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Rough Trade Record Store: Da ist Musik drin

Überall sterben die Plattenläden. Überall? Nein, einem Geschäft in London geht es glänzend: Dem Kultplattenladen Rough Trade. Ein Besuch von Serge Debrebant.

Der Rough Trade Record Store in London.
Der Rough Trade Record Store in London.
Foto: Rough Trade

Manchmal genügen ein paar Minuten, um einen Plattenladen in einen Konzertsaal zu verwandeln. Ein Mitarbeiter schiebt CD-Regale zur Seite. Ein anderer knipst die Hälfte der Neonröhren aus. Am Ende des Raumes treten vier Männer auf eine kleine Bühne, auf der Schlagzeug, Kontrabass, Saxophon und drei Stahlblechschüsseln, so genannte Hanghang stehen. Dann beginnen sie zu spielen: ruhigen, hypnotischen Jazz.

Die Band heißt Portico Quartet und war vor zwei Jahren für den angesehenen Mercury-Preis nominiert. Etwa 30, 40 Leute unterbrechen ihren Einkauf, bleiben stehen oder setzen sich auf den Betonboden und lauschen: Anzugträger, Studentinnen, ein Mann mit Bart, der wie John Lennon aussieht.

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Stephen Godfroy, Geschäftsführer des legendären Londoner Rough Trade Record Store, zeigt den Plattenläden, wie sie trotz digitalem Musikangebot eine Zukunft haben können. Das Konzept des 36-jährigen Briten beruht vor allem auf einem engen Kontakt zum Kunden und einem breitgefächerten Angebot qualitativ hochwertiger Musik.

Diese Ideen stehen auch im Mittelpunkt der ersten Plattenladenwoche, die bis zum 06. November bundesweit in 70 Städten läuft. Unterstützt durch das Händlernetzwerk All my music (amm) finden dabei Autogrammstunden und Konzerte in diversen Plattenläden statt. So tritt die Sängerin Sophie Hunger am Freitag in Frankfurt im "CDs im Goethehaus" auf. Weitere Informationen gibt es unter www.plattenladenwoche.de

Stephen Godfroy ist einer der Geschäftsführer des 1982 gegründeten, legendären Rough Trade Record Store in London.
Stephen Godfroy ist einer der Geschäftsführer des 1982 gegründeten, legendären Rough Trade Record Store in London.
Foto: Rough Trade

Beiläufig und unvermittelt, intim und zwanglos wirkt dieser Auftritt. Solche Konzerte gibt es bei Rough Trade im Londoner Osten fast jeden Abend. Blur und Radiohead haben hier schon gespielt. Nick Cave hat in krakeliger Kinderschrift ein Autogramm an eine Wand geschmiert. Beck, Madonna und David Bowie decken sich hier mit Neuerscheinungen ein. Rough Trade ist mehr als ein Plattenladen. Es ist eine britische Institution."Ich habe hier früher selbst viel eingekauft", sagt Stephen Godfroy, einer der Geschäftsführer. Er ist 36 Jahre alt, sitzt mit zusammen gepressten Beinen auf einem braunen Sofa. Seine Kleidung - Jeans, blaues T-Shirt, darüber ein gestreiftes Polohemd - könnte aus einem der vielen Second-Hand-Shops der Gegend stammen. Rough Trade liegt an der Brick Lane, einem Einwandererviertel, das sich in den letzten Jahren in ein Ausgehziel für Hipster verwandelt hat.

"Man muss kein Genie sein, um Platten zu verkaufen", sagt Godfroy. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Denn wenn man den Klagen der Musikindustrie traut, sind unabhängige Plättenläden so sehr vom Aussterben bedroht wie Pandabären. Erst kamen die großen Ketten mit ihren Ramschpreisen, dann Internetseiten wie Napster, auf denen man Musik illegal tauschen kann. Seit einigen Jahren braucht man nicht einmal mehr Gesetze zu brechen, um Musik gratis zu hören - dank Myspace und Youtube. Die Branche hat unter dieser Entwicklung gelitten. Seit 2000 ist der Umsatz weltweit fast um die Hälfte eingebrochen.

Dagegen ist Rough Trade in den letzten Jahren stetig gewachsen. 2008 lag der Umsatz bei umgerechnet drei Millionen Euro, in diesem Jahr stieg er um nochmals 25 Prozent. "Es geht uns besser als jemals zuvor", sagt Godfroy. Er sieht Rough Trade als Beweis dafür, dass sich unabhängige Plattenläden auch in schwierigen Zeiten behaupten können - vorausgesetzt, sie verfolgen die richtige, nämlich seine Strategie. Und die heißt: viel Beratung, angenehme Atmosphäre, keine Schnäppchenangebote und viel Leidenschaft für Musik.

