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05. Februar 2016

Rom: Padre Pio bewegt die Massen

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In langen Schlangen warten die Menschen auf eine „Begegnung“ mit dem Wunderheiler.  Foto: dpa

Rom kennt derzeit nur ein Thema: Padre Pio. Noch bis Aschermittwoch ist der Leichnam des italienischen Heiligen im Petersdom zu sehen. Das beschert Rom im Heiligen Jahr endlich Besucherströme.

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Rom –  

Bisher war das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr eher ein Flop, jedenfalls was die Zahl der Pilger und Rom-Touristen angeht. Der Andrang ist längst nicht so groß wie erwartet, die Hoteliers klagen über Absagen, viele Gäste hätten Angst vor Anschlägen, heißt es. Aber – Padre Pio hilf! – jetzt sorgt der konservierte Leichnam des populärsten Heiligen Italiens für vorübergehenden Aufschwung. Acht Tage lang, noch bis Aschermittwoch, wird er in Rom ausgestellt und mehr als 70 000 seiner Verehrer wollen ihn sehen.

Der Schrein mit dem aufgebahrten Wunderheiler, Weissager und Beichtvater für die Massen war am Mittwoch aus dem süditalienischen Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo nach Rom geschafft worden. Polizeieskorten flankierten ihn, sogar eine Flugverbotszone wurde während des 500 Kilometer weiten Überland-Transports eingerichtet. Auch Italiens Hauptstadt hat aufgerüstet für die Reliquien-Show. Etwa tausend Sicherheitskräfte sind im Einsatz, die Pilgerschlangen müssen Metalldetektoren durchschreiten, Anti-Terroreinheiten durchsuchten die Kanalisation rund um die Prozessionsroute auf Sprengsätze, ganze Straßenzüge sind gesperrt. Ein Aufwand wie bei einem Staatsbesuch.

Aber Padre Pio ist schließlich ein religiöser Superstar. Das Konterfei des Volksheiligen mit dem weißen Bart und den buschigen dunklen Brauen ist vor allem in Süditalien allgegenwärtig. Es hängt in jeder Trattoria, hinter jeder Ladentheke, an Hauswänden, in Wohnzimmern, es klebt auf Windschutzscheiben und steckt in Geldbeuteln. Jedes Dorf hat eine Padre-Pio-Statue auf der Piazza, im Fernsehen sendet Padre-Pio-TV Gebete und Erbauliches.

Der Bauernsohn, der dem Orden der Kapuziner angehörte, wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1968 in Apulien. Er trug Wundmale wie der gekreuzigte Christus auf den Händen, strömte einen Geruch nach Veilchen aus, blickte in die Seelen und konnte gleichzeitig an verschiedenen Orten sein. Das glaubten und glauben zumindest seine Anhänger. Vor allem soll er nach wie vor Todkranke von ihren Leiden heilen. Skeptiker sind hingegen überzeugt, dass Padre Pio sich die Stigmata mit Hilfe von Chemikalien beibrachte. Selbst im Vatikan stand er lange im Verdacht, ein Scharlatan und Betrüger zu sein. Erst der polnische Papst Wojtyla mit seiner Vorliebe für Wunder- und Volksglauben sorgte dafür, dass er 2002 heiliggesprochen wurde.

Der Rom-Aufenthalt Padre Pios ist eine Premiere, weder lebendig noch tot war er je zuvor dort. Nachdem sein Schrein in zwei Kirchen im Stadtzentrum ausgestellt wurde, steht er ab Freitagnachmittag im Petersdom.

Vom Morgengrauen bis spät in die Nacht warten nicht nur Alte, Kranke und Ordensschwestern in langen Schlangen stundenlang geduldig auf die Begegnung mit ihrem Heiligen. Auch jüngere Leute sind darunter, das Handy parat für ein Selfie mit Padre Pio. Für die meisten ist er der persönliche Schutzpatron. „Er hilft mir, meine Krisen zu überstehen“, sagt eine römische Hausfrau mit leuchtend rot geschminkten Lippen.

Erster Höhepunkt des Heiligen Jahres

Eine Spanierin aus Malaga ist gekommen, um ihm zu danken. „Mein Mann hatte einen Infarkt, die Ärzte sagten, er stirbt“, erzählt sie. „Padre Pio hat ihn gerettet“. Ein junger Familienvater zeigt seinen rechten Unterarm, darauf hat er sich Padre Pio tätowieren lassen, umrahmt von Blüten und Schmetterlingen – ein in italienischen Tattoo-Studios gar nicht selten gewünschtes Motiv.

Dass noch ein zweiter heiliger Leichnam ausgestellt ist, geht angesichts der Pio-Euphorie fast unter. Es ist der 1942 in Padua verstorbene Kroate Leopold Mandic, ebenfalls Kapuzinerbruder. Wie Padre Pio war er ein unermüdlicher Beichtvater, zehn bis 15 Stunden täglich soll er die Sünden-Geständnisse seiner Schäfchen angehört und ihnen die göttliche Vergebung erteilt haben. Genau deshalb wollte Franziskus die beiden für den ersten Höhepunkt seines noch bis Oktober dauernden Heiligen Jahres in Rom haben. Es steht schließlich unter dem Motto der Barmherzigkeit. Am Samstag wird der Papst auf dem Petersplatz alle Padre-Pio-Verehrer begrüßen. Ähnlich große Massenbegeisterung ist in Rom erst im Herbst wieder zu erwarten, wenn Mutter Teresa in die Riege der wundertätigen Heiligen aufgenommen wird.

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