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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

15. März 2016

Salafismus: „Ich war wütend und verloren“

 Von Maxim Leo
Dominic Schmitz spielt am Kölner Theater seine Lebensgeschichte.  Foto: ullstein verlag/hans scherhaufer

Mit 17 wird Dominic Schmitz Salafist, er pilgert nach Mekka, verzichtet auf Sex, dreht Propaganda-Videos. Dann schließt sich ein Glaubensbruder dem IS an – und Schmitz beschließt auszusteigen. Jetzt erzählt er seine Geschichte in einem Theaterstück.

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Vor ein paar Tagen ist er umgezogen, weil es in Mönchengladbach zu gefährlich wurde. Jetzt wohnt Dominic Schmitz in Köln, in einer kleinen Wohnung, deren Adresse niemand kennt. Er hat auch eine neue Handynummer, eine neue Frisur, neue Klamotten, einen neuen Job. Es ist wie ein anderes Leben, das gerade begonnen hat. Sein drittes Leben, um genau zu sein, was eine ganze Menge ist für einen 28-Jährigen.

Man sieht ihm das alles nicht an, den Stress, die Angst, die Verwunderung darüber, was gerade mit ihm passiert. Er sitzt an diesem Morgen in der Kantine des Schauspiels Köln. Er lächelt, ein sanfter Junge, mit weichen Zügen und mächtigen Schultern. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Buchautor und Schauspieler sein werde“, sagt er amüsiert. „Alles ist möglich, in jedem Moment, wenn wir dazu bereit sind.“ An dieser etwas salbungsvollen Art zu sprechen erkennt man ihn noch, den Mann, den sie in der Moschee in Mönchengladbach Musa al-Almani nannten, Musa, den Deutschen. Mit 17 konvertierte er zum Islam, wurde Mitglied einer salafistischen Bruderschaft. Mit 25 beschloss er, wieder sein eigener Herr zu sein. Gerade hat er ein Buch über die Zeit bei den Salafisten veröffentlicht, und er steht im Kölner Theater auf der Bühne, in einem Stück, das „Glaubenskämpfer“ heißt und in dem er seine Geschichte erzählt.

In der Mitte des Theatersaals steht eine weiße Scheibe, auf der zwei Flügel rotieren, als öffnete sich ein riesiges Buch. Es geht um den Glauben und darum, was er mit den Menschen macht. Es treten Juden, Christen, Muslime und Atheisten auf. Dominic Schmitz steht im Scheinwerferlicht. Er sagt: „Ich bin Musa, ich war ein Salafist.“

Dann erzählt er von seinen Eltern, einem Polizisten und einer Apothekenhelferin, die sich trennten, als er fünf war. Dominic zog mit seiner Mutter von Mönchengladbach weg, in ein Dorf am Niederrhein. In der Schule ist er auf einmal ein schüchterner Außenseiter. „Ich habe davon geträumt, stark zu sein“, sagt er. „Aber das schaffte ich nicht.“ Stattdessen wurde er dick und aggressiv, trainierte in der Mucki-Bude, hörte Hip-Hop, rauchte mit 13 seinen ersten Joint und ging vor dem Abitur von der Schule ab. „Ich war wütend und verloren, so muss man das wohl sagen.“

Eines Tages lernt er Rachid kennen, einen Marokkaner, vier Jahre älter als er. Rachid erzählt ihm von Allah, von seinem Glauben und den Brüdern, die immer für ihn da seien. Dominic Schmitz fühlt sich magisch angezogen von diesen Erzählungen. An einem heißen Sommertag begleitet er Rachid zum ersten Mal in die Moschee, er ist beeindruckt von der Ruhe und Erhabenheit, von der Freundlichkeit, mit der ihn wildfremde Menschen empfangen. Inmitten der schwarzhaarigen, meist arabischstämmigen Gläubigen, steht ein blonder Mann im weißen Gewand, der eine beeindruckende Kraft und Gelassenheit ausstrahlt und der den Neuankömmling begrüßt. Der Mann heißt Sven Lau, ein ehemaliger Feuerwehrmann aus Mönchengladbach. Noch ist Sven Lau ein unbekannter Konvertit, aber schon bald wird er seinen Aufstieg zum radikalen Salafistenführer in Deutschland beginnen. Musa wird ihn auf diesem Weg begleiten, als treuer, williger Gefährte.

