Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

29. November 2010

Regisseur Woody Allen wird 75: Ansichten eines Clowns

Woody Allen Foto: dpa

Woody Allen wird 75, wenn auch nicht ganz freiwillig. Der große New Yorker Regisseur spricht sich strikt gegen das Altern aus – und gegen den Tod. FR-Autor Daniel Kothenschulte würdigt den komischen Misanthropen, der gerade seinen 45. Film gedreht hat.

Drucken per Mail

Woody Allen hat Geburtstag, und am liebsten ginge er da gar nicht hin. Je weniger Aufhebens man am 1. Dezember um seinen 75. mache, desto besser, wurde er zuletzt nicht müde zu erklären. Familie und Freunde bestünden zwar auf einem Essen, aber das sicher nur, um ein Steak zu ergattern.

Ob man seine Gäste wirklich darum beneiden möchte? Was sollten sie dem Jubilar wohl wünschen? Vielleicht „Alles Gute“? „Viel Glück“? Er würde sich bedanken.

„Das Leben ist mir immer als eine einzige Serie schrecklicher Qualen erschienen, das hat sich bis heute nicht geändert“, hörten wir den Regisseur erst bei seinem diesjährigen Festivalauftritt in Cannes lamentieren. „Dabei ist es keineswegs so, dass ich auf meine alten Tage pessimistischer geworden wäre. Ich war das schon mit neun. Und ich kann das auch kein bisschen origineller formulieren, als es Nietzsche, Freud oder Eugene O´Neill schon getan haben: Wer in diesem Leben glücklich ist, erreicht das nur, indem er an irgendwelche Lügen glaubt und daran festhält. Altwerden, so der Filmemacher, gehe im Übrigen nicht mit dem geringsten Zugewinn an Weisheit oder Gelassenheit einher. Die mögliche Alternative findet er allerdings auch nicht gerade verlockend: „Was den Tod betrifft, kann ich nur sagen: Ich bin absolut dagegen.“

Lebenserhaltender Pessimismus

Dieser für den New Yorker geradezu lebenserhaltende Pessimismus hat es sich in seiner 45. Regiearbeit „Ich sehe den Mann deiner Träume“ – ab Donnerstag im Kino – so richtig gemütlich gemacht. Eine reiche Esoterikerin huldigt darin einer dubiosen Wahrsagerin, während ihr Mann (gespielt von Anthony Hopkins) einen handfesteren Weg der Verdrängung beschreitet: Er verlässt sie für ein blondes Callgirl.

Schon Allens erstes verfilmtes Drehbuch, „Was gibt’s Neues, Pussy“ (1965), wimmelt von solchen Typen. Peter Sellers spielt einen psychopathischen Psychiater, der der weiblichen Welt ebenso sehr verfallen ist, wie er seine eigene Gattin fürchtet. Das auch nicht wirklich zu beneidende Gegenmodell repräsentiert Peter O’Toole als schöner, aber neurotischer Playboy – eine Figur, die unzählige Nachbilder in Allen-Filmen hinterlassen hat. Und dann ist da noch Allen selbst als schüchterner Junggeselle Victor, der in scheinbarer Nähe zu den Objekten seiner Begierde in einem Pariser Striplokal arbeitet.

Man sieht nicht viel von Woody Allen in diesem frühen Auftritt, auf den Regisseur Clive Donner nicht allzu viel Herzblut verschwendete. Doch der junge Komiker nutzt seine Szenen, um sich unvergesslich zu machen: Der komplizierte Intellektuelle aus der chaotischen Junggesellenbude, der sich in der Sauna unentwegt die beschlagenen Brillengläser putzt, sollte bald zur Comedy-Ikone des modernen US-Kinos aufsteigen.

Der Star wurde nicht über Nacht geboren. Die Rolle des liebenswerten Verlierers hatte Woody Allen bereits seit den frühen 60er Jahren in unzähligen Nachtclub-Auftritten perfektioniert. In den Zeiten von Youtube ist es leicht, sich ein Bild von dem jungen Künstler zu verschaffen, auch wenn meist nur Tonaufnahmen der schreiend komischen Auftritte erhalten sind. Die irrwitzigen Erlebnisse, die Allens komisches Alter Ego da im Brustton der Überzeugung erzählt, offenbaren einen für die Zeit verblüffenden sexuellen Subtext: Etwa die Geschichte von den jungen Männern in den roten Flanell-Unterhosen, die durchs nächtliche New York laufen im Glauben, sie seien die Feuerwehr („The Great Renaldo“).

