten Film "Gefahr und Begierde" durchlitt ich selbst ein psychisches Tief. Ich brauchte etwas, das mich wieder aufbaute - und fand es schließlich in dem Woodstock-Buch von Elliot Tiber.
Aber "Gefahr und Begierde" gewann immerhin den Goldenen Löwen in Venedig. Was hat Sie denn in diese Krise gestürzt?
Ich verwandele mich immer in den Sklaven meiner Filme, sie werden zu Obsessionen. Ich nehme die Stimmung vollkommen an. Danach muss ich lernen, wieder zu mir zu finden. Ich bin ein ewiger Filmstudent. Die Leute bezahlen mich fürs Weiterlernen. Ich habe nun mal diese Neugier auf das Leben. Würde ich keine Filme mehr machen, säße ich nur gelangweilt zu Hause herum. Ich brauche einen Grund, um mich in diese Welt hinein zu stürzen. Deshalb muss es auch immer etwas Neues sein. Wie auf einer Besichtigungstour. Da wollen sie ja auch dorthin, wo sie noch nie waren.
Interview: Daniel Kothenschulte
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