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14. Mai 2012

Reinhard Mey: Plötzlich Franzose

Zum Matrosenpullover fehlt nur noch die Baskenmütze: Reinhard Meys Herz schlägt französisch (Bild von 2005).Foto: imago

Reinhard Mey spricht im Interview über sein Leben in Paris, Vollkornbrot und Baguette, die deutsch-französische Freundschaft und das erste Treffen zwischen Francois Hollande und Angela Merkel.

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Seine Sprechstimme klingt kantiger, energischer als seine samtweiche Singstimme, die uns so oft das Gefühl von grenzenloser Freiheit „Über den Wolken“ vermittelt hat. Aber Reinhard Mey muss heute einfach lauter reden: Wir sitzen mit ihm im ersten Stock eines Cafés am Brandenburger Tor, im Erdgeschoss strömen immer mehr Touristen herein.

Irgendwie schafft es der Liedermacher, das anschwellende Gemurmel zu durchdringen, ohne seine Gesprächspartner deshalb anschreien zu müssen. Wer wie er seit mehr als 40 Jahren auf Tourneen geht, vor großen Zuschauermengen auftritt, lässt sich von solchen Geräuschkulissen eben nicht beeindrucken. Erst im vergangenen Jahr hatte er 62 ausverkaufte Konzerte gegeben. Die Höhepunkte hat er jetzt auf der Live-CD „Gib mir Musik“ dokumentiert. Dass Reinhard Mey im Dezember 70 wird, sieht man ihm nicht an, dass er regelmäßig joggt dagegen schon.

Ganz in schwarz gekleidet, die Lederjacke über den Stuhl gehängt, sitzt er da: Ein sehr entspannter Berliner, der nicht viel Aufhebens darum macht, Berliner zu sein. Was wohl auch damit zu tun hat, dass er viele Jahre in Paris lebte. Eine Stadt, die für ihn ein Sehnsuchtsort geblieben ist.

Herr Mey, wir würden mit Ihnen gerne über den Pionier der deutsch-französischen Freundschaft reden, der Sie mal waren…

Oh Gott, ist das nicht ein bisschen hochgegriffen?

Ihre Eltern hatten Sie nach Ende des Krieges zu einer befreundeten französischen Familie geschickt, in den 60ern lebten Sie in Paris, waren mit einer Französin verheiratet, Sie sangen auf Französisch, wurden dort unter dem Pseudonym Frédérik Mey ein Star unter den Chansonniers, noch bevor Sie in Deutschland Erfolg hatten. Da kommt doch einiges zusammen.

Das stimmt, ist aber schon alles lange her.

Zur Person

Reinhard Mey wurde am 21. Dezember 1942 in Berlin geboren und gehört zu den erfolgreichsten deutschen Liedermachern. 1968 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Frédérik Mey sein erstes Album auf Französisch. „Frédérik Mey, Volume 1“ wurde mit dem „Prix International“ der „Académie de la Chanson Française“ ausgezeichnet.

Bislang hat er sieben Alben und zwei Live-Mitschnitte auf Französisch herausgegeben, das letzte im Jahr 2005. Mey lebt heute mit seiner zweiten Ehefrau in Berlin Frohnau. Kürzlich ist das Live-Album „Gib mir Musik!“ (EMI) erschienen, ein Mitschnitt seiner 62 Konzerte umfassenden Mairegen-Tournee im vergangenen Jahr.

Wir möchten mit einem Assoziationsspiel versuchen, dieses Leben zwischen zwei Kulturen zu erfassen. Wir nennen Ihnen je eine deutsche und eine französische Eigenschaft – Sie müssen sich für eine entscheiden.

Machen Sie mal.

Baguette oder Vollkornbrot?

Vollkornbrot. Da spricht der Jogger oder der ernährungsbewusste Deutsche aus mir. Ich weiß, wie schädlich das Weißbrot für den Organismus ist. Was mich allerdings nicht daran hindert, es dennoch hin und wieder zu essen. Es kommt drauf an, was man draufschmiert. Wenn ich einen wunderbaren, gereiften Camembert habe, schmeckt der eigentlich nur auf einem Baguette.

Triumphbogen oder Brandenburger Tor?

Triumphbogen, der Platz ist noch lebendiger als das Gelände am Brandenburger Tor. Und mir gefällt es, dass es unter dem Triumphbogen eine Flamme für die unbekannten Soldaten gibt. Eine schöne Geste, die geht mir ans Herz. Wobei ich nie vergessen werde, wie schön es war, am 24. 12. 1989 endlich wieder durch das Brandenburger Tor gehen zu dürfen. Trotzdem wähle ich den Triumphbogen.

Louvre oder Museumsinsel?

Louvre. Das Museum ist einfach nicht zu überbieten. Es zu erfassen, ist fast schon eine Lebensaufgabe. Und das sagt Ihnen jemand, der schon sehr oft dort war. Dennoch habe ich vielleicht erst ein Drittel dessen gesehen, was im Louvre ausgestellt ist. Was vielleicht auch daran liegt, dass ich immer wieder zu denselben Bildern gehe.

Albert Camus oder Günter Grass?

Camus. Ohne zu überlegen. Abgesehen von der jüngsten Debatte um sein kontroverses Israel-Gedicht, ist es mir schon immer sehr, sehr schwer gefallen, Günter Grass zu lesen. Ich hab es dennoch immer wieder mal versucht, zuletzt mit den Erzählungen „Das Treffen in Telgte“. Aber es ging nicht. Ich konnte das einfach nicht lesen, mich nicht dadurch kämpfen. Ich habe das Buch irgendwann zugeklappt, das war mein Abschied von Grass. Camus dagegen ist für mich immer noch frisch, auch wenn ich ihn heute lese.

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