Woody Allens bedauerlicher Rückzug von der Live-Comedy-Bühne mag für die Popkultur der 60er Jahre ähnlich bedeutsam sein wie der Abschied der Beatles von den Konzerthallen: Diese Jahrhundert-Entertainer hatten ihr Handwerk zwar auf der Bühne gelernt – ihr künstlerischer Perfektionismus aber konnte nur in einem Studio reifen und die Zeit überdauern. Auch wenn Woody Allen behauptet, Nachruhm kümmere ihn nicht: „Ich möchte Unsterblichkeit nicht durch meine Arbeit erreichen. Sondern dadurch, dass ich nicht sterbe.“

Eine rasante Erfolgsgeschichte

Und auch wenn die chronische Erfolglosigkeit in Allens Kunstfigur eingeschrieben ist, darf man seine Biografie durchaus als rasante Erfolgsgeschichte lesen. Bereits mit 15 verdiente er mit den von ihm zu Tausenden geschriebenen Gags soviel wie ein Profi. Mit 22 zahlte ihm das Fernsehen 1500 Dollar in der Woche. Seine Theaterstücke „Vorsicht Trinkwasser“ und „Mach’s noch einmal, Sam“ wurden Broadway-Hits. Bereits mit 30 war Woody Allen Millionär. Und dann geschah etwas Erstaunliches: Von Film zu Film wurde seine Komik ernsthafter und wahrhaftiger – ohne weniger komisch zu sein. Man konnte nicht mehr übersehen, dass Allen nicht nur wie seine autobiografisch gefärbte Filmfigur des Humphrey-Bogart-Fans in „Machs noch einmal, Sam“ ein leidenschaftlicher Filmkenner war. 1977 rangierte Woody Allen auf einer Ebene mit Martin Scorsese als Amerikas bedeutendster junger Autorenfilmer: Sein erstes wirkliches Meisterwerk, „Der Stadtneurotiker“, gewann vier Oscars – und spielte das Zehnfache seiner Produktionskosten ein Allen, dem Filmpreise nichts bedeuten, reagierte auf seinen Ruhm, indem er jedem erfolgsorientierten Denken noch radikaler auswich als zuvor. Für eine ganze Reihe von Meisterwerken nutzte er das scheinbar obsolet gewordene Schwarzweiß-Material. Auf „Manhattan“, die vielleicht romantischste seiner tragikomischen Selbstverortungen, eine Hommage ebenso an die weibliche Schönheit wie die seiner Lieblingsstadt, folgte „Stardust Memories“, eine melancholische Betrachtung über die bedrohte Kunstform Kino. Dass Allen auch das psychologische Drama in all seinen Facetten beherrscht, beweist er ironischerweise gerade in seinen Komödien – am eindrucksvollsten vielleicht 1986 in „Hannah und ihre Schwestern“.

Wie viele Gesichter der Mann mit der dicken Hornbrille tatsächlich hat, erfährt jeder, der ihm persönlich begegnet. Es kann vorkommen, dass er einem beim Interview streng und gnadenlos ins Auge blickt, nicht der leiseste Scherz kommt dann über seine Lippen. Minuten vor einem Auftritt als Klarinettist in Berlin präsentierte er sich dagegen unbeschwert als Privatmann, dem die kleinen Töchter an den Hosenbeinen ziehen. Und bei der eigentlich verhassten Routine einer Pressekonferenz bricht dann plötzlich wieder der junge Stand-up-Komiker hervor. So verneinte er zuletzt die Frage einer Journalistin, ob er nicht mit dem Aussehen einer Scarlett Johansson wiedergeboren werden wolle. Nein, lieber doch als Auster: „Man liegt nur still herum und kann sich seine Schale über den Kopf ziehen…“

Jetzt kommentieren

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2014: 2. September

Das aktuelle Kalenderblatt für den 2. September 2014: Mehr...

Videonachrichten Panorama
Fotostrecke
Costa Concordia

Das Wrack der Costa Concordia fasziniert - möglicherweise wegen des starken Kontrasts, der ihm innewohnt. Hier der verbogene und angerostete Teil, der eineinhalb Jahre unter Wasser lag. Dort jene farbenfrohen Flächen, die den Eindruck vermitteln, es sei nichts passiert. Wir haben einige Motive im Großformat zusammengestellt: Zur Premium-Galerie.

Videonachrichten Leute
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.