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09. Februar 2016

Rio 2016: Olympisches Badevergnügen

 Von 
6000 Badegäste dürfen in das Schwimmbad, das im Sommer mal die Kanu-Slalom-Strecke werden soll.  Foto: Anja Kessler

Auf dem Olympiagelände von Deodoro, inmitten grauer Vorstädte und Favelas, ist die Kanu-Slalom-Strecke als riesiges Freibad angelegt – und schon vor den Spielen geöffnet.

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Ein halbes Jahr vor Olympischen Spielen ist das wohl immer so: Die, die sie organisieren, klopfen sich selbst auf die Schulter. „Wir hatten ja schon die Elite der Slalom-Kanuten hier“, sagt Roberto Ainbinder, der Chef-Architekt der Olympia-Bauten von Rio de Janeiro, „und die fanden, das sei die beste Strecke der Welt“. Mal abgesehen davon, dass man für Olympische Spiele nicht Zweitklassiges baut und dass die neueste und modernste Kanuslalom-Strecke wohl auch die jeweils beste sein sollte – da unten liegt sie in der Sonne.

Von der Aussichtsplattform auf einem Hügel, von der aus Ainbinder die Anlage zeigt, sieht man eine eher unspektakuläre Rinne aus hellem, wie ausgebleichtem Beton, noch ohne Wasser und vielleicht dreihundert Meter lang, aus der die intensiv blauen Plastik-Hinderniselemente herauf leuchten. Nichts also, was dem Nicht-Kanuten das Herz höher schlagen ließe. Aber das Wasser-Reservoir direkt daneben, das von da unten heraufglitzert! Obwohl es noch ein halbes Jahr hin ist, bis die Spitzensportler der Welt nach Rio kommen, ist dieser Wasser-Speicher bereits jetzt der Schlager der Olympischen Spiele 2016.

„Legado“, das ist seit Jahren die magische Vokabel der brasilianischen Politiker: Vermächtnis, Erbe, Hinterlassenschaft – was also von den sportlichen Großereignissen bleibt, wenn sie eines Tages vorbei sind. Denn natürlich ruft die internationale Event-Kultur stets Kritik hervor: Der Wanderzirkus der Mega-Ereignisse erfordert immer neue visuelle Reize für das Publikum, also immer neue Kulissen, immer neue Schauplätze und folglich immer neue Milliarden-Ausgaben der öffentlichen Hand. Und je schneller sich dieses Event-Karussell dreht, so argumentieren dessen Kritiker, desto nötiger ist seine Rechtfertigung durch das, was danach bleibt. Mal hinterlassen Sportspiele Respektables, so wie Olympia in Barcelona oder in München, und mal geht es eher schief, so wie in Athen. Aber in welcher Sprache auch immer, die Rechtfertigungsvokabel ist stets in aller Munde, wenn es um Mega-Events geht.

Nach der Fußball-Weltmeisterschaft vor anderthalb Jahren ist „legado“ in Brasilien jedoch ein delikates Wort. Denn nach all den Milliarden, die das damals noch halbwegs prosperierende Land so unbekümmert für die Luxus-Spielplätze der Fifa verfeuert hat, herrscht heute Katzenjammer.

Das schöne und superteure, aber von Anfang an ziemlich überflüssige Stadion in Brasília beherbergt mittlerweile Büros der Landesregierung. Die nicht ganz so teure und nicht ganz so schöne, aber genauso überflüssige Amazonas-Arena in Manaus war im vergangenen Jahr Schauplatz von genau 13 Fußballspielen. Sie brachten dem Besitzer, der dortigen Landesregierung, Einkünfte in Höhe von nicht mal sieben Prozent der jährlichen Unterhaltskosten ein. Im August wird dort zwar Olympia-Fußball gespielt. Aber dafür sind wieder teure Umbauten nötig.

Umso erstaunlicher, dass die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro schon ein „legado“ hervorgebracht haben, bevor sie überhaupt angefangen haben. Denn der Wasserspeicher, dessen Inhalt von vier starken Pumpen um zweieinhalb Meter angesogen wird und dann durch die Schwerkraft durch die Kanu-Strecken braust, war von Anfang an so geplant, dass er nach den Spielen als öffentliches Schwimmbad genutzt werden kann.

