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Vorbeugung: Rinderimpfung gegen Ehec

In Kanada versuchen Wissenschaftler den Darmerreger frühzeitig zu blockieren und impfen Kühe gegen das Bakterium. Der Impfstoff bekämpft allerdings nur einen EHEC-Typ.

Christopher Furlong/Getty
Ehec-Bakterien siedeln sich vor allem im Darm von Rindern an.
Foto: Getty Images

Bei einem Jogginglauf in Vancouver kam Brett Finlay die Idee. Um das Risiko von E. coli-Infektionen durch gefährliche Ehec-Erreger bei Menschen zu verringern, müsste diesen der Nährboden entzogen werden. Der befindet sich vor allem in Kühen. „Wir sollten Kühe impfen, nicht Menschen“, dachte Finlay, Mikrobiologe an der Universität von British Columbia. Das war Ende der 90er Jahre. Ein Jahrzehnt später ließ Kanada den ersten Impfstoff zu, der bei Rindern die Produktion des Darmbakteriums E. coli O157:H7 blockiert. Dieser Ansatz war neu, sagt Finlay im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Meist denkt man bei Impfung daran, Kinder zu immunisieren.“

Der Ausbruch der Ehec-Epidemie in Deutschland geht nicht auf das Escherichia coli-Bakterium vom Typ O157:H7 zurück, sondern auf den Typ O104:H4. Der kanadische Impfstoff, der bisher nur in Kanada zugelassen ist, wäre in diesem Fall vermutlich keine Hilfe gewesen. Dennoch stellt sich die Frage, ob mittel- und langfristig auf die Entwicklung von Impfstoffen gesetzt werden kann, um E. coli-Epidemien zu verhindern.

„Man sollte über Impfstoffe nachdenken“, sagte der Mikrobiologe Lothar Beutin, Leiter des Referenzlabors für E. coli-Bakterien beim Bundesinstitut für Risikobewertung, der Deutschen Presseagentur. So wie die kanadische Lebensmittelbehörde das tat, die dem Unternehmen „Bioniche Life Sciences“ 2008 die Lizenz erteilte, den Impfstoff Econiche zu produzieren. Es war, wie Jennifer Shea, Vizepräsidentin von Bioniche, erklärt, „weltweit der erste Impfstoff, der bestimmt ist, die Ausscheidung von Escherichia coli O157:H7 zu reduzieren“. Die Impfung könne helfen, „das Risiko der Kontamination von Lebensmitteln und Wasser zu verringern“.

Bakterien im Darm von Rindern, Ziegen, Rehen und Schafen

An der Entwicklung arbeitete auch Brett Finlay mit. „Kühe tragen den E. coli O157:H7 in sich, werden aber nicht krank. Die Krankheit tritt auf, wenn Menschen mit kontaminierter Nahrung oder Wasser in Kontakt kommen, was normalerweise von Rinderfäkalien kommt. Wenn wir die Kolonisation von O157 in Kühen blockieren können, verringern wir die Zahl der Bakterien, denen Menschen ausgesetzt sind.“

Ehec-Bakterien siedeln im Darm von Wiederkäuern, vor allem Rindern, aber auch von Rehen, Ziegen und Schafen. Durch ein Protein heften sie sich an die Darmwand und vermehren sich. Über Kot werden sie ausgeschieden und können auf verschiedene Weise in die Lebensmittelkette gelangen, vor allem durch Rohmilch, nicht ausreichend gegartes Fleisch oder durch Gülle, die auf Feldern verbreitet wird und in Trinkwasser gerät.

Der in Kanada zugelassene Impfstoff verhindert das Festsetzen der Bakterien im Rinderdarm und ihre Vermehrung. Und dass sich die Kanadier auf den Stamm O157 konzentrierten, hatte einen einfachen Grund. „O157 war der Typ, der die meisten E. coli-Fälle in Nord- und Südamerika auslöste“, sagt Finlay. Bioniche hofft, bald die „konditionelle“ Zulassung für die USA zu bekommen und bemüht sich nach Angaben von Jennifer Shea auch um die Zulassung in anderen Ländern mit starker Rinderwirtschaft – wie etwa Australien.

