Das Telefon klingelt und klingelt. "Hier tobt der Bär", stöhnen Sprechstundenhilfen unisono. So wie Nina Friedberger, der am Empfang einer Kinderarztpraxis in Langen die Ohren glühen. "Ich fühle mich wie ein Tonband", seufzt auch die Sprechstundenhilfe einer Frankfurter Praxis und beginnt ihren Text herunterzubeten, wer sich wann impfen lassen soll. Die Anruferin, die an einer chronischen Nebenhöhlenentzündung leidet, kommt erst gar nicht zu Wort, bevor sie dann einen Impftermin für den 17. November hat. Früher geht nicht - unter anderem, weil es nicht genügend Personal gibt, um alle Impfwünsche sofort zu erfüllen.
Neue Todesfälle, so wie die am Freitagmorgen verstorbene Schülerin in Kassel, geschlossene Schulen quer durchs Land, Warnungen vor einer zweiten Welle von Infektionen mit dem Virus H1N1: Zwei Wochen nach dem schleppenden Beginn der Massenimpfung gegen Schweinegrippe in Hessen hat die Angst vor der Erkrankung neue Ausmaße angenommen. Am Montag sind nach Angaben des hessischen Gesundheitsministeriums bereits 1806 Menschen als mit dem Virus infiziert gemeldet.
Trotz des plötzlichen Ansturms auf die Praxen ist die Schweinegrippe nach Einschätzung des Virologen Hans W. Doerr nach wie vor nicht gefährlicher als die saisonale Grippe. Es gebe keine Hinweise darauf, dass das Virus aggressiver geworden sei. Dass der Krankheitsverlauf im Winter oft schwerer ausfalle als im Sommer, sei normal. Dennoch: Vor allem Schwangere und Eltern machen sich große Sorgen. So wie Kim B. , die ihr zweites Kind erwartet. Ihr erstes Kind ist gerade drei. Während sie noch unschlüssig ist, ob sie es impfen lassen soll, wollte sie sich selbst sofort schützen. Sie greift zum Taschentuch und schneuzt sich: "Ich kriege im Moment sowieso alles ab. Das ist jetzt schon die vierte Erkältung seit September."
Bürger haben immer noch viele Fragen
Doch in der Gemeinschaftspraxis ihres Hausarztes ist der Impfstoff ausgegangen. Mehr als 200 Menschen stehen auf der Warteliste. Chantal W. wiederum hatte Glück. "Mein Kinderarzt hatte neun Kinder zusammen, es müssen ja immer zehn sein, da konnte mein sechsjähriger Sohn schnell den Pieks bekommen." Den ersten, wohlbemerkt, denn Kinder brauchen zwei Impfungen. Das und mehr sagt Sprechstundenhilfe Nina Friedberger wie ein Mantra in den Hörer. "Die Menschen haben immer noch Fragen über Fragen."
Von denen sieht sich auch der Frankfurter Kinderarzt Thomas Berger seit Ende voriger Woche regelrecht überrollt. Ab dieser Woche, sagt er, beginnt auch er mit Impfungen, "aber nur gefährdete Kinder" - chronisch kranke, behinderte. Bislang hatte Berger wie das Gros seiner Kollegen in Frankfurt nicht zur Impfung geraten, bei gesunden Kindern bleibt er nach wie vor zurückhaltend. Drei Packungen à zehn Impfportionen hat Berger nun bestellt und aufwändigst mit Einverständniskeitserklärungen die Impfwilligen einbestellt. "Aber ob ich den Stoff bekomme, ist noch offen."
Nächste Woche mehr Impfstoff
Das kann auch Bernd Bähr, Chef der Rotlintapotheke im Nordend, nicht garantieren. Er ist einer von zehn Apothekern in Frankfurt und von 100 in Hessen, die den Impfstoff Pandemrix an Hausärzte abgeben dürfen. 30 Prozent aller Bestellungen kann er bisher abdecken. "Der Rest ist offen." Probleme bei der Herstellung des Impfstoffs hätten vorige Woche den Engpass ausgelöst, sagt Bähr. Dass der ausgerechnet mit dem massenhaften Sinneswandel von Impf-Skeptikern zusammenfällt, sei Pech. "Diese Woche wird´s noch eng, aber nächste Woche gibt es wieder Stoff genug."
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