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13. Januar 2016

Russland: Wodka ist out

 Von 
Günstiger und meist hochwertiger: Selbstgebrannter.  Foto: Imago

Selbstgebrannter, zur Sowjetzeiten als Traktoristenfusel verschrien, ist in. Egal, ob arm oder reich: Immer mehr Russen brennen ihren Schnaps lieber selbst.

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Oleg, Bauer und Bauschreiner, hat eine halb volle Wodka-Flasche auf den Tisch gestellt, Marke „Fünf Seen“. „Der ist von Silvester übrig geblieben“, sagt er. „Aber ich kaufe keinen Wodka mehr, ich schaffe mir einen Apparat zum Selbstbrennen an.“ Er grinst, „wir machen ja auch sonst alles selbst.“

Schnaps selbst brennen, statt zu kaufen, der Trend herrscht nicht nur im Dorf Nischnije Kibetschy an der mittleren Wolga. Samogon, „Selbstgebrannter“, zur Sowjetzeiten als Traktoristenfusel verschrien, ist inzwischen auch bei Moskauer Hauptstadthipstern angesagt. „Die Russen verlieren das Interesse am Wodka“, schreibt das Szenejournal Afischa Daily. „Sie schalten auf interessantere Getränke um.“

Großstadt- wie Dorfrussen müssen sparen, auch beim Trinken. Nach fast zwei Jahren Wirtschaftskrise ist die Kaufkraft der Bevölkerung erlahmt. Zwar senkte die Regierung vergangenen Februar den Mindestpreis für den Halbliter Wodka von 220 auf 185 Rubel (umgerechnet nur noch 2,20 Euro). Aber angesichts des abgestürzten Rubels haben sich die Preise für Whiskeys oder Weine aus dem Ausland mehr als verdoppelt. Und die Qualität auch vaterländischer Spirituosen wird immer fragwürdiger. Oleg, der Bauschreiner, holt noch eine halbvolle Flasche hervor, Kognak. „Der kommt angeblich aus Dagestan, aber er ist ungenießbar. Damit reibe ich mir nur noch die Gelenke ein.“

Seine Schwägerin Wika aus der Gebietshauptstadt Tscheboksary erzählt von einem Krankenwagenfahrer, der sich mit 50% Gramm angeblich elitären Whiskey tödlich vergiftet haben soll. Ein Gerücht, aber solche Gerüchte fußen oft auf Polizeiberichten. Vergangenen November kam es in ganz Russland zu einer Vergiftungswelle mit 15 Toten, in Tscheboskary starben ein junges Liebespaar und eine 30-jährige Frau nach dem Genuss angeblichen Rums aus Flaschen mit der Aufschrift „Bacardi Black“. In Krasnojarsk tötete ein angeblicher „Jack Daniel’s“-Verschnitt fünf Menschen. In einer stillgelegten Fabrik in Kemerowo entdeckte die Polizei eine Schwarzbrennerei, wo ein Surrogat aus Desinfektionsmittel, Essigsäure und Glukose gepanscht wurde. Mehrere Geschäftsleute, die solche Giftmixgetränke als Importspirituosen verkauft hatten, landeten vor dem Haftrichter.

Von Januar bis Oktober 2015 starben fast 8000 Russen an Alkoholvergiftung. Kein Wunder, dass das Vertrauen in industriell gegorene Alkoholika schrumpft.

„Selbstgebrannter ist Russlands Zukunft“, sagt der Moskauer PR-Fachmann German Twerdochlebow, den der eigene Bruder aus Tambow mit ökologisch sauberem Zwirbelkiefernkernschnaps versorgt. „Ich trinke Samogon, weil ich weiß, wer ihn gebrannt hat und ich zu 100 Prozent von seiner Qualität überzeugt bin.“

Selbst zu brennen, ist in Russland legal, solange man nur für den eigenen Bedarf produziert. Und nicht schwer: Man erhitzt eine Maische aus Zucker mit Kartoffeln, Getreide, Beeren, Nüssen oder Obst in einer Stahlblase so lange, bis der Alkohol verdampft. Dieser wird dann mit Hilfe einer Kühlröhre in einem anderen Gefäß destilliert.

Geniales Getränk mit ein wenig Glück

Jeder „Selbstbrenner“ entscheidet nach eigenem Geschmack, welche Zutaten er wählt, und wie oft er die Prozedur wiederholt, um ein noch reineres Endprodukt zu gewinnen. „Mit Geduld und einem Quentchen Glück kann man ein absolut geniales Getränk kreieren“, schwärmt der Weinbrandproduzent Sergei Antonow.

„Selbstbrennen ist ganz große Mode“, bestätigt der Alkoholexperte Russland Bragin. „Vergangenes Jahr stieg der Verkauf von Samogon-Apparaten um 400 bis 500 Prozent.“ Es gibt inzwischen mehrere Internetforen zum Thema, die ersten Moskauer Edelrestaurants gießen Stammkunden besonders schmackhafte Hausschnäpse ein.

Oleg, der Bauschreiner, aber erzählt, wie er bei seinem letzten Job auf einer Großbaustelle bei Moskau abends wegen eines Papiers ins Büro ging. „Dort saßen zwei Chefs mit einer Flasche. Sie luden mich ein, einen mitzutrinken. Und stellt euch vor, in der Flasche war Selbstgebrannter. Sie würden nur noch Selbstgebrannten trinken, haben sie gesagt.“ Samogon könnte der flüssigste gemeinsame Nenner reicher Moskauer und armer Landrussen werden.

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