Kanu-, BMX-, und Mountainbike

Das an sich ist natürlich nicht weiter revolutionär; was soll man sonst mit einer an die 150 Millionen Euro teuren Anlage für einen Sport anfangen, den in Brasilien so gut wie niemand betreibt. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Bevölkerung, die in der Umgebung wohnt, die Stadt Rio fast schon gezwungen hat, das Planschbecken früher freizugeben als geplant – vor den Spielen nämlich. Und einen größeren Publikumserfolg hat es in Rio de Janeiro schon lange nicht gegeben.

Warum das so ist, ahnt man auf der Aussichtsplattform, wo Chef-Architekt Ainbinder den „Parque Radical“ erläutert, zu dem neben der Kanu- auch die olympische BMX- und die Mountainbike-Strecke gehören. Was man von dort oben aus sieht, zeigt eine Luftaufnahme des 500 000 Quadratmeter großen Geländes nochmal deutlicher: Den Radikal-Park als riesigen grünen Flecken, und in der Nachbarschaft endlose, graugesprenkelte Flächen – die Blech- und Eternitdächer der Favelas. „Im weiteren Umkreis wohnen über eine Million Menschen, der Anteil an Jugendlichen ist hoch, und was hier überall fehlt, sind Grünflächen“, erklärt Ainbinder die Attraktivität des Bades.

Rios Olympia-Planer wollten ursprünglich so vorgehen, wie Planer eben so planen: Die Sportstätten des Radikal-Parks rechtzeitig fertigkriegen, sie zu den Olympischen Spielen einweihen und danach, durch Schule, Sportplätze und Gesundheitsposten ergänzt, der Bevölkerung übergeben. „Aber es wäre teuer gewesen, den fertigen Komplex monatelang bewachen zu lassen“, sagt Luiz Vieira, der Verwalter des Schwimmbades, „und deswegen ist der Bürgermeister auf die Idee gekommen, dass wir das Bad schon früher öffnen!“ Bewachen zu lassen? Ja, sicher, sagt Vieira. Denn sonst wäre es ja invadiert worden.

„Hören Sie, hier gibt es weit und breit nichts, aber auch gar nichts für uns“, beginnt Davi de Moraes, 13, zu schimpfen, wenn man ihn und seine „turma“, seine Freundesclique, anspricht, „selbst Fußball kann man nur hinter dem Friedhof spielen, sonst ist kein Platz“. „Gute Frage, was es früher hier an Freizeit-Angeboten gegeben hat“, ereifert sich ein anderer, „nur ein Loch im Wasserrohr!“ Wie bitte? Ja, nicken sie, das sei hier früher die einzige Möglichkeit zu baden gewesen: Ein dickes Wasserrohr, aus dem „immer, Tag und Nacht“, ein Strahl herausgeschossen sei. „So hoch“, sagen sie und halten die Hand weit über den Kopf.

Das Gelände gehörte der brasilianischen Armee – ein Truppenübungsplatz, auf dem die Soldaten den Kampf gegen eine Stadt-Guerilla geübt haben, wie man an den Häuser-Ruinen und Favela-Kulissen sieht, die bis August noch abgerissen werden sollen. Die Jungs sind hier früher einfach eingedrungen. So wie die Nachbarschaft vielleicht heute einfach eingedrungen wäre, hätte die Stadtverwaltung das Bad nach Fertigstellung einen Tag vor Weihnachten nicht für die Bevölkerung geöffnet. Die frisch gepflanzten Palmen müssen noch gestützt werden, das Gras ist kaum angewachsen, alles wirkt bisher ein bisschen kahl. Die Kanu-Strecke ist mit Gittern abgesperrt, auch die weitläufigen Rasenflächen stehen dem Bade-Publikum nicht offen. Macht nichts – die Betonufer des elegant gekrümmten Wasserspeichers sind bei schönem Wetter krachvoll besetzt. 6000 Leute, mehr werden am Eingang nicht eingelassen. An einem besonders heißen Sonntag im Januar wurden 15 000 Besucher gezählt: Wenn die einen gegangen waren, durften die nächsten hinein. Und das Beste ist: Es ist gratis.

