In "Public Enemy No. 1" spielen Sie den französischen Gangster Jacques Mesrine, der in den 60ern und 70ern die Grande Nation mit spektakulären Überfällen und Gefängnisausbrüchen in Atem hielt. Können Sie diesem Leben eine romantische Facette abgewinnen?
Nein, absolut nicht. Ich hätte keine Lust, mich zu ständig verstecken zu müssen. An so einer Existenz gibt es nichts Romantisches.
Vincent Cassel ist gerade mit dem "César" zum besten Schauspieler Frankreichs gekürt worden. Der Sohn des bekannten Schauspielers Jean-Pierre Cassel spielte in "Die purpurnen Flüsse" oder "Ocean's Twelve". Auch seine neueste Rolle als Schwerverbrecher Jacques Mesrine ist der 43-Jährige mit viel Leidenschaft angegangen; er futterte sich dafür 20 Kilo an. Kritiker bescheinigen Cassel gar, er sei besser als das Original.
"Public Enemy No. 1", kommt mit dem 1. Teil "Mordinstinkt" am 23. April in die Kinos.
Sie selbst waren ein aufsässiger Jugendlicher und sagten mal über sich "Ich war der Lieblingsfeind jedes Lehrers". Wie weit ging Ihr Rebellentum?
Als Kind und Jugendlicher habe ich mal Sachen geklaut - nicht weil ich sie brauchte, sondern weil mir der Adrenalinstoß Spaß machte. Ich geriet aber nie in gefährliche Situationen, weil ich keine Waffen einsetzte. Wenn du diese Grenze überschreitest, gibt es keinen Weg zurück in ein normales Leben. Ich kannte Leute, die erst zu Messern, dann zu Schusswaffen griffen und nie mehr von der schiefen Bahn kamen. Doch ich hatte andere Ziele in meinem Leben. Nachdem ich mehrere Internate geschmissen hatte, ging ich mit 17 Jahren auf die Zirkusschule - denn ich wollte mich so auf einen Job als Schauspieler vorbereiten.
Die Schauspielerei ist ja auch nicht gerade ein bürgerlicher Beruf. Haben Sie etwas mit einem Gangster gemein?
Ja, wie ein Verbrecher muss ich lügen.
Die Schauspielerei ist eine Lüge?
Das Filmemachen. Nichts ist real, du führst lediglich eine äußere Hülle vor. Nur die Emotionen, die ich dabei zeige, sind echt.
Und was machen Sie etwa mit Ihren "Gewaltverbrecher-Gefühlen" nach Drehschluss?
Ich werde nicht davon beherrscht. Es ist eher so, dass ich eine Tür meiner Persönlichkeit öffne und ein neues Spektrum an Emotionen entdecke. So weiß ich, dass es sie gibt, aber ich kann diese Tür schließen.
Aber der Dreh zum zweiteiligen Kinofilm "Public Enemy No. 1" dauerte neun Monate. Da mussten Sie sich permanent in diesem Extrembereich aufhalten.
Nein. Weil wir großteils in Paris drehten, konnte ich sogar häufig mit meiner Familie daheim zu Abend essen. Wie hätte ich mich da Ihrer Auffassung nach verhalten sollen? Nach Hause kommen und meine Tochter erschießen? Und wenn ich mit meiner Frau eine Dusche nehme, dann denke ich garantiert nicht an meine Rolle.
Public Enemy No. 1 - Mordinstinkt (Trailer) Kinostart: 23. April 2009
Ihre Frau ist die bekannte Schauspielerin Monica Bellucci. Einfach mal entspannt spazieren gehen können Sie in Paris sicherlich nicht?
Kaum, aber ich versuche, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ich verstehe sowieso nicht, warum ich Erfolg habe und andere nicht. Es gibt viele talentierte Kollegen, auch talentierter als ich, die keinen Job finden. Warum ich dieses Glück habe, das hinterfrage ich nicht. Allerdings, manchmal ist mir schon danach, dem System zu entfliehen.
Können Sie das?
Durchaus. Da verreise ich an entlegene Orte, ob mit Familie oder Freunden oder allein. In Lateinamerika gibt es kleine Dörfer, wo ich schon häufig war und wo man mich als normalen Menschen behandelt und schätzt, nicht als Star. Diese Welt öffnet mir die Augen für eine Realität jenseits des Showbusiness. Es ist nicht gesund, immer im gleichen Dunstkreis zu leben und seine eigene Meinung zurückgespiegelt zu bekommen.
Jacques Mesrine verstand sich ja als Rebell und wollte vorgeblich gegen die Konventionen der Gesellschaft ankämpfen...
...aber Mesrine hat das System für sich genutzt, was ein Widerspruch in sich war und nicht funktionieren konnte. Letztlich wurde er ja erschossen, weil er ein Medienstar war. Ich bin selbst jemand, der die Annehmlichkeiten des Systems beansprucht. Wäre ich ein Rebell, würde ich gar nicht mit Ihnen sprechen. Das einzige, was ich brauche, sind meine kleinen Fluchten.
Eine große Flucht könnten Sie sich nicht vorstellen?
Nein, ich bin hundertprozentig Pariser. Ich freue mich, die Stadt zu verlassen, aber der Gedanke, nicht wieder zurückzukehren, wäre unerträglich. So etwas wie diese Stadt finden Sie nur einmal auf der Welt. Um es auf eine Formel zu bringen: Paris ist eine Mischung aus Afrika und Edith Piaf.
(Interview: Rüdiger Sturm)
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