Natürlich hilft der große Name. Rough Trade steht für die Geburt des britischen Punk. Und für Bands wie The Smiths, The Fall, The Libertines oder den Musiker Adam Green. 1976 eröffnete Geoff Travis den ersten Laden in Notting Hill. Zwei Jahre später gründete er die gleichnamige Plattenfirma. Seit 1982 sind Plattenfirma und Laden geschäftlich getrennt. Beide Seiten arbeiten aber nach wie vor eng zusammen. "Der Geist ist der gleiche geblieben", sagt Godfroy.

Aber auch eine Legende kann man herunterwirtschaften. Zwar stand Rough Trade nie vor dem Aus, doch die Firma machte sich ihren guten Namen nicht zunutze. Versuche, Zweigstellen in Paris und Tokio zu eröffnen, scheiterten. 2004 machte ein Stammkunde, von der Arbeit in einer großen Plattenfirma gelangweilt, der Geschäftsführung einen Vorschlag: Rough Trade sollte einen neuen Service anbieten. Er sollte Album Club heißen und daraus bestehen, jeden Monat zehn Alben auszuwählen und an Abonnenten zu verschicken. Die Idee wurde ein großer Erfolg. Der Album Club hat heute 2000 Mitglieder. Sein Erfinder hieß Stephen Godfroy.

Godfroy hat Rough Trade ins Internetzeitalter geführt. Schnell stieg er zu einem der Geschäftsführer auf. Vor zwei Jahren schmiedete er einen neuen Plan: Er wollte eine Filiale an der Brick Lane eröffnen. Dazu mietete Godfroy in einer ehemaligen Brauerei einen Verkaufsraum an. Er fasst 300 Besucher, ist fast 500 Quadratmeter groß und damit der größte Plattenladen des Landes. Ein namhafter Architekt sorgte für elegantes, aber funktionales Design. Man sieht Lüftungsanlagen, Wasserrohre, Stromkabel. Decken und Wände sind weiß gestrichen. Licht spendet ein Stern aus Neonröhren.

"Die Frau soll nicht draußen vor dem Laden warten"

Außerdem machte sich Godfroy über die Atmosphäre Gedanken. "Viele Unabhängige machen den Fehler, nur Männer anzusprechen", sagt er. Rough Trade soll sich von Plattenläden wie in Nick Hornbys High Fidelity unterscheiden, in denen Männer mit Männern über männliche Musik reden. Neben der Bühne und dem zehn Meter langer Tresen, an dem Mitarbeiter und Kunden ins Gespräch kommen, gibt es deshalb auch einen Coffeeshop, Fotoautomaten, Internetcomputer und zwei Sitzecken. "Wir wollen, dass die Frau nicht draußen vor dem Laden wartet, wenn ihr Freund Rough Trade besucht, sondern dass sie auch zu uns kommt", sagt Godfroy. Er gehört nicht zu denen, die den Einfluss des Internet beklagen. Stattdessen grenzt er sich von den großen Ketten ab. "Die behandeln Musik als Ware. Wir wollen ein Ort sein, der Musik als Kunstform feiert", sagt er. Das klingt zwar nach einer Pressemitteilung eben jener Ketten, aber der Erfolg gibt ihm recht.

Obwohl der Laden so unterschiedliche Stile wie Krautrock, Reggae und Soul abdeckt, sind die Platten sorgfältig ausgewählt: Manche sind echte Sammlerstücke, andere außergewöhnlich, alle musikalisch gut. Berührungsängste mit dem Mainstream gibt es auch nicht. Aber wenn Alben von Madonna oder Lady Gaga in den Regalen stehen, dann sind es eher Sonderpressungen oder Platten mit einem eigens gestalteten Booklet. Mehrwert heißt das im Marketingdeutsch. Der Mehrwert hilft Rough Trade, sich von den Ketten abzusetzen, und zum Mehrwert gehören auch die Gratiskonzerte.

"Es wird immer Leute geben, die lieber einen Gegenstand in der Hand halten als ein Lied herunterzuladen", sagt Godfroy. Nicht Plattenläden, sondern CDs würden aussterben, weil sie Zwitter aus digitaler Musik und Tonträger seien. Vinyl macht bei Rough Trade heute ein Viertel des Umsatzes aus. Gerade Jugendliche greifen lieber zu Platten als zu CDs, weil die Hülle besser zur Geltung kommt. Deshalb bietet Rough Trade auch Rahmen an, mit denen man Hüllen als Bilder an die Wand hängen kann. Als Gebrauchskunst. Als Mehrwert.

Autor:  Serge Debrebant
Datum:  3 | 11 | 2009
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