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Reinhold Messner und der Nanga Parbat: Der deutsche Schicksalsberg

Seine Eroberung sollte die Niederlage des ersten Weltkriegs vergessen machen. Jetzt kommt die dramatische Geschichte des Nanga Parbat ins Kino. Von Katharina Sperber ( Mit Video)

Größte sichtbare, freistehende Massenerhebung auf der Erde: der Nanga Parbat in Pakistan.
Größte sichtbare, freistehende Massenerhebung auf der Erde: der Nanga Parbat in Pakistan.
Foto: senator film

Seit 17 Stunden ist Hermann Buhl von seinem letzten Nachtlager unterwegs. Allein. Ohne Sauerstoffflasche. Den Rucksack mit dem warmen Wollpullover und dem Proviant hat er zurückgelassen. Ein paar Tabletten vom Aufputschmittel Pervitin trägt er in der Jackentasche.

"Ich kann mich nicht mehr aufrecht halten, ich bin nur noch das Wrack von einem Menschen. Kriechend auf allen vieren komme ich nur langsam weiter", beschreibt der 28-Jährige in seinem Tagebuch die Wegstrecke - bevor er am 3. Juli 1953 schließlich sein Ziel erreicht: den Gipfel des Nanga Parbat. "Es ist sieben Uhr abends. Hier stehe ich nun, seit Erdenbestehen der erste Mensch, auf diesem Fleck, am Ziel meiner Wünsche! Doch nichts von berauschendem Glück, von jauchzender Freue, nicht das erhebende Gefühl des Siegers spüre ich in mir. Ich bin vollkommen fertig!" Aus seinem Anorak holt Buhl einen kleinen Tiroler Wimpel hervor, bindet ihn an das Eispickel, schießt ein Foto und steckt ihn wieder ein. An die Eisaxt, die am Gipfelfirn bleiben wird, knüpft er die Fahne des Gastlandes Pakistan.

Um Jahre gealtert scheint der 28-jährige Hermann Buhl, als er vom Gipfel des Nanga Parbat zurückkehrt.
Um Jahre gealtert scheint der 28-jährige Hermann Buhl, als er vom Gipfel des Nanga Parbat zurückkehrt.
Foto: dpa

Der Tiroler Wimpel und die pakistanische Flagge am Gipfel - nicht aber die schwarz-rot-goldene deutsche Fahne. Das wird ihm sein deutscher Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer niemals verzeihen. Denn der Österreicher Buhl, der sich und seine Familie als Skilehrer, Bergführer und mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durchs Leben bringt, hat Herrligkoffer den "deutschen Sieg" geraubt. In aller Öffentlichkeit setzt der Münchener Arzt die Meisterleistung Buhls herab und verkauft die Gipfelbesteigung als Erfolg des von ihm geleiteten Teams. Mit Sätzen wie "Nun hat sich der Kreis im Ringen um den ,deutschen Schicksalsberg´ geschlossen", benutzt er dabei gerne das Pathos der 30er Jahre.

Tatsächlich war der Nanga Parbat lange Zeit Projektionsfläche deutschen Größenwahns. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg werden die Berge Schlachtfeld für entgangene Siege. "Eines der wichtigsten Mittel, um die sittliche Kraft des deutschen Volkes wieder herzustellen", heißt es in einem Pamphlet des Deutsch-österreichischen Alpenvereins von 1919, "ist der Alpinismus."

Dabei dachten die Deutschnationalen nicht nur an die heimischen Alpen, sondern richteten ihre Begehrlichkeiten auch auf die Gipfel des Himalaya und dort vor allem auf jenen Berg, der 1854 von den deutschen Brüdern Hermann, Adolf und Robert Schlagintweit entdeckt worden war. Bei den folgenden Eroberungsversuchen geht die deutsche Bergsteigerelite generalstabsmäßig vor.

