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11. August 2009

Schlupfwespe: Die will nur fressen

Mikroskop-Aufnahme einer Schlupfwespe der Gattung Ichneumonidae. Während manche Unterarten bis zu fünf Zentimeter lang werden, sind andere mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen.  Foto: dpa

Diese Wespe können Sie zwar nicht sehen - sie räumt aber trotzdem bei Ihnen zu Hause auf. Von Thorsten Herdickerhoff

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Schlupfwespen

Schlupfwespen sind Parasiten, deren Nachwuchs sich von anderen Insekten sowie Larven und Eiern anderer Insekten ernährt. Die in Europa lebende Schlupfwespe der Gattung Trichogramma evanescens hat sich auf die Eier von Lebensmittelmotten spezialisiert. Im Laufe ihres rund dreiwöchigen Lebens legt sie 60 bis 80 Wespeneier in den Motteneiern ab.

Vom Menschen wird Trichogramma evanescens erst seit kurzem als natürliches Schädlingsbekämpfungsmittel genutzt. Obwohl die ersten Versuche schon 1919 stattfanden, und verwandte Schlupfwespen-Arten seit den späten 70ern für ähnliche Aufgaben gezüchtet werden, setzten sich zunächst chemische Mittel als Alternative durch.

Wie viele Haushalte die Schlupfwespe zur Schädlingsbekämpfung nutzen, ist nicht bekannt. Zum einen führt der Deutsche Schädlingsbekämpfer Verband keine Statistik über die Einsätze von Kammerjägern, zum anderen, so die Organisation, nähmen die meisten Haushalte das Problem selbst in die Hand.

Gefahr für den Menschen geht von den 0,4 Millimeter kleinen Insekten, die übrigens sehr schlechte Flieger sind, nicht aus. Weder haben Schlupfwespen einen Stachel noch können sie beißen.

Sie hat große runde Augen, ihr Teint ist kaffeebraun. Sie arbeitet lautlos und unauffällig in Küchenschränken, in denen sie für Hygiene sorgt, indem sie ihren natürlichen Feind, die Dörrobstmotte, bekämpft. Und das alles bei einer Körpergröße von 0,4 Millimetern - die Schlupfwespe ist ein besonderes Tier.

Zumindest nach Meinung all jener, die mal erlebt haben, wie hartnäckig die Dörrobstmotte über Jahre in Vorratsschränken lebt, Getreideprodukte, Nüsse, Hülsenfrüchte, Schokolade, Kakao, Kaffee, Tee, Gewürze, Dörrobst und in Ausnahmefällen sogar frisches Obst befällt. Besonders unangenehm: Auf dem Kot ihrer Larven können Milben, Bakterien und Pilze siedeln, die Allergien und Darmerkrankungen auslösen.

Susanne Ganzer aus Darmstadt hat so etwas mal erlebt - seitdem weiß die Gärtnerin die Arbeit der Schlupfwespe zu schätzen. Die erste Motte, die sie in ihrer Wohnung fand, erschlug sie noch mit dem Küchentuch. Als aber kurz darauf die zweite Motte durch ihre Wohnung flatterte, wurde die Mittdreißigerin aufmerksam. Sie suchte nach dem Unterschlupf der Insekten und entdeckte ihn im Vorratsschrank der Einbauküche. Eine italienische Gewürzmischung mit getrockneten Tomaten war durchzogen von feinen Gespinsten. Angewidert warf sie die Tüte weg und hatte wieder Ruhe - für ein paar Tage. Dann tauchten erneut Motten in ihrer Wohnung auf. Ganzer durchforstete den Vorratsschrank, fand Gespinste in Tees und Gewürzen, die neben den italienischen Kräutern gestanden hatten, warf auch diese Lebensmittel weg und wischte den Schrank mit heißem Wasser aus. Alles glänzte, doch die Tiere lebten weiter.

Durch Zufall fand sie schließlich die Schlupfwespe als wirksames Gegenmittel. Ganzer arbeitet als Gärtnerin am Institut für Pflanzenschutz in Darmstadt. Am Tag der offenen Tür des Instituts stellte eine Firma Insekten als Mittel der natürliche Schädlingsbekämpfung vor, darunter auch die Schlupfwespe. Susanne Ganzer musste nicht lange überlegen, was sie ekeliger fand: winzige Wespen oder die Gespinste der Mottenlarven im Küchenschrank. Sie bestellte die Wespen im Internet. Für knapp 40 Euro bekam sie alle zwei Wochen ein Päckchen zugeschickt, insgesamt vier Mal. In jedem Päckchen lagen vier Papp-Karten auf denen sich jeweils 2000 Schlupfwespen in Motteneiern befanden. Ganzer legte die Karten in ihren Vorratsschrank.

Was danach geschah, lässt sich nur unter dem Mikroskop beobachten. Die Schlupfwespen krabbeln auf das Mottenei, fahren einen Stachel am Hinterleib aus, senken ihn in das Ei und legen ein eigenes hinein. Dann huschen sie zum nächsten Mottenei, trommeln mit ihren Fühlern dagegen und erkennen so, ob schon eine Kollegin ein Ei darin abgelegt hat. Wenn nicht, legt sie wieder ein eigenes Ei hinein. Der Stich tötet das Originalei, von dem sich die aus dem Wespenei geschlüpfte Larve dann ernährt.

Zwar gibt es unzählige Internetseiten von Händlern, die Schlupfwespen zum Versand anbieten, genaue Zahlen wie viele Dörrobstmottenplagen pro Jahr auf diese Weise bekämpft werden, gibt es jedoch nicht. Dass es nicht wenige sind, steht zu vermuten - alleine die Firma, an die sich Susanne Ganzer wandte, beliefert pro Jahr 10 000 Haushalte.

Die letzten Schlupfwespen, die Susanne Ganzer ausgesetzt hatte, fanden übrigens keine Dörrobstmotten mehr. Weder im schrank, noch irgendwo sonst in der Wohnung. Und so verschwanden die Tiere entweder durch das geöffnete Fenster, oder sie starben. So lautlos und unauffällig, wie sie auch gearbeitet hatten.

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