Im Seichten werden Kleinkinder zu Wasser gelassen, auf den breiten Betonstufen sitzen ganze Familien in Bikini und Badehose und kühlen sich ab. Gegenüber, wo das Becken zwei Meter tief ist, haben die Bademeister eine Lücke zwischen den Sperrgittern aufgemacht. Da stehen Davi und seine Kameraden Schlange, um den Mädchen mit ihren Hechtsprüngen zu imponieren.

Im Sommer 2016 starten die Olympischen Spiele. Mit dabei die beiden Maskottchen „Vinicius“ und „Tom“.  Foto: REUTERS

„Das ist doch klasse hier“, sagt der Gabelstapelfahrer Daniel de Oliveira Correa, der unter einem Sonnenschirm sitzt und zuschaut, wie seine Frau mit dem Zweijährigen im Wasser spielt, „hoffentlich wird das langfristig besser genutzt als die Fußballstadien“. Sie sind aus einer an Rio grenzenden Nachbargemeinde – was heißt schon Gemeinde, São João de Miriti ist so groß wie Wiesbaden und ebenfalls krass unterversorgt mit Parks und Freibädern. „Es gibt ja nichts“, sagt er, und als Beleg führt er an, dass weder sein 18-jähriger Sohn noch seine Frau schwimmen können – nur er, weil sein Vater früher bei Sendas gearbeitet hat, einer Supermarkt-Kette, die einen Club mit Pool für ihre Angestellten hatte. „Ich frag‘ mich sowieso immer, wo die brasilianischen Athleten herkommen“, sagt Daniel, „der Sportunterricht in den Schulen ist doch mies, die ziehen sich um, spielen ein bisschen und schon ist die Turnstunde rum!“

Wo die Spitzensportler herkommen? Vom Militär. Von den 87 Brasilianern, die sich Ende Januar für Rio 2016 qualifiziert hatten, gehörten 47 der Truppe an. Und es ist kein Zufall, dass der „Parque Radical“ zu einem Truppenübungsplatz gehört. Denn die Region Deodoro, in der die nach dem Olympia-Standort Barra größte Ansammlung von Olympia-Sportstätten liegt, ist mit 60 000 Mann der größte Militärstandort ganz Südamerikas. Wenn die Spiele vorbei sind, übernimmt die Armee einen Teil der Sportstätten. Außer Kanu, BMX und Mountainbiking werden in Deodoro die Wettkämpfe in Reiten, Hockey, Rugby, Basketball, Sportschießen, ferner in modernem Fünfkampf ausgetragen.

Barra ist ein Oberklasse-Viertel, das an Miami erinnert – bewohnt von reichen Leute, die in Apartmenttürmen wohnen, sich per Auto fortbewegen und teure Lokale frequentieren. Aber Deodoro? Inmitten all dieser Favelas? „Das da am Horizont ist Chapadão“, sagt der Parkverwalter Vieira mit leichtem Grusel. Einer der gewalttätigsten Favela-Komplexe von Groß-Rio. „Aber hier ringsherum gibt es keine Drogen-Banden“, beruhigt Vieira, „man sieht es daran, dass an den Häuserwänden keins ihrer Zeichen gesprüht ist“. Wie auch immer: Die Wettkämpfe von Deodoro finden unter militärischer Observanz statt. Die Truppe wird Olympioniken und Zuschauer schützen. Brasiliens harte soziale Realität von Soldaten abschirmen lassen zu müssen, das mag schön sicher sein. Aber es ist sicher nicht schön.

