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10. Januar 2011

Samenbank-Besuch: Sperma à la carte

 Von Hannes Gamillscheg
Auf 350 Samenspender kann Cryos ständig zurückgreifen.  Foto: FR

Bezahlt wird nach Qualität und Volumen, ausgesucht aus einem Katalog. Für jeden Kunden das passende Produkt. Ein Besuch in der größten privaten Samenbank der Welt in Dänemark.

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Alles beginnt mit diesem Traum, in dem Ole Schou, damals 26, Spermien durch den Kopf schwimmen. Der Traum ist so eigenartig, dass Schou, als er wieder wach ist, mehr darüber wissen möchte. Er studiert an der Handelshochschule, mit Medizin hat er nichts zu tun. Doch dann liest er alle Bücher, die er zu dem Thema finden kann. Das ist jetzt dreißig Jahre her. Inzwischen ist der Däne Gründer und Chef der weltweit größten privaten Samenbank. 16.675 Schwangerschaften kamen mit Sperma von hier zustande.

Die Klinik Cryos, benannt nach dem griechischen Wort für Eis, liegt im dänischen Aarhus im zweiten Stock eines Bürogebäudes. An den Wänden der langen Gänge hängen Babyfotos und ein Gemälde in Blau, das einer der Kunden über Schous eigenartigen Traum malte. Im Labor dampfen die Stickstoffbehälter, in denen das Sperma bei 196 Grad Kälte tiefgekühlt wird. Die Kabinen verbinden die Sterilität eines Untersuchungsraums mit dem Charme eines Sexkinos: eine Liege mit Papierleintuch, Pappschale, Plastikbecher, Küchenrolle, dazu „Männermagazine“ zum Blättern und Pornofilme. Die Mitarbeiter tragen Laborkittel und lächeln freundlich.

        

Ole Schou, 56, hat die Samenbank „Cryos“ 1987 im dänischen Aarhus gegründet und ist heute dort Direktor.
Ole Schou, 56, hat die Samenbank „Cryos“ 1987 im dänischen Aarhus gegründet und ist heute dort Direktor.
 Foto: afp

Hundert Sorten Samen

Auf 350 Samenspender kann Cryos ständig zurückgreifen, die meisten sind Studenten, bezahlt wird „nach Qualität und Volumen“, im Durchschnitt 25 Euro pro Ejakulat. Die ersten Spender fand Schou, als er vor zwanzig Jahren Zettel an der Uni und Studentenwohnheimen in Aarhus aufhängte. Seine Mutter hatte ihm 10.000 Euro geborgt, damit begann er seine Karriere. Der Durchbruch kam, als in Dänemark die Gesetze für künstliche Befruchtung liberalisiert wurden. Heute ist Cryos der Hoflieferant zahlreicher Kliniken, die guten Resultate haben den Export in alle Welt angekurbelt.

„Wir sind die Spermagroßhändler“, sagt Schou. Alle Samenproben sind gescreent, getestet und nach sechsmonatiger Quarantäne freigegeben. „Hundert verschiedene Sorten“ Sperma hat er im Angebot. „Wie bei einer Molkerei, die bekommt auch Rohmilch und macht Dutzende Produkte draus.“

In der Datenbank von Cryos können zukünftige Eltern nicht nur nach Ethnie und Größe wählen wie im öffentlichen Gesundheitsdienst. Bei Cryos kann man die Samenspender durch Detailsuche auswählen, bis zum Lieblingsessen und dem Alter der Großmutter väterlicherseits. Imaginäre Namen mit authentischen Profilen: soll es Jacob sein, weißer Skandinavier, blaugraue Augen, braunes Haar, 1,95 Meter groß und Designer von Beruf? Oder lieber Brad, Hispanic aus Panama, braunäugig, schwarzhaarig, 1,75 Meter und Polizist? Wer will, kann auch einen namentlich bekannten Spender wählen. Das kostet mehr, da die Auswahl kleiner ist.

„Man braucht beides, weil für beides Bedarf herrscht“, sagt Ole Schou. Die meisten Paare zögen anonyme Spender vor, alleinstehende und lesbische Frauen wollten oft wissen, von wem das Sperma stammt. Doch nur rund jeder fünfte Spender ist bereit, die Anonymität aufzugeben. Vor 20 Jahren bestanden Schous Kunden ausschließlich aus unfreiwillig kinderlosen, heterosexuellen Paaren. Inzwischen machen Lesben zehn und Single-Frauen 30 Prozent des Markts aus. Deren Anteil werde weiter steigen: „Gut ausgebildete Frauen, die wegen ihrer Karriere keine Zeit hatten, den richtigen Partner zu finden, wollen sich ihren Kinderwunsch auf diesem Weg erfüllen.“

Gesetze, um dies zu verhindern, führten selten ans Ziel, sagt Schou. „Nicht der Sextrieb ist essenziell für den Menschen, sondern der Reproduktionstrieb.“ Cryos profitiert davon. Die Klinik schickt das gefrorene Ejakulat im Stickstoffbehälter oder auf Trockeneis an den Arzt, der die Behandlung durchführen soll. Zwischen 100 und 300 Euro kostet eine Portion, die Frachtkosten kommen hinzu. „Schon im ersten Zyklus ist die Erfolgschance 25 bis 30 Prozent“, nach sechs Versuchen sind 60 Prozent der Frauen schwanger, nach zwölf Versuchen 80 Prozent.

Kinderfotos der Spender sind gefragt. Gewünscht werde vor allem ein Kind, das zur eigenen Familie passt. „Es mag seltsam klingen, wenn eine Frau einen Spender mit Doktortitel wünscht. Aber wenn sie selbst Akademikerin ist, mag es verständlich sein.“ Ole Schou hat keine Bedenken, bei der Zeugung von Designerbabys zu helfen. „Die Frauen wählen nach ihren Kriterien, wie im echten Leben. Da paaren sie sich ja auch nicht mit dem Ersten, der um die Ecke kommt.“

Die Nachfrage nach Informationen über die Spender ist groß, vor allem in den USA. „Dort leben viele Nachfahren skandinavischer Auswanderer, die brauchen jetzt Reserveteile“, sagt der Cryos-Chef. Als die USA wegen der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ein Importverbot verhängten, machte er eine Niederlassung in New York auf. Auch in Indien gibt es eine Filiale, „die europäischen Nachfahren der Inder haben Bedarf“. In Aarhus lässt sich nicht jede Nachfrage befriedigen. „1,70 Meter große, rothaarige Dänen haben wir mehr als genug“, sagt Schou, doch ethnische Minderheiten als Spender anzuwerben, sei kompliziert. Geld hilft nicht. „Niemand tut es ohne Geld, aber nicht viele tun es des Geldes wegen.“

„Jetzt habe ich eine Tochter. Ich möchte Ihnen aus ganzem Herzen für dieses Wunder danken“, schrieb eine Mutter aus den USA nach erfolgreicher Behandlung. „Ich bin so dankbar für meinen kleinen Sohn, er ist das Licht meines Lebens“, ließ eine Dänin Cryos wissen. Diese Dankbriefe seien das „Beste am Job“, sagt der Herr der Spermien.

Bei Cryos wird jede gemeldete Schwangerschaft registriert, das Zählwerk tickt, Tag für Tag. 17.192 sind es im Moment.

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