Um 9.35 Uhr war für den Angeklagten Jörg Kachelmann der erste Prozesstag wirklich beendet. Im Fonds des schwarzen BMWs, den seine Verteidigerin Andrea Combé steuerte, verließ er durch ein Spalier von Fotografen und Kameraleuten die Tiefgarage des Mannheimer Landgerichts. Funk- und Fernsehjournalisten vertrieben sich noch ein bisschen die Zeit und belagerten die Person, die gefühlt die meisten Interviews gab: Alice Schwarzer. Sie schreibt über den Prozess - in der Bild-Zeitung, also jenem Blatt, für das sie auch schon geworben hat. „Warum ich für Bild vom Kachelmann-Prozess berichte“ lautete die Seiten-Überschrift; Argumente, wieso sie ihre Eindrücke just in diesem Blatt aufschreibt, waren der Autorin in dem Text freilich nicht eingefallen.
Der Prozess gegen den Wetter-Moderator war kurz nach der Eröffnung auf den kommenden Montag vertagt worden. Die Verteidigung hatte einen 67-seitigen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Michael Seidling und die Richterin Daniela Bültmann eingereicht. Die Entscheidung darüber wird am Montag verkündet. Zu den Inhalten ihres Antrags wollte die Verteidigung nichts sagen. Im Vorfeld des Prozesses war in Zeitungsberichten davon die Rede gewesen, dass Seidling und der Vater des mutmaßlichen Opfers sich womöglich über ihre Tätigkeiten in Sportvereinen kennen, die im Handball eine Spielgemeinschaft bilden.
Die Frau, die Kachelmann der Vergewaltigung bezichtigt und Nebenklägerin ist, war überraschenderweise erschienen. Das Gericht wird sie erst am 13. Oktober befragen, und es wäre nur zu verständlich gewesen, wenn sie bis dahin die Öffentlichkeit hätte meiden wollen. Aber so saß die die 37 Jahre alte Schwetzingerin Sabine W., ein schlanke Frau mit langen blonden Haaren und blassem Gesicht, im Saal, als Kachelmann eintrat. Der Blickkontakt der beiden war nur kurz.
„Hetzjagd gegen einen Menschen“
Vielleicht soll die Präsenz von Sabine W. für Stärke stehen, für eine demonstrative Kampfansage. Vielleicht haben psychologische Motive den Ausschlag dafür gegeben, dass die Verteidigung des Wettermoderators kurz vor Prozessbeginn noch die Heidelberger Anwältin Andrea Combé, 52, ins Team geholt hat. Die Glaubwürdigkeit des Angeklagten könnte wachsen, so das Gedankenspiel, wenn der mutmaßliche Vergewaltiger von einer Frau verteidigt wird.
Im Saal 1 des Mannheimer Landgerichts war der erste Prozesstag also nach wenigen Minuten Geschichte. Vor dem Gebäude war mehr los: Dort zog TV-Entertainer Oliver Pocher als Kachelmann verkleidet und mit einer Frauenschar in „Lausemädchen“-T-Shirts eine kurze Show ab.
Im Foyer des Gerichts und auf dem Bürgersteig nutzten Kachelmanns Anwälte jedes Mikrofon, um die Staatsanwaltschaft erneut für ihren bisherigen Umgang mit ihrem Mandanten zu kritisieren. „Mediale Notwehr“ nannte Professor Ralf Höcker dieses Vorgehen, nachdem man sich nach der Verhaftung Kachelmanns zwei Monate lange zurückgehalten habe. Den Kölner Medienexperten hatte Kachelmanns Verteidiger Reinhard Birkenstock von Anfang an mit ins Boot geholt. Zum Ende des ersten Prozesstages sprach Höcker von einer „Hetzjagd gegen einen Menschen“, während Birkenstock der Staatsanwaltschaft vorwarf, „mit halbwahren und falschen Informationen“ an die Öffentlichkeit gegangen zu sein.
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