Bei den Salafisten trifft Dominic auf Pierre Vogel (re.), hier bei einer Veranstaltung am Frankfurter Rebstockgelände (Archivbild).  Foto: Michael Schick

Erst einmal wird er aber eine völlig neue Welt entdecken. Eine Welt, in der es auf jede Frage eine Antwort gibt, in der er ernst genommen wird, in der er Aufmerksamkeit und Vertrauen spürt. „Ein unglaubliches Gefühl umfing mein Herz“, erzählt Dominic Schmitz. „Eine nie zuvor empfundene Mischung aus Wärme, Glück und Ruhe.“ Er bringt seinen Fernseher in den Keller, schmeißt seine HipHop-Sammlung in den Müll, isst kein Schweinefleisch mehr, wirft die Poster mit den nackten Frauen weg.

Seine Mutter erkennt ihn kaum wieder, Dominic kifft nicht mehr, mäht den Rasen und liest ständig in so einem dicken Buch. An einem Abend im August 2005 spricht er schließlich die Worte, die sein Leben verändern werden: „Ich glaube, dass Allah der einzige Gott ist und Mohammed sein Gesandter ist. Ich bezeuge, dass niemand das Recht hat, angebetet zu werden außer Allah, und ich bezeuge, dass Mohammed sein Diener und Gesandter ist.“ Nun ist Dominic Schmitz ein Muslim.

Im Theatersaal im Kölner Schauspiel beginnt ein unscharfes Youtube-Filmchen zu laufen. Man sieht den 18 Jahre alten Musa mit Gebetsmütze und Kaftan. Neben ihm sitzt ein kräftiger Mann mit langem rotem Bart, der fragt, wie es Musa gehe, so frisch konvertiert. Musa blickt unsicher zu Boden, versucht ein Lächeln. „Ich bin sehr glücklich, so glücklich wie nie in meinem Leben“, bringt er stammelnd hervor.

Dieses Video, das Zeugnis seines neuen Glaubens, ist zugleich sein erster Beitrag für die Brüder, die Musa fortan als Beispiel präsentieren – dafür, dass ein junger Mann, der in tiefer Sünde lebte, den Weg zu Allah finden kann. Der Mann mit dem Bart ist Pierre Vogel, ein ehemaliger Profiboxer aus Frechen, der schon damals einer der bekanntesten Hassprediger der Republik ist. Auch ihm wird Musa folgen, auch ihm wird er von Nutzen sein.

Der Glauben verschlingt den Neubekehrten, er läuft mit rot-weißem Turban und Pumphosen durch Mönchengladbach. Die Leute rufen: „Hey, Osama bin Laden“, er aber strahlt stolz, lächelt ihnen zu. „Ich habe das genossen, diese Aufmerksamkeit, ich war etwas Besonderes“, sagt Dominic Schmitz. Er betet fünfmal am Tag, putzt sich mit einem Siwak die Zähne, einem kleinen Ast von einem Baum aus der Wüste Ostafrikas, so wie es Mohammed getan haben soll. Er lernt, die Suren auf Arabisch zu rezitieren und verinnerlicht vor allem, was alles verboten und was erlaubt ist. Die anderen Deutschen sind Ungläubige, Kuffar. Er verachtet den Staat und lebt von Hartz IV.

