Was wohl Klaus Schneider heute macht? Vor ein paar Jahren, als Jürgen W. Möllemann noch lebte und für sein "Projekt 18" gegen Ariel Scharon und Michel Friedman trommelte, war Schneider Kreisvorsitzender der Eisenacher FDP und hatte rein gar nichts gegen Wahlplakate, mit denen zugereiste Frankfurter Freidemokraten in der Eisenacher Fußgängerzone Stimmung machten: "Judenfrei und SpaSS dabei!" - "Das ist Verpackung, das gehört dazu", fand der Liberale damals. Als dann aufflog, dass es sich bei der Frankfurter Sturmabteilung um blau-gelb kostümierte Satiriker der Titanic-Redaktion handelte, musste die Geschichte natürlich umgeschrieben werden: "Was mir geschehen ist, entbehrt jeglicher Kultur des Umgangs miteinander", empörte sich der düpierte Schneider. "Das hat mit Humor nichts mehr zu tun!"
Mit Humor hatte das tatsächlich nicht viel zu tun, schon eher mit Satire, die im Hauptberuf zur Kenntlichkeit entstellt: hier den Kleinbürger, der unterm demo-kratischen Hemd nahtlos braun ist - eine Strategie, die in Perfektion jetzt auch wieder auf der großen Leinwand zu erleben ist, allerdings mit anderer Stoßrichtung.
Sacha Baron Cohen, 38, britischer Komiker, kam als "Borat" zu Weltruhm: In perfekter Verkleidung als Reporter aus Kasachstan entblößte er 2006 Fremden-Klischees und Ressentiments seiner Interviewpartner.
Der jüngste Sohn einer jüdisch- orthodoxen Mittelstandsfamilie wuchs in London auf, in den frühen 90ern nahm er diverse Moderationsjobs im britischen TV an. Ab 2003 lief seine "Ali G. Show", in der die berüchtigten drei Hauptcharaktere zuerst auftraten: Reporter Borat, Rapper Ali G. sowie der österreichische Modejournalist Brüno.
Der Kinofilm "Brüno" startet hierzulande am 9. Juli: Cohen zieht wieder auf Enthüllungsreise durch die USA.
"Borat" machte ihn berühmt
Da gilt es, vor laufender Kamera die Homophobie eines US-Football-Publikums zu enthüllen, das den Reporter eines österreichischen Schwulensenders niederbrüllt, nur weil der tuckig den Cheerleadern assistiert. Dabei ist der Reporter weder homosexuell noch Österreicher, sondern Sacha Baron Cohen, geboren 1971 in London, Absolvent von Cam-bridge und seit "Borat" als komischer Agent provocateur bekannt. In dieser Woche schickt er mit "Brüno" eine weitere clevere Kunstfigur ins Rennen.
Die Modejournalisten-Tunte Brüno, die als umherstöckelndes Fashion-Dummchen dem Weltungeist Fallen stellt, ist Cohens erstes Alter Ego, sein komödiantischer Prototyp. Nach dem Geschichtsstudium, ein paar Filmrollen und Auftritten in einem Londoner Comedy-Club kommt das Fernsehen, und Cohen kann schließlich Brüno, den kasachischen Antisemiten Borat und den naiv sexis-tischen Vorstadt-Rapper Ali G. in der "Ali G. Show" versammeln (heute noch zu sehen auf DVD und YouTube).
Holt Ali G., der genau wie Brüno als Interviewer unterwegs ist (und den man sich als älteren Bruder von Erkan & Stefan vorzustellen hat), Komik aus der menschlichen Neigung, Kindern und Narren auch dümmere Fragen geduldig zu beantworten, kitzeln Borat und Brüno im Gespräch mit Zeitgenossen via Suggestion und Provokation deren Ressentiment. Das lässt sich meist nicht lang bitten. Das Ergebnis: Streiche mit unversteckter Kamera, die für richtig Ärger gut sind. Nach dem "Borat"-Film stand halb Kasachstan Kopf, weil es sich als Land der Chauvis und Antisemiten diskriminiert sah; George W. Bush sah sich genötigt zu versprechen, dass so etwas nicht wieder vorkomme; das Europäische Forschungszentrum für Antiziganismus schließlich stieß sich an Borats zigeunerfeindlicher Rollenprosa und erstattete Anzeige.
Brüno nun arbeitet für den "Österreichischen Jungen Rundfunk", und vor dem Reporter eines obskuren Schwulenfunks muss man ja nun kein Blatt vor den Mund nehmen. "Was bedeutet Freiheit für Sie?" fragt Brüno mit quasi-österreichischem Quatsch-Akzent den Veranstalter einer patriotischen Messe in Alabama, der ein Gesicht macht, als äße er Schwule zum Frühstück. "Tun und sagen, was man will, ohne dass die Juden dir in die Tasche fassen", antwortet der.
Dann tritt Brüno noch als Gastgeber einer TV-Sendung namens "Fashion Polizei" auf, die von den Gästen für puren Ernst gehalten wird. Da fragt Cohen einen Modemenschen in steiler Metaphorik, ob Burt Reynolds eher "in" oder eher "out" sei - anders gefragt: "Keep him in the ghetto? Or train to Auschwitz?"; und der Gast antwortet, ohne diese Kultur des Umgangs miteinander in Frage zu stellen: "Auschwitz!"
Heiße dieses Verfahren, das der allzumenschlichen Gemeinheit das Sprachrohr hinhält, nun Reality Comedy oder Aktionssatire, wie bei der Titanic: In Zukunft sei bitte nicht mehr von "Realsatire" die lose Rede. Denn Realität gehört halt meistens erst mal freigelegt, idealerweise von rücksichtslosen, die Parodie mit der verdeckten Ermittlung so glücklich verschränkenden Spitzensatirikern wie Sacha Baron Cohen.
Stefan Gärtner, Jahrgang 1973, ist seit 1999 Redakteur des Frankfurter Satiremagazins Titanic.
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