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03. Januar 2013

Schönheitswahn : "Ich habe Franken-Mom erschaffen"

 Von Henriette Kuhrt
US-Momshell Beyonce: Vom Babyspeck ist nichts mehr übrig.  Foto: dpa

In Hollywood geht gutes Aussehen über alles. Gerade bei jungen Müttern ist der Druck, einen perfekten Körper zu haben, groß. Eine Boulevard-Journalistin befeuert den Trend.

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In Hollywood geht gutes Aussehen über alles. Gerade bei jungen Müttern ist der Druck, einen perfekten Körper zu haben, groß. Eine Boulevard-Journalistin befeuert den Trend.

Die Hollywood-Schauspielerinnen Drew Barrymore und Reese Witherspoon haben einen, die Sängerinnen Jessica Simpson, Adele und Pink neuerdings auch und Beyoncé sowieso: einen Post-Baby-Body.

So nennen Amerikaner den Körper einer Frau nach der Geburt ihres Kindes, und schon die Tatsache, dass es dafür ein neues Wort gibt, macht deutlich, dass es auch ein neues Phänomen ist. Eine normale Frau mag nach der Geburt einfach wieder auf die Straße gehen, ein echter Hollywood-Star gibt sein „Baby-Body-Debüt“, ganz so, als handle es sich dabei nicht um einen selbstverständlichen Vorgang, sondern um ein Broadway-Stück mit Glitter und Konfetti.

"Baby Weight Loser des Jahres"

Mit dem Post-Baby-Body qualifizieren sich weibliche Stars als Protagonistinnen zahlreicher Geschichten über Mutterschaft und Fitness, Sex-Appeal und Selbstdisziplin, Liebe zu Kind und Mann und die Macht der Schwerkraft. Allein Jessica Simpson brachte es in den fünf Monaten nach der Geburt ihrer Tochter auf über einhundert Titelzeilen, die sich ausschließlich mit ihrem Kampf gegen das Übergewicht befassten, und wahrscheinlich kann man schon ganze Archive damit füllen, wie es Heidi Klum nach der Geburt ihrer vier Kinder jeweils in Rekordzeit schaffte, wieder in Spandex-Unterwäsche über den Laufsteg zu schreiten.

Jennifer Lopez erklärte nach der Geburt ihrer Zwillinge, dass sie seither jeden Tag eine halbe Stunde Konditionstraining mit Extra-Gewichten mache (und wurde dafür von einem US-Magazin zum „Baby Weight Loser“ des Jahres gewählt). Jessica Alba folgte einem Fitnessprogramm mit dem Supertitel „3-2-1 – Baby Bulge be gone“, Pink ernährte sich vegetarisch und die tolle Julianne Moore holte sich eine Fitnesstrainerin, die „meinem Körper erst einmal klar machte, dass ein neuer Sheriff in der Stadt war“.

Die Frau, die diese Entwicklung in Gang gesetzt hat, ist die Journalistin Janice Min. Als Redaktionsleiterin des Branchenblatts Hollywood Reporters gilt sie als eine der mächtigsten Figuren der Branche. Doch zuvor hatte sie als Chefredakteurin des Promi-Quatsch-Blatts Us Weekly die sexy Hollywood-Mom zum Dauerthema erhoben. „Ich gab den Lesern genau das, was sie haben wollten“, schrieb sie in der New York Times, „junge hübsche Mütter und ihre Babys.“ Das kam gut an: Die Auflage des Hefts stieg von 800.000 auf 1,9 Millionen Exemplare – eine Sensation auf dem hartumkämpften Markt. Egal ob zufällige Paparazzibilder vom Spielplatz oder arrangierte Porträts, ein lukratives Geschäft mit Familienbildern entstand. Eine Fotoserie von Angelina Jolie, Brad Pitt und ihren Zwillingen war dem People-Magazin angeblich 15 Millionen Dollar wert.

