"Mein Vater war ja Zivilist und nie Soldat. Er war ja nie politisch aktiv. Er hatte eine Verantwortung für die Angestellten in seiner Fabrik." Jahrzehntelang hat Schwedens Königin Silvia über die Nazi-Vergangenheit ihres 1990 verstorbenen Vaters geschwiegen. Jetzt hat sie sich in einer TV-Dokumentation über das Königsgeschlecht Bernadotte erstmals zu diesem heiklen Thema geäußert, doch ihre verharmlosenden und ausweichenden Antworten haben heftige Kritik ausgelöst.
Die Königin habe sich zu "schweren Fragen vage verhalten und Verteidigungsstellung bezogen", heißt es im konservativen "Svenska Dagbladet". Statt Klarheit zu schaffen, habe sie "neue Fragezeichen zur Rolle der Familie in Nazideutschland hinzugefügt", meint der Publizist Kaj Schueler. Dass Walther Sommerlath nie Soldat war, sei irrelevant, unterstreicht der Historiker Henrik Arnstad: "Ein Großteil der Nazi-Elite waren Zivilisten". Wenn Silvia behaupte, dass das System eine "Maschinerie" war, gegen die man sich nicht stellen konnte, verdrehe sie historische Tatsachen. Parteimitglied wurde man nicht aus Zwang. Sommerlath trat der NSDAP 1934 bei, damals lebte er in Brasilien. Mitglieder der Auslandsabteilung mussten sich verpflichten, "für die Idee des Nationalsozialismus zu kämpfen". "Nicht viel spricht dafür, dass er gezwungen war", kommentiert die Zeitung "Sydsvenskan".
Der 1901 in Heidelberg geborene Walther Sommerlath wanderte anfang der 20er Jahre nach Brasilien aus, wo er in São Paolo in einer Stahlfabrik arbeitete.
1938 kehrte er mit seiner brasilianischen Frau Alice Soares de Toledo in seine Heimat zurück, und leitete in Berlin eine Fabrik für die Herstellung von Kriegsmaterial, bis diese 1943 von den Bomben der Alliierten zerstört wurde. Im selben Jahr wurde Silvia als jüngste von vier Geschwistern geboren.
1947 reiste die Familie wieder nach Brasilien, wo der Vater die Filiale des schwedischen Stahlkonzerns Uddevalla leitete, 1957 kehrte sie nach Heidelberg zurück. Walther Sommerlath starb 1990.
Silvia will den Parteibeitritt "psychologisch" deuten: "Man muss sich erinnern, wie Deutschland sich plötzlich aus der Asche erhob. Diese Freude, dass das Vaterland zurückkommt, die machte, dass mein Vater Deutschland unterstützte, und da wurde er Parteimitglied. Aber politisch aktiv war er nicht." Wieder falsch, sagt Arnstad: "Damals erhob sich Deutschland nicht aus der Asche, damals begann die Barbarei." In ihrer deutschen Heimat wären Silvias Ansichten heutzutage "völlig unmöglich" und würden den, der sie äußert, zum Rücktritt zwingen, meint der Zeitgeschichtler.
1938 kehrte Sommerlath nach Deutschland zurück, wo Silvia fünf Jahre später in Heidelberg geboren wurde. Ihr Vater leitete eine Fabrik, die unter anderem Gasmaskenteile herstellte. In Schweden spielte all dies keine Rolle, als König Carl Gustaf 1976 seine deutsche Braut in Stockholm zum Altar führte. Sommerlath bestritt damals alle Verbindungen zum Nazi-Regime. Erst 2002 deckte der Historiker Mats Deland im Syndikalisten-Blatt "Arbetaren" die NSDAP-Mitgliedschaft von Carl Gustafs Schwiegervater ab. Der Hof wiegelte jahrelang alle Nachfragen mit der Feststellung ab, dass Walther Sommerlath kein Mitglied des Königshauses war. Man hätte Zeit genug gehabt für die Wahrheitssuche, meint Kaj Schueler, "doch leider wählte man die Abwiegelung". Die Geschichte der Königsfamilie sei "keine Privatsache, sondern Teil der schwedischen Geschichte".
Auch über das Verhältnis von Carl Gustafs Vorfahren zum "Dritten Reich" wird in Schweden nicht viel gesprochen. Sein Vater, Erbprinz Gustaf Adolf, heiratete die Tochter einer dem Nazi-Regime sehr nahe stehenden Familie, traf Hitler und Göring und besuchte die Ostfront, so dass "nicht alle trauerten, als er 1947 bei einem Flugzeugabsturz starb", wie Arnstad bemerkt. Der damalige König Gustaf V. galt als kritischer, doch auch er schrieb 1941 einen Brief an Hitler, in dem er ihm zu den Erfolgen an der Ostfront gratulierte. Als Ministerpräsident Per Albin Hansson von den Schreiben erfuhr, stoppte er es, worauf der König den deutschen Botschafter einberief und ihm den Inhalt vorlas, mit herzlichen Grüßen an "den Führer". "Dazu hat bis heute niemand im Haus Bernadotte Stellung bezogen", pointiert der Staatsrechtler Klaus Rothstein.
"Der Staatschef ist Schwedens Gesicht nach außen hin, und da gibt es keinen Platz für Unklarheiten bei Fragen zu Nationalsozialismus und Holocaust", schreibt Henrik Arnstad. Thronfolgerin Victoria scheint dies klarer zu sehen als ihre Eltern. "Die Grundlage, auf der unsere Demokratie beruht, ist eine offene und kritische Debatte", sagte sie kürzlich in einem Interview. "Richtig", kommentiert "Sydsvenskan", "aber dann sind auch offene und ehrliche Antworten gefordert."
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