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Bislang findet der Impfstoff aber nur „begrenzten Gebrauch“, räumt Shea ein. Der Verkauf bewege sich im Bereich von Tausenden, nicht Millionen Dosen. Das liege daran, dass eine neue Produktionsanlage erst im Laufe dieses Jahres vollkommen arbeiten werde. Aber es gibt auch die Zurückhaltung der Rinderfarmer. Der Impfstoff muss in drei Dosen verabreicht werden. Das kostet insgesamt etwa sieben Euro, hinzu kommen Veterinärkosten. Viele Farmer sind zudem der Meinung, dass das nicht ihr Problem sei. Die Rinder seien gesund, es sei ein Problem der Fleischverarbeitung und der Hygiene bei den Lebensmittelerzeugern.

Nach Angaben von Finlay und Shea haben Untersuchungen keine Rückstände des Impfstoffs im Fleisch gezeigt. Der Impfstoff werde nicht von lebenden Bakterien gewonnen, die in der Nahrungskette weiterleben könnten. Jüngste Kontrollstudien über die Wirksamkeit der Impfung hätten ergeben, dass die Impfung zu einem reduzierten Ausscheiden von E. coli O157 nach vorheriger Infektion mit diesen Bakterien geführt habe, sagt Shea.

42 EHEC-Varianten in Deutschland

Ob Impfung tatsächlich ein Weg ist, Epidemien der gefährlichen Ehec zu verhindern, ist fraglich. Lutz Geue, Fachtierarzt für Mikrobiologie am Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit in Wusterhausen, äußert sich „zurückhaltend“. Der in Kanada zugelassene Impfstoff gegen O157, „ist nur bei diesem Ehec-Typ wirksam. In Rindern ist die Bandbreite von Ehec-Typen aber sehr groß, und es bilden sich immer wieder neue Varianten. Das macht es so schwer, einen Impfstoff zu entwickeln“, sagt er.

In Deutschland wurden beim Menschen bisher 42 Ehec-Varianten identifiziert, die das lebensbedrohliche HUS-Syndrom verursachen können. Momentan, sagt Geue, sehe er in Impfungen keinen Weg, das Problem zu lösen.

In den USA und Kanada sei offenbar vor allem O157 gefunden worden, und daher seien diese beiden Impfstoffe entwickelt worden. Ob eventuell zu einseitig nach diesem Bakterientyp gesucht wurde, könne Geue nicht beurteilen. „Wir finden O157 bei Rindern in Deutschland seltener. Jetzt haben wir es mit O104:H4 zu tun, den wir bei Rindern noch nicht gefunden haben.“ Fazit: „Der kanadische Impfstoff, der in Deutschland nicht zugelassen ist, hätte also möglicherweise den O157-Typ verdrängt, O104 wäre aber geblieben.“

Das Paul-Ehrlich-Institut, das Bundesinstitut für Impfstoffe in Langen, erklärte auf FR-Anfrage, es sehe in der Entwicklung von Impfstoffen gegen Ehec, die zur Impfung von Tieren gedacht sind, einen „erfolgsversprechenden Ansatz“. Eine Impfung der Tiere zur Verringerung der Ausscheidung von Ehec-Erregern wäre eine Maßnahme zum Verbraucherschutz, was aber die Frage aufwerfe, wer die Kosten der Anwendung tragen müsste.

Die Kanadier haben an der Entwicklung des Impfstoffs zehn Jahre gearbeitet. Sie wagen keine Prognose, wie lange es dauern würde, einen Impfstoff gegen O104 zu entwickeln. „Ist es ein ganz anderer Strang, oder ist er nur ein wenig anders? Sind es ganz andere Proteine? Wir wissen noch nicht genug über O104“, sagt Brett Finlay.

Autor:  Gerd Braune
Datum:  18 | 6 | 2011
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