In den 30er Jahren will vor allem der Ingenieur und Bergsteiger Willy Merkl den Berg mit aller Macht bezwingen. 1932 unternimmt er eine Expedition und scheitert. Nur zwei Jahre später reist Merkl wieder an: Mit etwa 400 Trägern und 14 Tonnen Zelten, Schlafsäcken, Seilen, Haken und Lebensmitteln. Doch die Materialschlacht wird zum Desaster. Auf 7450 Metern Höhe geraten er, zwei seiner "Kameraden" und sechs Sherpas in einen Schneesturm und kommen darin um.

Die Nazi-Propaganda stilisiert Merkl zum Helden und seinen "Angriff" auf den Berg zum Mythos deutscher Willensstärke, die nun erst recht bewiesen werden soll. 1937 werden sieben deutsche Bergsteiger und neun Träger von einer Lawine begraben. 1938 muss sich eine weitere deutsche Expedition geschlagen geben. 1939 werden die Expeditionsteilnehmer von den Briten interniert - die Nationalsozialisten haben inzwischen den Zweiten Weltkrieg begonnen.

Doch der Wahn überdauert den Krieg: "Diese Männer verband mehr als Bergkameradschaft" schreibt noch 1955 Paul Bauer, ehemaliger Major der Gebirgsjäger, über die deutschen Bergsteiger im fernen Asien. "Treu wie germanische Krieger ihrem Herzog, bis zum letzten, unzugänglich für Zweifel und Zaghaftigkeit, erfüllt vom unbändigen Stolz auf geistige Unerschütterlichkeit gingen sie ihren Weg, ohne nach seinem Ende zu fragen. Wie eine verlorene Rotte setzten sie sich ein für Deutschland. Sie waren eine Schicksalsgemeinschaft auf Leben und Tod." Bauer weiß, wovon er redet, bei den Nationalsozialisten hatte er Karriere als Leiter des "Fachamtes für Bergsteigen und Wandern im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen" gemacht.

Auch Karl Maria Herrligkoffer gibt den Sieg am "deutschen Schicksalsberg" bis Buhls Gipfelbesteigung noch nicht auf. Herrligkoffer ist der Halbbruder von Willy Merkl. In dessen Andenken leitet er zwischen 1953 und 1975 insgesamt acht Expeditionen am Nanga Parbat. Auch die von 1970, bei der Reinhold Messners Bruder Günther beim Abstieg über die Diamirflanke von einer Lawine verschüttet wird. Noch während die Messners vermisst werden, bezeichnet Expeditionsteilnehmer Felix Kuen die Überschreitung des Gipfels als einen "alpinen Lausbubenstreich". Und erklärt in deutschnationalem Schicksalsgemeinschafts-Duktus: "Ein Lob wird ihnen nicht mehr gebühren, sie haben unseren Plan nicht eingehalten und sich außerhalb unserer Gemeinschaft gestellt."

Reinhold Messner hasst dieses Kameradschaftsgefasel - und überwindet es durch seine bergsteigerischen Leistungen. Sein puristischer alpiner Stil wird wegweisend: Es geht nicht mehr darum, zum Angriff auf einen Berg zu blasen und den Sieg über die Natur zu erringen, sondern darum, das Menschsein in maximaler Ausgesetztheit zu erfahren, ohne zusätzlichen Sauerstoff, ohne Gepäck und fast ohne fremde Hilfe.

Der Trailer zum Film

Steve House, der heute als der beste Bergsteiger der Welt gilt, und sein Seilpartner Vince Anderson durchsteigen 2005 als erste den Pfeiler in der Rupalwand im alpinen Stil , also im Sinne Messners - ein bergsteigerisches Unternehmen, das bis dahin als unmöglich galt. Es gibt Schwarz-Weiß-Fotos von den beiden am Gipfel: erschöpfte Männer, denen die ungeheure Anstrengung anzusehen ist.

So sehen bestimmt keine Helden aus. "Als ich dieses Ziel erreicht hatte, hatte ich auf einmal kein Ziel mehr", sagt der heute 39-jährige US-Amerikaner House. Das hätte wahrscheinlich auch Hermann Buhl unterschrieben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über den Fels der Extreme.

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Autor:  Katharina Sperber
Datum:  10 | 12 | 2009
Seiten:  1 2 3
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