Muffig, spießig und kreuzbrav. So wie die Fünfziger- und Sechzigerjahre der Bundesrepublik auch. Ein Schmunzelhumor, der allen gefallen hat, weil er niemandem weh tut. Das sind heute gängige Meinungen über Heinz Erhardt, der "das elektrische Licht der Welt im Jahre Schalke 09 erblickte" (Erhardt über Erhardt), am 20. Februar, also genau vor 100 Jahren. Und man kann diese Urteile in gewissem Umfang nachvollziehen, wenn man sich die populär gewordenen Filme Erhardts anschaut, die meist in heilen Welten spielen, in denen der Erwerb eines neuen Automobils als Höhepunkt galt.
Wer sich in jenen Kulissen eines blühenden Wirtschaftswunders und dessen Dickleibigkeit eingerichtet hat, dem kann leicht die Subversion, das Untergründig-Anarchische in Heinz Erhardts Arbeit entgehen. Erhardt ist Vorbild geworden für viele, die nach ihm gekommen sind und die heute allesamt so etwas wie "Comedy" machen. Otto Waalkes beispielsweise schreibt in einem Glückwunschtext zu Erhardts Jubiläum, dieser habe "aus der Vorkriegszeit etwas herüber gerettet, was heute Stand-up heißt: ein Alleinunterhalter, der uns mit Worten zum Lachen bringt."
In der Tat gehört die Doppeldeutigkeit der deutschen Sprache, deren Verdrehung und Neuanwendung, zu Erhardts mit besonderer Könnerschaft beackertem Gebiet. So kalkuliert unbeholfen Heinz Erhardt auf der Bühne auch wirken mochte, beinahe erstaunt über die Lachsalven, die er bei seinem Publikum hervorrief - ähnlich wie bei Loriot war all das das Ergebnis einer akribischen und genauen Arbeit, was man den Gedichten auch heute noch anmerkt, wenn man sie liest. Ehrhardt soll unter ungeheurem Lampenfieber gelitten haben und angeblich entweder mit einer Brille aus Fensterglas oder ohne Brillengläser aufgetreten sein, um sein Publikum nicht sehen zu müssen. Dass er vor seinen Liveauftritten gerne einmal einen doppelten Dornkaat trank, um die Aufregung zu mildern, ist sogar verbürgt - es findet sich ein diesbezüglicher Eintrag in seinen Tagebüchern, die auszugsweise, zusammen mit weiteren bis dahin unveröffentlichten Dokumenten jetzt in einem Bildband erschienen sind.
Dass der Humorist Heinz Erhardt außerdem von einer Seite Schützenhilfe bekommt, die der Spießigkeit unverdächtig ist, spricht für sich: Die Neue Frankfurter Schule gilt nun nicht eben als ein Hort der bürgerlichen Affirmation. Und doch singt einer ihrer Protagonisten, Titanic-Mitbegründer Bernd Eilert, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau ein Loblied auf Erhardt: "Seine Attitüde im Umgang mit dem Publikum", so Eilert, "gewisse Frechheiten hinter einer Fassade aus gezierter Schüchternheit und beflissenen Entschuldigungen zu verbergen, hat Nachfolger wie Otto Waalkes durchaus nachhaltig beeinflusst. In seinen besten Versen hat er bereits eine Art von Lakonie erreicht und unterläuft listenreich alle gängigen Pointenerwartungen - davon hat die Neue Frankfurter Schule gelernt." Eilert erinnert sich: "Bis in die frühen Sechzigerjahre war Heinz Erhardt der Fixstern am ansonsten bedauerlich düsteren deutschen Humorhimmel."
Wie jeder herausragende Humorist hatte Erhardt auch eine dunkle, selbstreflexive Seite. Am 7.1.1971 notiert er in seinem Tagebuch: "Ich habe eine Ahnung, dass dies mein letztes Album wird! Nun, ich habe genug gearbeitet und gelebt. Es war alles in allem ein schönes Leben. Weniger vielleicht für Zipchen (so nannte er seine Ehefrau Gilda) und die Kinder, denn ein guter Mann und Vater war ich nie. Umso dankbarer bin ich meiner Familie, dass sie mich meine Schwächen nicht allzusehr merken ließ!". Erhardt sollte mit seiner dunklen Ahnung Recht haben - am 11. Dezember 1971 erlitt er einen Schlaganfall. Danach konnte er nicht mehr sprechen und schreiben. Im Juni 1979 starb Erhardt im Alter von 70 Jahren.
Sein Credo lautete: "Ich will die Leute zum Lachen bringen, zu einem Lachen, dessen sie sich später nicht zu schämen brauchen." Vielleicht eine Anregung für all diejenigen, die heute auf der Bühne stehen, in der Nachfolge Heinz Erhardts.
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