Der Regisseur des Stückes ist mit Dominic Schmitz zufrieden: „Sehr gut machst du das, wie ein Profi.“ Schmitz wiegt verlegen den Kopf. Er trägt einen grauen Kapuzenpullover, Gel im sorgsam gescheitelten Haar, ist kaum noch mit dem Musa in Verbindung zu bringen, der mit fusseligem Bart und kurz rasiertem Kopf durch die Gegend lief. „Ich war total im Einklang mit mir“, sagt er versonnen. „Das, wonach alle suchten, hatte ich gefunden.“ Und er konnte Dinge, die seine Meister nicht konnten: Videos schneiden, mit Musik unterlegen, Clips produzieren, die Jugendliche cool fanden, mit denen man ihre Seelen gewinnen konnte.

Sven Lau erkennt als Erster sein Talent, sie produzieren einen Youtube-Film nach dem anderen. Auch Pierre Vogel begreift bald, wie wertvoll der junge Musa für sie alle werden könnte. Schmitz kennt die Jugend-Codes, die Hip-Hop-Mode, die Sprache der Straße. „Wir müssen den Islam in jedes Haus bringen“, sagt Vogel einmal und schaut Musa dabei tief in die Augen. „Wir müssen Deutschland verändern.“ Fortan versucht Schmitz, Ungläubige zu missionieren, so gut er kann. „Ich war wie in Trance, beseelt, dauermäßig high.“

Gemeinsam mit Vogel pilgert Dominic nach Mekka und auf den Berg Arafat.  Foto: REUTERS

Nur eines fehlt Musa, etwas, das nicht ganz unwichtig sein kann für einen Achtzehnjährigen: Sex. Er darf keine Frauen anschauen, geschweige denn berühren. Er darf auch nicht masturbieren. Das ist haram, Sünde. Wenn er sich doch mal selbst befriedigt, duscht er danach lange und verspricht Allah reumütig fünf Fastentage. Irgendwann hat er so viele Fastentage angehäuft, dass er für mehrere Jahre auf Nahrung verzichten müsste. Deshalb sucht er eine Frau. Die einzige Möglichkeit, um an Sex zu kommen, ist die Heirat mit einer gläubigen Muslima. Die Brüder finden eine Frau für ihn, eine Konvertitin, etwas älter als Musa. Sie sehen sich zweimal für zehn Minuten unter der Aufsicht des Imams, dann werden sie vermählt. „Die Ehe war furchtbar“, erzählt Dominic Schmitz. „Es war alles falsch, und dann wurde sie schwanger, und das machte die Sache nicht besser.“

Da kommt ein Angebot von Pierre Vogel gerade recht, ihn auf eine Wallfahrt nach Mekka zu begleiten. Nur bekleidet mit zwei weißen, ungesäumten Tüchern, so wie es Vorschrift ist, steht er im Dezember 2007 auf dem Berg Arafat, um ihn herum stehen Hunderttausende Gleichgesinnte. Musa weint und dankt dem Herrn, der ihn hier hergeleitet hat.

Kann er sich das heute noch vorstellen? Dieses Glück, diese Gewissheit, die ihn damals übermannte? Dominic Schmitz sitzt auf einem der roten Klappsitze im Zuschauerraum des Theaters. Er überlegt, nickt stumm. Er sagt, das seien die Momente, die geblieben sind, die er nicht missen möchte. „Ich bin immer noch Muslim, heute eben auf meine Art, nur mir selbst verpflichtet.“

In Mönchengladbach wird die Salafisten-Szene noch radikaler. Immer öfter ist vom Dschihad, dem Heiligen Krieg, die Rede. In den Medien und auf der Straße werden die Brüder angefeindet, das verstärkt die Isolation, die Radikalisierung. Musa spürt den Druck von innen und von außen, es ist nicht die Zeit des Nachdenkens, es geht um Überzeugungen, um Glauben, der fest ist wie Beton. Noch macht Musa alles mit, was ihm gesagt wird. Die Propaganda-Videos die Missionsarbeit in den Straßen, die gemeinsamen Gebete in der Moschee.