Manuel Deodoro da Fonseca, 1827-92, war der erste brasilianische Militärputschist, der heute jedoch nicht so genannt wird, weil sein Staatsstreich dem Kaiserreich den Garaus machte und die Republik einläutete. Vor rund hundert Jahren wurde mit dem Bau des Kasernengeländes begonnen, das damals noch weit vor den Toren der Stadt lag und nach dem Marschall-Präsidenten benannt wurde. Heute ist die „Vila Militar“ eine weitläufige Gartenstadt mit wunderhübsch renovierten Jugendstil-Villen, pompösen Kasino-Gebäuden, imposanten Kasernen und wohlgepflegten Parkanlagen, auf deren Rasenfläche die Grashalme strammzustehen scheinen. Alles bestens in Schuss sozusagen.

Baustelle Olympisches Stadion in Rio: „Es geht um Olympia und nicht um uns, uns fragt sowieso niemand!“  Foto: REUTERS

Aber wenn man die Militärposten passiert hat, die die durchfahrenden Autos scharf ins Auge fassen, beginnt sofort die brasilianische Vorstadt-Tristesse. Deodoro ist ein graues, gesichtsloses Viertel, das auch noch von den Geleisen der S-Bahn und von einer vielbefahrenen Stadtautobahn durchschnitten wird. „Hier ist es ruhig, hier ist nichts los“, sagt Silvana Ferreira, die einen kleinen Mittagstisch betreibt. Und das Bad, wird das Deodoro nicht aufwerten? „Ach, dahinten sind doch schon die Comunidades“, sagt sie, „deren Verhalten ist ja ein bisschen anders, da ist viel Sicherheit nötig“. Comunidade, das ist die politisch korrekte Vokabel für Favela. Ins politisch Unkorrekte übersetzt: Die ins Bad gehen, sind doch sowieso kriminell.

„Ist es in Zukunft sicher? Bleibt das Wasser sauber? Wird Geld für den Unterhalt da sein, jetzt in dieser Krise?“, fragte Kneipier Alberto von der „Vieiras-Bar“, wo am Freitag immer Karaoke ist. Er vermutet sowieso, dass das Bad nur eröffnet wurde, damit die Vorstadt-Bewohner am Wochenende nicht die berühmten Strände von Rio bevölkern – damit also, etwas brutaler gesagt, die Reichen unter Reichen und die Armen unter Armen bleiben.

„Quatsch!“, schiebt ein älterer Mann, der mit Familie und Freunden unter einem Sonnenschirm am Beckenrand sitzt, diesen Verdacht beiseite „es ist doch ein Segen des allmächtigen Gottes, dass wir jetzt nicht mehr zwei Stunden bis zum Strand fahren müssen!“ Die achtköpfige Gruppe hat eine Kühlbox mit vielen, vielen Bierdosen mit – der eine Euro für die Dose am Kiosk ist ihnen zu teuer -, und offenbar sind schon eine Menge geleert worden. 

Die Frage, ob das Bad nicht so eine Art Krümel sei, der vom reich gedeckten Tisch der Olympischen Spiele zu ihnen herunterfalle, löst eine hitzige Debatte aus. „Haargenau so ist es“, sagt eine Ältere ohne Umschweife. „Aber es ist doch gut, dass der Bürgermeister das gebaut hat, ohne Olympia wäre es nie dazu gekommen!“, schreit der erste. „Genau – es geht um Olympia und nicht um uns, uns fragt sowieso niemand!“, hält eine jüngere Frau dagegen, die von Beruf Lehrerin ist, „wir geben das Geld für Olympia aus, und dabei verfallen die Krankenhäuser und die Schulen!“

Die Anhänger des Bürgermeisters wendet sich an den Reporter: „Gibt’s in Deutschland etwa keine Probleme?“ – „Natürlich haben die in Deutschland auch ihre Probleme“, wettert die Lehrerin dazwischen, „aber da funktionieren die Kliniken, und als Schulspeisung gibt’s sicher nicht nur Reis und Bohnen, weil kein Geld für Gemüse und Fleisch da ist!“

Und wenn die Olympischen Spiele vorbei sind – ergeht es dem Bad dann genauso wie den Fußball-Stadien? – Da mag sich keiner mit einer Prophezeiung vorwagen. „Tja“, sagt der Verteidiger des Bürgermeisters zögernd, „am besten, Sie kommen in einem Jahr nochmal wieder!“

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