Viele Frauen hoffen, dieser Tag möge niemals kommen, doch Scarlett Johansson kann es kaum erwarten: dass sie 40 wird. Vielleicht, sagte sie kürzlich der Londoner Times, höre ja dann endlich dieser Unsinn auf, dass sie all ihren schauspielerischen Höhenflügen zum Trotz oft nur als Sex-Göttin wahrgenommen wird. Die Kritiker überhäufen sie mit Preisen - in der Öffentlichkeit bleibt sie vor allem die Frau mit den "zweit-küssbarsten" Schmollippen der Welt (hinter Angelina Jolie) und den "besten Brüsten von Hollywood", wie jüngst das Klatschmagazin InTouch ermittelte. In Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona", einem der Höhepunkte ihrer beachtlichen Filmkarriere, vergaßen sich sogar Javier Bardem und Penelope Cruz gleichermaßen wegen Johansson.
In den knapp fünfzehn Jahren, bis sie 40 wird, bleibt deshalb wohl nur die Bühne, um sich die lüsternen Blicke ihrer Zuschauer vom Leib zu halten und wirklich in einer Rolle aufzugehen.
Scarlett Johansson, 25, ist die Tochter eines Dänen und einer Amerikanerin mit osteuropäischen Wurzeln. In den vergangenen zehn Jahren gelang es ihr nachhaltig, der Roman- und Filmfigur den Rang abzulaufen, nach der ihre Eltern sie benannt hatten. Wer heute Scarlett hört, denkt nicht mehr zuerst an "Vom Winde verweht".
Als 14-Jährige spielte sie in "Der Pferdeflüsterer" an der Seite von Robert Redford. Der Durchbruch kam 2003 mit "Lost in Translation", der Tragikomödie um zwei Einsame (Johansson und Bill Murray) im fremden Tokio. Es folgte noch in demselben Jahr "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" , später Hauptrollen etwa in "Match Point" (2005), "Scoop - der Knüller" (2006) und "Vicky Cristina Barcelona" (2007). Viermal war sie für den Golden Globe nominiert.
Nebenbei singt Scarlett Johansson auch. 2009 erschien ihr Album "Break Up": Duette mit Pete Yorn. (ill)
Bei ihrem Broadway-Debüt ist ihr das bestens gelungen. Es dauert gut zehn Minuten des ersten Aktes von Arthur Millers Tragödie "A View from the Bridge", die seit Ende Januar im Cort Theater in Manhattan läuft, bis man überhaupt begreift, dass Scarlett Johansson auf der Bühne ist. So sehr verschwindet sie hinter der Figur der Catherine, der 17 Jahre alten Ziehtochter eines Brooklyner Dockarbeiters aus den 50er Jahren. In langem Wollkleid und hochgeschlossener Bluse stöckelt sie in der Kleinbürgerwohnung umher, die wasserstoffblonde Mähne kastanienbraun gefärbt und züchtig zurück gebunden. Umwerfend ist anders.
Kunst vs. Sex
"Ms Johansson verschmilzt so vollständig mit ihrer Figur", lobte auch die New York Times, "dass ihr Star-Nimbus verschwindet." Johansson, die Schauspielerin, die nach eigenem Bekunden schon am Broadway spielen will, seit sie acht Jahre alt war und sich "seit 17 Jahren abstrampelt, um als ernsthafte Mimin anerkannt zu werden", verdrängt Johansson, das Sex-Symbol.
Es ist eine durchweg zurückhaltende Rolle, die Scarlett Johansson in "View from the Bridge" spielt. Sie ist nur der Katalysator eines Dramas, das sich zwischen den Männern um sie herum entfaltet. Da ist zum einen ihr Onkel und Ziehvater Ed Carbone, brillant gegeben von Liev Schreiber, der sich in verbotener Sehnsucht nach ihr verzehrt und nicht ertragen kann, dass sie zur Frau wird. Und da ist Rodolpho, der illegal eingewanderte Sizilianer, der sich in sie verliebt und sie heiraten möchte.
Man ahnt - nein, eigentlich weiß man von Anfang an -, was passiert. Es kommt zur Tragödie, Schreiber verrät den Freier an die Behörden und provoziert eine Messerstecherei, bei der er schließlich ums Leben kommt. Johanssons Rolle ist es, zwischen die Räder zu geraten und dabei ihre kindliche Unschuld zu verlieren. Ihr wird eine Entscheidung abverlangt zwischen dem Mann, der sie großgezogen und beschützt hat, und dem, der sie zur Frau machen will. Und am Ende ist sie fassungslos über das, was sie da ungewollt angerichtet hat.
Objekt der Begierde ist Johansson dabei nur für Ed und Rodolpho. Ihre Kostüme sind der Rolle der braven Arbeitertochter angepasst, die sich ihrer sexuellen Wirkung nur zögerlich und angsterfüllt bewusst wird. Hollywoods "beste Brüste" werden zwar betont, ihre Besitzerin bleibt aber zuknöpft. Die ganze Aufmerksamkeit liegt auf der moralischen Zerrissenheit und den inneren Kämpfen von Ed Carbone.
Ein Produzent blickt durch
Johanssons Sexappeal spielt in "A View from the Bridge" zwar eine zentrale Rolle, aber nicht vordergründig, eher als Zitat. Sicher hat der altgediente Broadway-Produzent Gregory Mosher Johansson die Rolle gegeben, weil sie eben die Johansson gibt - aber nicht nur, um ihre Fans, die sie einmal aus der Nähe sehen wollen, in seine Theatersessel zu bekommen. Es war auch eine geniale künstlerische Entscheidung.
"A View from the Bridge" ist das vielleicht am meisten autobiographische Stück von Arthur Miller. In der Entstehungszeit zwischen 1947 und 1955 verzehrte er sich nach Marilyn Monroe wie Ed Carbone nach Catherine. Miller war damals selbst verheiratet und Marilyn Monroe war mit Millers Freund und Kollegen Elia Kazan liiert. Die Leidenschaft für Monroe war ebenso verboten wie übermächtig, Miller war ihr so hilflos ausgeliefert, wie Carbone der Liebe zu seiner Nichte.
Moshers Wahl ist ein Geniestreich. Wenn man die Catherine als Marilyn-Figur auslegt, gibt es wohl keine bessere für die Rolle als Johansson - gerade weil Johansson wie Marilyn Monroe in ihrem Sex-Göttinnenkäfig gefangen ist. Das Stück wird dadurch noch eindeutiger ein Stück über Miller und Monroe und gibt dem amerikanischen Klassiker einen frischen Dreh. Johansson kann dabei ihre eigene Rolle als Diva reflektieren und gleichzeitig Abstand zu ihr gewinnen. Zumindest für die wenigen Wochen jedenfalls, die sie am Broadway bleibt. Ab Mai ist sie dann im Kino in der Comic Verfilmung "Iron Man 2" zu sehen - in Nahaufnahme und meistens in einem hautengen Lederanzug.
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