Dann aber geschieht etwas, das ihn nachhaltig verstört: Er bekommt eine WhatsApp-Nachricht von Daniel, dem Mann, der ihm am nächsten stand, als er zu den Brüdern kam, mit dem er so viele gute Gespräche geführt hat, dem er vertraute wie sich selbst. Lange Zeit war Daniel verschwunden, Musa wusste nicht, wohin. Jetzt schrieb er: „Ich bin in Syrien. Beim IS.“ Sie schreiben sich stundenlang. Musa fragt, wie der Freund mit diesen Verbrechern gemeinsame Sache machen könne. Daniel antwortet, die Zeit des Zögerns und Abwartens sei vorbei. Es gehe darum, einen islamischen Staat mit islamischer Gesetzgebung zu schaffen. Er bezeichnet Osama bin Laden als einen der größten Helden unserer Zeit. „So hatte Daniel früher nie gesprochen“, sagt Dominic Schmitz.

Erst viel später erfährt Schmitz aus den Medien, dass sein Freund Daniel per Haftbefehl gesucht wird. Dass er eine „zehnköpfige Kampfgruppe der Deutschen“ befehligt, die in der Nähe von Aleppo stationiert ist. Daniels Vizekommandeur, Mustafa C., ist ebenfalls ein guter Bekannter aus Mönchengladbach. Nach seiner Rückkehr aus dem Kriegsgebiet wird Mustafa C. verhaftet und muss sich seit Oktober 2015 vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Daniel hat Musa nie wiedergesehen.

Dominic Schmitz‘ Gedanken treiben in der Erinnerung. „Es war immer weniger von dem zu spüren, was mich zum Islam gebracht hat. Die Milde, die Einfühlsamkeit, die Toleranz“, sagt er. Stattdessen beginnen die Brüder mit Kampfsport, und auch die verbalen Gefechte werden aggressiver. Musa begreift, dass er nicht mehr zu dieser Gemeinschaft gehört. Dass er wieder Dominic werden muss.

Er beginnt wieder zu kiffen, geht nicht mehr in die Moschee. Es ist der Herbst 2010, und die Entscheidung naht. Er holt seine Musikanlage aus dem Keller, schließt sich tagelang ein, dröhnt sich mit Hasch zu und versucht, der Wirklichkeit zu entkommen. Der Musa in ihm wird schwächer, er fühlt sich befreit und schuldig zugleich. Er rasiert den Bart ab, streicht Gel ins Haar, kauft sich eine Jeans und lernt im Waschsalon eine Frau kennen. Es ist wie eine Rückkehr von einem fernen Ort.

Er produziert weiter Videos, aber diesmal in seinem eigenen Namen. „Frag den Musa“ heißt sein Youtube-Kanal. Man sieht Dominic im T-Shirt die Welt erklären. Er sagt, der Dschihad sei nicht der Weg, um Allah näher zu kommen. Er spricht von Liebe und Respekt. Er bekommt Hassmails und anonyme Anrufe: „Du Heuchler, du Hund, irgendwann schneiden sie dir den Kopf ab und legen ihn dir auf den Rücken.“

Vor seiner Tür stehen angsteinflößende Männer, ein ehemaliger Bruder schreibt ihm per WhatsApp: „Wir wissen, wo du Sport machst, pass gut auf!“ Das ist der Moment, in dem er beschließt, Mönchengladbach zu verlassen. Das ist auch der Moment, in dem er beschließt, ein Buch zu schreiben, weil er anderen davon erzählen will, wie man in die Welt der Salafisten geraten kann.

Er geht jetzt in Schulen, erzählt von seinem Leben in der anderen Welt, der Verfassungsschutz hält ihn für „akut gefährdet“. Aber Dominic Schmitz will sich nicht verstecken, er will zeigen, dass er sich nicht einschüchtern lässt. Vielleicht steigt er deshalb in Köln auf die Theaterbühne.

Dort steht er jetzt wieder, im gleißenden Licht. Dominic blickt gefasst in die Dunkelheit und sagt mit fester Stimme: „Mein Name ist Musa, ich war ein Salafist.“

Aufführungen des Stückes „Glaubenskämpfer“ im Schauspiel Köln: 1., 3. und 16. April, jeweils um 19.30 Uhr, Karten unter Tel. 0221/ 22128400.

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