Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

17. Dezember 2012

Schulpsychologe zum Amoklauf: Wie erkläre ich so etwas meinem Kind?

Eltern müssen mit ihren Kindern ruhig und sachlich sprechen. (Symbolbild) Foto: dpa

Viele Eltern sind verunsichert, wie sie mit ihren Kindern über den Amoklauf in den USA reden sollen. Der Schulpsychologe Stefen Drewes gibt Tipps zum Umgang mit dem Amoklauf.

Drucken per Mail
Berlin –  

Stefen Drewes, Leiter der Sektion Schulpsychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Düsseldorf, empfiehlt ein offenes Gespräch. Es sei völlig falsch, wenn man versuche, die Kinder vor solchen Nachrichten zu schützen.

Selbst Erwachsene sind fassungslos angesichts des Amoklaufs in Newtown. Wie erkläre ich eine solche Tat meinem Kind?

Alle Eltern sollten sich im Klaren darüber sein, dass fast alle Kinder in irgendeiner Form Nachrichten über den Amoklauf mitbekommen haben. Man kann sein Kind also vor dieser Information nicht mehr schützen. Das bedeutet, dass viele Kinder verunsichert oder auch verängstigt sind. Je kleiner das Kind ist, desto verunsicherter wird es sein. Das heißt, es wird sich fragen, kann so etwas auch in meinem Kindergarten, in meiner Grundschule passieren. Eltern oder auch Erzieher sollten dann deutlich machen, dass das, was in den USA passiert ist, ein sehr außergewöhnliches Ereignis ist. Und dass die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas hier passiert, höchst gering ist.

Was macht den Kindern am meisten Angst, wenn sie die Nachricht über ein solches Verbrechen hören?

Kinder brauchen die Gewissheit, dass sie in ihrem nahen Umfeld sicher sind. Wenn das Kind noch sehr klein ist, würde ich ihm erklären, dass der Täter ein Mensch war, dem es sehr schlecht ging. Der vielleicht verwirrt oder krank war und deshalb die Tat begangen hat. Wichtig ist, dass Eltern sachlich und ruhig bleiben und ihre eigene Betroffenheit, die eigene Angst nicht den Kindern zeigen. Auch kleine Kinder spüren schon, wenn die Eltern verängstigt sind. Und diese Ängste übertragen sich auf die Kinder. Es verunsichert die Kinder, wenn die Eltern aus Angst ihre Kinder plötzlich wieder selber in die Schule bringen wollen.

Was ist mit den älteren Kindern? Wie viel Wahrheit verträgt ein zehnjähriges Mädchen?

Ab der vierten Klasse beschäftigen sich die Kinder schon anders und auch stärker mit einem solchen Ereignis. Manche wissen dann vielleicht, dass so etwas Ähnliches auch hier schon passiert ist. Aber auch da sollten Eltern deutlich machen, dass es keine Hinweise gibt, dass so etwas hier im näheren Umfeld der Kinder passiert. Eltern sollten natürlich auch versuchen, auf einer etwas abstrakteren Ebene zu erklären, wie es zu so einer Tat kommen kann. Warum Menschen so etwas tun. Wenn die Kinder älter sind, sollte man mit ihnen auch besprechen, wie man sich in so einer Situation verhalten kann.

Keine Fernsehberichte anschauen

Das heißt, die Gefahr, dass durch solche Gespräche möglicherweise Ängste erst recht verstärkt werden, besteht nicht?

Diese Gefahr besteht eher, wenn man nicht darüber spricht. Natürlich sollte man nicht über Details reden und auch mit Grundschulkindern keine Fernsehberichte über den Ablauf des Amoklaufs anschauen. Bei älteren Kindern über zwölf ist es aber durchaus sinnvoll mit ihnen auch ausführlicher über den Amoklauf zu reden, wenn sie danach fragen und es wissen wollen. Aber auch da gilt es, keine Ängste zu schüren, dass zum Beispiel ein Mitschüler, der sich seltsam verhält, Ähnliches tun könnte. Das Schlimmste wäre, nicht darüber zu reden und versuchen, das Thema auszublenden.

Was ist, wenn das Kind von sich aus den Amoklauf gar nicht anspricht. Sollte man es trotzdem thematisieren?

Stefen Drewes, Leiter der Sektion Schulpsychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Düsseldorf
Stefen Drewes, Leiter der Sektion Schulpsychologie des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen in Düsseldorf
Foto: Privat

Ich würde das empfehlen. Man sollte das Kind fragen, ob denn im Kindergarten oder in der Grundschule darüber gesprochen wurde, dass in den USA etwas Schreckliches passiert ist. Dann würde ich fragen, was es denn gehört hat, es erzählen lassen und bei kleineren Kindern vorsichtig sachliche Informationen geben. Ab der dritten Klasse sollte man durchaus auch fragen, was denn die anderen Mitschüler und Freunde sagen und was das Kind selbst darüber denkt. Vorsichtig sollte man bei Kindern sein, die schon traumatisierende Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben. Der Amoklauf kann neue Ängste und Erinnerungen auslösen, die dringend aufgefangen werden müssen.

Sollten Schulen den Amoklauf im Unterricht aufgreifen?

Ja. Wenn Kinder etwas sehr stark bewegt, sollte es auch in der Schule thematisiert werden. Lehrer dürfen nicht darüber hinwegsehen, wenn eine Klasse sehr verunsichert und verängstigt ist.


Das Interview führte Mira Gajevic

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2014: 31. Oktober

Das aktuelle Kalenderblatt für den 31. Oktober 2014: Mehr...

Videonachrichten Panorama
Fotostrecke
Costa Concordia

Das Wrack der Costa Concordia fasziniert - möglicherweise wegen des starken Kontrasts, der ihm innewohnt. Hier der verbogene und angerostete Teil, der eineinhalb Jahre unter Wasser lag. Dort jene farbenfrohen Flächen, die den Eindruck vermitteln, es sei nichts passiert. Wir haben einige Motive im Großformat zusammengestellt: Zur Premium-Galerie.

Videonachrichten Leute
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.