Bonn. Experten rechnen mit einer neuen Welle der Schweinegrippe in Deutschland. Es gebe eine drastische Zunahme der Erkrankungen in Süddeutschland, sagte der Leiter des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Bonn, Prof. Christian Drosten, am Montag in Bonn. Er gehe davon aus, dass die Welle von Süden aus in einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen über Deutschland hinwegziehen werde.
Drosten rief dringend dazu auf, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. "Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann."
Am Freitagabend war in der Bonner Klinik eine 48 Jahre alte Mutter von vier Kindern an den Folge einer Schweinegrippeinfektion gestorben. Sie hatte keine bekannten Vorerkrankungen, die den schweren Krankheitsverlauf erklären würden.
Zuverlässige Angaben über die Zahl der Erkrankungen gibt es nach Angaben Drostens zur Zeit nicht. Nicht jeder Patient werde auf Schweinegrippe getestet, da das im Gesundheitssystem so nicht zu bezahlen wäre. Die derzeit verfügbaren Schnelltests seien "sehr schlecht gegen das neue Virus". Eine Studie seines Hauses habe ergeben, dass fast 90 Prozent dieser Untersuchungen falsch negativ seien. Die Wahrscheinlichkeit sei sehr hoch, dass mit diesem Schnelltest das Virus übersehen werde. Notwendig sei eine sehr viel aufwendigere molekularbiologische Untersuchung (PCR). Der Schnelltest werde daher in Deutschland nur noch selten benutzt.
3000 Fälle der Neuen Grippe pro Woche
Das Robert Koch-Institut (RKI) rechnet mit weiteren Todesfällen. "Die Welle, die wir für den Herbst erwartet haben, hat begonnen", sagte RKI-Präsident Jörg Hacker am Montag in Berlin. Neue Todesfälle und schwerere Krankheitsverläufe seien für die Zukunft nicht auszuschließen. Hacker wertete es als "Warnsignal", das es bei einer der sechs gestorbenen Schweinegrippe- Patienten in Deutschland keine Vorerkrankungen gab. Zuletzt registrierte das RKI Ende Oktober rund 3000 Fälle der Neuen Grippe pro Woche. Die meisten Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner leben in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern.
Seit Mitte Juni sind für Deutschland fast 30.000 Schweinegrippe- Fälle registriert. In der Realität dürften es weitaus mehr sein, da nicht jeder Kranke zum Arzt geht. Hacker spricht von einer "partiellen Untererfassung". In Europa sind bisher 317 Schweinegrippe-Tote gemeldet, die meisten in Großbritannien.
Bei der Frage, wer sich unbedingt gegen Schweinegrippe impfen lassen soll, schließt er sich den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission an: medizinisches Personal, Schlüsselpersonal der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, chronisch Kranke und Schwangere nach einer individuellen Beratung. Und die normale Bevölkerung? "Es gibt keine Impfpflicht. Jeder muss selbst wissen, wie er sich zu der Impfung verhält", sagte Hacker.
Die möglichen Nebenwirkungen wie Reaktionen an der Einstichstelle oder kurzzeitiges Fieber seien bekannt. Um die Grippewelle einzudämmen sei es aber günstig, wenn sich viele Menschen impfen ließen. Hacker selbst geht mit guten Beispiel voran. Er lässt sich gleich doppelt pieksen: gegen die saisonale Grippe und gegen die Schweinegrippe. Jeder kann sich und andere zudem durch einfache Regeln schützen: Häufig die Hände waschen und beim Husten oder Niesen nicht die Hand vor das Gesicht halten sondern die Armbeuge.
Hacker hält die Diskussion um die Schweinegrippe nicht für Panikmache. "Man muss die Todesfälle sehen", betonte er. Die enge Verbindung zwischen Pharmaindustrie und Impfkommission sieht er auch nicht per se als kritikwürdig an. "Impfstoffe müssen produziert werden", sagte er. Ohne eine "Interaktion" mit Wissenschaftlern, die das Virus bewerten, sei das nicht möglich. "Die Verbindungen zu Unternehmen werden transparent gemacht", betonte der RKI-Präsident. Beim Anschein von Befangenheit würden Mitglieder der Kommission bei Besprechungen den Raum verlassen. Hacker betonte aber auch, dass die Impfkommission unabhängig vom RKI arbeite.
Bis auf die steigenden Krankheitszahlen hatte er auch gute Nachrichten: Das Schweinegrippe-Virus hat sein Erbgut nach wie vor nicht verändert. Es gibt also bisher keine Steigerung seiner krankmachenden Wirkung. In Deutschland seien bei 400 Untersuchungen auch keine Virus-Varianten entdeckt worden, die nicht auf das Medikament Tamiflu ansprachen. Eine Entwarnung ist das nicht. Wie bereits im Sommer betonte Hacker, dass das Virus mutieren kann. (dpa)
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