Wer an einem 29. Februar zur Welt gekommen ist, weiß, wie es ist, nur alle vier Jahre richtig Geburtstag zu haben. In Samoa verliert in dieser Woche die ganze Nation einen Tag. Wenn der 29. Dezember endet, beginnt nahtlos der 31. Dezember. Der Freitag dazwischen wird ersatzlos gestrichen. Die Südsee-Insel ändert die Datumsgrenze und ist künftig wieder seiner Zeit voraus.
Wie schon vor etwas mehr als zwei Jahren, als der autoritäre Premierminister Tuilaepa Sailele Malielegaoi trotz heftiger Proteste der sonst so gehorsamen Bevölkerung auf den Straßen von Links- auf Rechtsverkehr umstellte, hat auch dieser Seitenwechsel von Ost nach West wirtschaftliche Gründe.
Jedes Land kann selbst entscheiden, welcher Zeitzone es angehören möchte. Auch deshalb ist die Grenzlinie in der Südsee extrem gezackt und ausgebeult.
Das extremste Beispiel ist Kiribati, das bis 1995 von der Datumsgrenze durchschnitten wurde. Nach dem Wechsel nach Westen wurde die östlichste Insel, Kiritimati, in Christmas Island umbenannt.
Wichtigste Handelspartner der ehemaligen deutschen Kolonie sind schon längst nicht mehr die USA und Europa, sondern Neuseeland und Australien, wo 135.000 beziehungsweise 40.000 Samoaner der ersten und zweiten Auswanderer-Generation leben.
Aber diese Länder haben bislang fast einen Tag Vorsprung, weil sie direkt östlich der Datumsgrenze liegen. Samoa ist das letzte Land der Welt, in dem die Sonne aufgeht. Deshalb können Geschäftsbeziehungen bisher auch nur an drei Wochentagen gepflegt werden. Während im Westen der Arbeitsalltag beginnt, herrscht in Samoa noch die Sonntagsruhe. Dort wiederum geht am Freitag nichts, weil im Westen bereits Wochenende ist.
„Der Wechsel der Zeitzone wird unserer Wirtschaft zu einem mächtigen Aufschwung verhelfen“, sagt das Staatsoberhaupt, dem auch dieser Schachzug heftige Kritik einbrachte. Viele Leute sprechen von „einer weitere verrückte Idee unseres verrückten Premierministers“, so ein Bericht in der Zeitung Samoa Observer. Nicht glücklich sind die Siebenten-Tags-Adventisten, deren Sabbat am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang beginnt – was in einer Woche ohne Freitag natürlich unmöglich ist. Die politischen Gegner argumentieren, der Sprung in die Zukunft werde weder die Lebenshaltungskosten senken noch die Exporte ankurbeln. Doch, wie üblich, lässt Malielegaoi keine andere Meinung gelten. „Wer die Maßnahme nicht versteht, ist ein Idiot“, sagte er. Einen Oppositionspolitiker nannte er „sehr dumm“.
Zeitzonenwechsel verärgert die Bevölkerung
Den Seitenwechsel auf den Straßen musste die Nation bereits teuer bezahlen. Die komplette Infrastruktur musste geändert werden – und das Ganze nur, weil der Premierminister Malielegaoi dachte, die armen Samoaner in Neuseeland und Australien würden ihren noch ärmeren Freunden und Verwandten in der Heimat eventuell ausrangierte, rechtsgesteuerte Autos schicken. Stattdessen kommen nun billige Japan-Importe ins Land. Vorher mussten Fahrzeuge für teures Geld aus den USA und von „nebenan“ aus Amerikanisch Samoa eingeführt werden.
Dass der Nachbarstaat den Zeitzonen-Wechsel nicht mitmacht und dort die Uhren künftig anders gehen werden, sieht der Regierungschef ebenfalls positiv. „Das eröffnet dem Tourismus ganz neue Möglichkeiten“, sagte er. „Es bedeutet, dass man in weniger als einer Flugstunde von einer Zeitzone in die andere reisen kann. Man kann also am selben Datum, aber an unterschiedlichen Tagen zweimal Geburtstag, zweimal Hochzeit und zweimal Hochzeitstag feiern, ohne Samoa wirklich zu verlassen.“
Der Tourismus auf den beiden Hauptinseln Upolu mit der Hauptstadt Apia und Savai’i, wo es gar keine Städte gibt, ist der Devisenbringer Nummer eins in Samoa. Die Inselgruppe war 15 Jahren lang (1899 bis 1914) eine deutsche Kolonie. Später stand Samoa unter neuseeländischer Besetzung. Seit 1962 ist Samoa selbstständig und eine parlamentarische Demokratie. Ohne Entwicklungshilfe sowie Geld- und Warensendungen von rund 240.000 Migranten könnte der Staat allerdings nicht überleben. Hauptexportartikel sind Kokosnussprodukte und Fisch. Neuseeland kauft fünfzig Prozent dieser Güter.
Es ist nicht das erste Mal, dass Samoa die Zeitzone wechselt. Bis 1892 lag die Inselnation westlich der Datumsgrenze, ehe sich König Malietoa Laupepa von einem amerikanischen Händler überreden ließ, sich den USA auch zeitlich anzunähern. Samoa wiederholte den 4. Juli, den Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten. 119 Jahre später macht das Land den Zeitsprung rückgängig. Die Uhren gehen in der Südsee ohnehin anders. „Island Time“ bedeutet ungefähr so viel wie: Irgendwann wird das Bier schon kommen. Oder der Kellner. Geduld ist gefragt, also das Gegenteil des schallgeschwindigkeitsartigen Sprungs über die Datumsgrenze in die neue alte Zeitzone.
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