Die adrette Hollywood-Mutter symbolisiert den ultimativen Frauentraum: die erfüllende Erfahrung der Mutterschaft zu erleben, ohne dabei ärgerliche Abstriche beim Sex-Appeal machen zu müssen. Diese Sehnsucht haben auch Frauen, die in Hollywood als „Zivilistinnen“ bezeichnet werden; also ganz normale Menschen, die weder hauptberuflich Unterwäsche präsentieren noch dazu gezwungen sind, beim Verlassen ihres Hauses den Bauch einzuziehen, weil Fotografen in der Einfahrt lauern. Für die Mütter unter ihnen gibt es die „Bellybutton“-Kosmetiklinie gegen Schwangerschaftsstreifen und Buggyrunner-Kurse, in denen sie in Gruppen mit ihren Kinderwagen durch die städtischen Parks joggen. Beliebt ist auch das Gesamtpaket aus der Schönheitschirurgie, das sogenannte Mummy Makeover.

Die Franken-Mom

Der schweizerische Schönheitschirurg Nikolaus Linde bietet dieses Paket aus Fettabsaugung, Brustkorrektur und Raffung schlaffer Bauchhaut in seinen Kliniken in St. Gallen und Zürich an. Die Zahl der Frauen, die nach diesem Eingriff verlangten, sei in dieser Zeit zweistellig gewachsen, sagt er. Für Daniel Thome, plastischer Chirurg beim deutschen Klinikverbund Medical One, ist die Popularität des „Mummy Makeovers“ eine Folge der Berichterstattung über jene Stars, die kurz nach der Entbindung wieder eine Topfigur haben. „Wenn man sieht, welche Methoden Supermodels zur Verfügung stehen, und dass es bei ihnen gut läuft, dann sinkt die Hemmschwelle, das selber auszuprobieren.“ Durch das Internet seien seine Patientinnen gut über Methoden, Risiken, Preise und Dauer der OPs informiert – „und das geht durch alle Schichten“, sagt er.

Die Post-Schwangerschaftsfigur ist für eine heutige Mutter also keine Frage der Gene. Es ist ein Makel, nichts, womit man sich abfinden muss, sondern ein käufliches Produkt. Schönheit ist nicht mehr Ausnahme, sondern Regel.

Für die sexy Mama werden gerade erst die Begrifflichkeiten gefunden. In England und Amerika gibt es den Begriff der Momshell, eine sprachliche und phänotypische Legierung aus Mom und Bombshell (Sexbombe). Ein anderes Wort ist die „Yummie Mummie“ (leckere Mutti), gefolgt von MILF, einem Begriff aus der Pornosprache: Mother I’d Like to Fuck. Das mag auf den ersten Blick etwas befremdlich erscheinen, doch diese Bezeichnung ist schon längst im deutschsprachigen Mainstream angekommen – und zwar als Kompliment. So betitelte die Frauenzeitschrift Brigitte Mom, ein Magazin, das sich ausschließlich an junge Mütter richtet, eine Modestrecke mit folgenden Worten: „Vorher-Nachher-Styling: Eben noch Muddi, dann MILF“. Und der Spielzeughersteller Playmobil brachte die passende Spielfigur dazu auf den Markt: die „Mama mit Babyjogger“, eine weibliche Figur, die einen Sport-Kinderwagen vor sich herschiebt.

„Ich habe „Frankenmom“ erschaffen“, beklagt Chefredakteurin Janice Min diese Entwicklung, so als sei die hübsche Mutter eine künstlich zusammengeflickte Gruselgestalt, die jetzt untot durch die Welt geistert. Min jedenfalls verdient weiterhin an dem Thema und veröffentlichte kürzlich den Ratgeber „How to look hot in a Minivan“. Darin geht es um die Schönheitsgeheimnisse der Hollywood-Mütter; einer ihrer Tricks: „Tragen Sie nach der Geburt eine Statement-Kette“ – denn ein auffälliges Schmuckstück lenke den Blick vom Körper auf das Dekolleté. Ganz einfach. Und ganz ohne Operation.

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