São Paulo. Im Berufsverkehr geht auf den Straßen von São Paulo fast nichts mehr. Endlos kriecht die Blechlawine im Schneckentempo über die bis zu zehnspurigen Avenidas. Die 20-Millionen-Einwohner-Stadt wird von sechs Millionen Autos, Bussen, Motorrädern und Lastwagen durchpflügt und täglich kommen schätzungsweise 800 neue Fahrzeuge dazu.
An schlechten Tagen messen die Behörden Staus von insgesamt mehr als 220 Kilometern Länge - das entspricht etwa der Strecke Berlin-Rostock. Die wenigen U-Bahn-Linien und die 15.000 Busse sind dann überfüllt.
Kein Wunder, dass die, die das nötige Kleingeld haben, in den Luftraum ausweichen. São Paulo gilt als die Stadt mit den meisten Hubschrauber-Taxis der Welt und dem dichtesten Netz von Helikopter-Landeplätzen. Fast im Minutentakt starten und landen Hubschrauber aller Größen - Zwei-, Drei- und Sechssitzer - vom Flugplatz "Campo de Marte", im Norden São Paulos.
Als Jorge Bitar Neto vor zehn Jahren mit einem Hubschrauber anfing, war die Nachfrage noch relativ gering. "Wir sind aber mit dem Wirtschaftsboom der letzten Jahre gewachsen und haben unsere Flotte auf heute zehn Jets und "Helicópteros" ausgebaut", sagt der 39-jährige Inhaber der Firma Helimarte Táxi Aéro und präsentiert beeindruckende Zahlen.
Von 1999 bis 2007 stiegen seine Lufttaxis insgesamt 10.000 Mal auf, um Geschäftsleute mit wenig Zeit und mehr Geld zu Terminen zu chauffieren. "Diese Zahl haben wir seitdem in nur kurzer Zeit auf insgesamt fast 20.000 Flüge verdoppelt."
In São Paulo, dem wirtschaftlichen Herz Brasiliens, sind rund 420 Hubschrauber registriert. Unentwegt schwirren sie aus, um Kundschaft von Hochhausdächern abzuholen oder dort hinzubringen. Insgesamt gibt es in der Stadt fast 300 dieser Landeplätze (Helipontos), die in einem Extra-Stadtplan mit Bild und Koordinaten abgelichtet sind.
Am Himmel wird es immer dichter
Bei Helimarte kostet die Flugstunde zwischen 800 Reais (rund 265 Euro) und 9000 Reais (3000 Euro), je nach Ausstattung und Größe und Motorleistung des Luftgefährts. Aus einer Höhe von etwa 250 Metern können die Fluggäste gelassen auf die verstopften Straßen São Paulos unter sich schauen, die sie mit 200 Stundenkilometern überfliegen.
Am Boden geht es dagegen bedeutend gemächlicher zu. Kurzstrecken werden gerne zu eineinhalbstündigen Taxi-Fahrten, bei denen zwar so manche Freundschaft zwischen Taxifahrer und Fahrgast entsteht. Aber wer es eilig hat, dem wird die Zeit lang. Das Durchschnittstempo in den Hauptverkehrszeiten am Abend hat sich in den vergangenen zehn Jahren um 32 Prozent von 25 km/h auf heute nur 17 km/h verlangsamt, wie der Verkehrsexperte an der Universität São Paulo, Jaime Waisman, brasilianischen Medien sagte.
Nur die tollkühnen Motorrad-Kuriere schert das wenig. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit rasen sie durch engste Staulücken und weichen mit atemberaubender Akrobatik Außenspiegeln und Spurwechslern aus. Fast jeden Tag stirbt auf São Paulos Straßen ein Motorradfahrer.
Aber auch am Himmel der Mega-City wird der Verkehr immer dichter. Die Helikopter teilen sich den Luftraum mit den Flugzeugen, die am Tag nahezu im Drei-Minuten-Tat am innerstädtischen Flughafen Congonhas landen und starten. Helikopter und Flugzeuge haben verschiedene Funkfrequenzen und können sich nicht verständigen.
"Als einzige Stadt der Welt hat São Paulo eine spezielle Hubschrauber-Leitzentrale, die den Piloten Anweisungen gibt", sagt Helimarte-Chef Neto. Diese Sicherheit beruhigt auch eine neue Kundschaft, die der Unternehmer mit einem "Romantik-Paket" anlockt. Liebespaare werden per Helikopter und mit Champagner in ein Fünf-Sterne-Hotel geflogen und am anderen Morgen wieder abgeholt. Kosten: umgerechnet 640 Euro. (Helmut Reuter, dpa)
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