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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

16. Januar 2012

Scheidungsparty: Herzlichen Glückwunsch zur Scheidung!

 Von Bernhard Bartsch
Das japanische (Ex-)Paarzerschlägt die Ringe.  Foto: afp

Starke Sozialzwänge sind in Japan üblich. Doch ausgerechnet hier boomen Partys von Ehepartnern, die getrennte Wege gehen wollen. Ein bekennender Single hatte die Idee - und organisiert nun Trennungen nun hauptberuflich.

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Starke Sozialzwänge sind in Japan üblich. Doch ausgerechnet hier boomen Partys von Ehepartnern, die getrennte Wege gehen wollen. Ein bekennender Single hatte die Idee - und organisiert nun Trennungen nun hauptberuflich.

Tokio –  

Am Wochenende feiern Herr Abe und seine Frau ihre Scheidung. Zwanzig Freunde haben sie in ein Restaurant eingeladen, um vor ihren Augen mit einem Hammer ihre Eheringe zu zertrümmern und im Maul eines rosafarbenen Frosches verschwinden lassen. „Eine Trennung muss doch kein Geheimnis sein“, sagt der 36 Jahre alte Ingenieur. „Die Zeremonie soll für uns beide ein Neuanfang werden.“

Wenige Tage vorher sitzt Abe in einem Café in Tokios Stadtteil Ginza, um mit seinem Scheidungsplaner die letzten Details zu besprechen. Hiroki Terai hat den Hammer und den Frosch mitgebracht, auch gelbe Plastikblumen, die der Geschiedene bei der Feier hinter sich werfen soll, wie einst seine Frau ihren Brautstrauß.

„Ein bisschen Spaß muss sein“, erklärt Terai. „Eine Scheidung ist schließlich keine Beerdigung.“

Lügen und Versteckspiel

Seit drei Jahren organisiert der 31-Jährige bekennende Single Trennungsfeiern und hat damit in Japan einen kleinen Trend und eine große Diskussion ausgelöst. In der von starken Sozialzwängen geprägten japanischen Gesellschaft ist das Scheitern einer Ehe noch immer stigmatisiert. Dabei steigt die Zahl der Scheidungen wie in den meisten modernen Industriegesellschaften stark an. Ließen sich 1970 nur etwa 95.000 japanische Paare scheiden, so sind es heute jährlich über 250.000, die Scheidungsquote ist damit in etwa so hoch wie in Deutschland.

Jedes vierte japanische Ehepaar trennt sich. Doch viele trauen sich nicht, vor ihren Familien und Freunden zuzugeben, dass ihre Beziehung gescheitert ist. Jahrelange Lügen und Versteckspiele sind oft die Folge. „Unsere Gesellschaft hat viele Rituale, mit denen eine Ehe geschlossen wird, aber keine, mit denen man sie wieder trennen kann“, sagt Terai.

Feierlich, aber nicht schwermütig

Obwohl Terai selbst das Kind einer glücklichen Familie ist, beschäftigte ihn das Thema Scheidung bereits früh. „Ich fand es schon immer komisch, dass Ehen einen Anfang haben sollen, aber kein Ende“, erzählt er. Als sich vor drei Jahren ein älterer Kommilitone, mit dem er zusammen Wirtschaft studiert hatte, scheiden lassen wollte, schlug er ihm vor, eine kleine Zeremonie zu organisieren.

Sie sollte feierlich, aber nicht schwermütig sein. Bei dem sich trennenden Paar und dessen Freunden sollte sie eine freudige Erinnerung hinterlassen. So kam Terai auf die Idee mit dem Hammer und dem pinkfarbenen Frosch. Denn das japanische Wort für Frosch, „kaeru“, heißt auch Wandel.

Die Zeremonie kam gut an, und bald bekam Terai weitere Anfragen. Auch die Medien wurden auf ihn aufmerksam. Schließlich kündigte Terai seinen Job bei einer Leiharbeitsfirma und begann, hauptberuflich Trennungen zu organisieren. 108 Paare hat er inzwischen schon geschieden, eine Trennungsfeier kostet umgerechnet etwa 1040 Euro.

Meist im Einverständnis

Die Ehe als gottgewollte Institution - wie sie im christlichen Kulturraum lange gesehen wurde - ist eine der japanischen Tradition fremde Vorstellung.

Die Ehe war immer ein Vertrag, der das Fortbestehen von Familien sichern sollte.

Die Scheidungsrate lag in Japan bis zu den 90er-Jahren dennoch weit unter dem Niveau westlicher Länder. Dann jedoch hat sie sich angeglichen.

Verdoppelt hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren die Zahl der Scheidungen von Paaren, die mehr als 20 Jahre verheiratet sind.

Verdreifacht hat sich die Quote bei Paaren mit mehr als 30 Jahren Ehe.

90 Prozent der Scheidungen in Japan erfolgen in gegenseitigem Einverständnis. In diesem Fall reicht eine gemeinsame Erklärung bei der örtlichen Behörde, die von zwei erwachsenen Zeugen bestätigt werden muss.

Seit 2007 steht geschiedenen Ehefrauen die Hälfte der Rente des Mannes zu.

Auch Herr Abe hatte zuerst im Fernsehen von Terais Zeremonien gehört. Später lud ihn dann ein Freund zu seiner Scheidung ein, und am Ende der Feier war es Abe, der den gelben Strauß auffing. „Ich lebte damals bereits von meiner Frau getrennt und unser Verhältnis war sehr schlecht“, erzählt er. „Die Feier machte mir Hoffnung, dass wir womöglich doch noch eine Möglichkeit finden würden, im Guten auseinanderzugehen.“

Im Café erzählt er Terai die Geschichte seiner Ehe: Als Abe 2004 heiratete, glaubte er an die ewige Liebe und träumte von Kindern. Doch das Glück währte nicht lange. Schon bald fand er sich im klassischen Konflikt zwischen seiner Frau und seiner Mutter wieder. „Meine Mutter ist sehr traditionell und belehrte meine Frau immer, wie sie sich in der Ehe zu verhalten habe“, erzählt Abe. Aus den kleinen Streitigkeiten wurde ein großer Bruch, und vergangenes Jahr trennte sich das Paar.

Therapeutischer Charakter

Abe fand bald eine neue Freundin, doch an eine zweite Ehe wollte er nicht denken. Doch dann kam das Erdbeben vom 11. März 2011, das nicht nur Japan, sondern auch Abe in eine Existenzkrise stürzte. Er entschied sich, doch noch einmal eine Familiengründung zu wagen, allerdings nicht, ohne zuvor einen sauberen Schlussstrich zu ziehen. „Meine Frau war von der Idee einer Scheidungszeremonie erst nicht begeistert, aber ich habe sie überreden können“, erzählt Abe. „Die Vorbereitungen haben uns geholfen, besser mit unserer Vergangenheit klarzukommen.“ Seine Mutter sei nicht zu der Feier eingeladen.

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