Rio de Janeiro. Krise - welche Krise? Die Hotellerie von Rio de Janeiro immerhin ist hochzufrieden. Bis auf 90 Prozent, so erwartet die Branche, wird die Auslastung bis Fasching steigen, genau wie in den Vorjahren. Dass die Krise die Hotels auslässt, erklärt sich mit der Krise. Denn viele Brasilianer haben, wegen des für sie deutlichen teureren Dollars, Auslandsreisen gestrichen, fahren lieber zum Karneval und ersetzen damit die ausgebliebene Kundschaft aus dem Ausland. Halbe-halbe, so wird das Verhältnis von aus- und inländischen Gästen sein, erwartet der Hoteliersverband. Sonst kommen zwei Ausländer auf einen Brasilianer.
Die Samba-Verse müssen sich reimen, und deshalb hat, trotz der Krise, auch die Brahma-Brauerei Grund zur Freude. Denn der neue US-Präsident ist in Rio zu einer Art Karnevals-Star geworden, und was reimt sich schon auf Obama? - Aber damit ist auch fast schon Schluss mit den positiven Nachrichten aus dem berühmtesten Karneval der Welt. Auch wenn die knapp 25.000 Sambodrom-Plätze ausverkauft sind - nie klang der Samba mehr nach Jammer als in diesem Jahr.
Krisen gibts im Karneval von Rio immer, sie gehören dazu: Vor ein paar Jahren war es die Musen-Krise, weil sich plötzlich die TV-Sternchen, die als so genannten Musen den Aufzügen der Schulen äußerst leicht bekleidet beiwohnen, fast alle mit den Vereinen verkracht hatten, und nach der Musen- kam die Busen-Krise, als Folge überreichlicher Silikoneinspritzungen.
Die "Carnevalescos", die hoch bezahlten Regisseure der luxuriösen Umzüge, produzieren aus Eitelkeit und Konkurrenzdenken stets ihre eigenen Krisen. Und da die Direktoren der Samba-Schulen oft eng mit Glücksspiel und Drogenhandel verbandelt sind, kommt es immer wieder zu den für das Organisierte Verbrechen typischen Krisen - bis hin zum Auftragsmord. Aber dies Jahr ist alles noch viel schlimmer: Dem Karneval geht das Geld aus.
Fehlende Sponsorengelder und gestiegene Kosten
Zum Beispiel fehlen vier Millionen Euro, die der nationale Öl-Konzern Petrobras und zwei Töchter letztes Jahr gleichmäßig auf die zwölf Samba-Schulen der Oberliga verteilt hatten, die, jede mit bis zu 5000 Teilnehmern, Jahr für Jahr vor den TV-Kameras der Welt in zwei Nächten durch das Sambodrom marschieren. Aber Petrobras beteuert, die Spende sei "punktuell" gewesen - also einmalig, weil 2008 der Samba zum nationalen Kulturerbe erklärt wurde.
Der Presse zufolge wurde dem Ölkonzern in Wahrheit ein Dossier über finanzielle Unregelmäßigkeiten bei den Samba-Schulen zugespielt - angeblich um weiteres Sponsoring zu torpedieren, wodurch indirekt die unterfinanzierten der Schulen ins Hintertreffen gerieten. Folglich hätte eine der reicheren Schulen das Dossier lanciert - eine prächtige Verschwörungstheorie. Allerdings weiß jeder auch ohne Dossier, dass es bei den Schulen drunter und drüber geht.
Öffentliche Zuschüsse, TV-Rechte, Eintritte - all das addiert sich auf gut 1,1 Millionen Euro für jede der zwölf Schulen. Aber gejammert wird trotzdem. Denn den fehlenden Sponsorengelder stehen gestiegene Kosten entgegen: Vom Stahl für die Aufbauten der Karnevalswagen (sieben Prozent teurer) über die Stoffe (zwölf Prozent) bis zu den stets reichlich verwendete Federn (25 Prozent). Was früher bedenkenlos importiert wurde, soll durch Heimisches ersetzt werden. Aber der Preis von beispielsweise brasilianischem Polyester hängt auch vom Dollarkurs ab, der heute 50 Prozent höher liegt als vor einem Jahr.
Traditionalisten erfreuen sich an Lokalgeschichten
Was dieses Jahr auch fehlt, sind die Gelder von reichen Öl-Städten, von Fluglinien und Bergbau-Konzernen, die sich einen "Enredo", also eine Karnevalsinszenierung bestellen, wobei die Schulen oft ein finanziell viel versprechendes Thema auswählen und sich den Sponsor dazu suchen. Die Schule Viradoura zum Beispiel fand dies Jahr keinen Financier für das Thema Bio-Kraftstoff. Selbst die stets auf Sieg gebuchte Spitzen-Schule Beija-Flor blieb auf ihrem Thema - die Geschichte des Badezimmers - sitzen, weil Unilever nicht in die Tasche greifen mochte.
Die Ausnahme ist Grande Rio: Französische Firmen und die Stadt Nizza stecken 700.000 Euro in deren Aufzug mit dem etwas sperrigen Titel "Voilà, Caxias! Liberté, egalité, fraternité, Merci beaucoup, Brésil! Não tem de quê!". Und deshalb wird dies Jahr im Sambodrom nicht nur Samba, sondern auch Cancan getanzt.
Die positive Kehrseite des Sponsoren-Mangels: Nicht weniger als vier Schulen haben sich ein Stück Lokalgeschichte aus Rio de Janeiro ausgesucht. Das erfreut die Traditionalisten. Denn die Enredos sollen, so gilt das bereits seit den Dreißiger Jahren, die nationale Geschichte thematisieren. Das Problem ist natürlich, dass jeder historische Aspekt längst abgeklappert ist. Aber vielen ist eine Wiederholung lieber als ein Thema, das nur wegen der Sponsoren an den Haaren herbeigezogen ist.
Da kann man sich schon auf den Karneval 2010 freuen. Denn nächstes Jahr jährt sich die Einweihung Brasílias zum 50. Mal. Dessen greiser Erbauer Oscar Niemeyer hat schon zugesagt, beim Brasília-Enredo mitzuwirken.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
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