Schulen und Kindergärten sind dicht, in Kinos und Konzertsälen herrscht Stille, neun Bezirke des Landes stehen unter Quarantäne: Die Menschen in der Ukraine sehen sich drastischen Einschränkungen ausgesetzt, seit das Land plötzlich in den Brennpunkt der Schweinegrippe-Epidemie gerückt ist. Die Zahl der Grippetoten steigt stündlich. Inzwischen seien mehr als 50 Menschen in der von der Schweinegrippe betroffenen Region im Westen des Landes gestorben, erklärte gestern Präsident Viktor Juschtschenko.
Von über 184.000 Erkrankungsfällen berichtet das Gesundheitsministerium in Kiew, rund 200 Menschen schwebten in Lebensgefahr. Dabei wurden nach offiziellen Angaben erst 14 Fälle des Virus vom Typ A/H1N1 nachgewiesen. Besonders betroffen von der aktuellen Epidemie sind die Regionen Ternopil, Lwiw (Lemberg) und Iwano-Frankiwsk. Die Krankenhäuser dort sind inzwischen hoffnungslos überfüllt.
Die ukrainische Führung hat Militärärzte und Reservisten abgestellt, die sich um die wachsende Zahl an Patienten kümmern sollen. Inzwischen kommt es im ganzen Land offensichtlich zu einem dramatischen Mangel an Grippe-Medikamenten. Die Apotheken sind praktisch leer gekauft. Das Gesundheitsministerium hatte noch am Samstag die Apotheker im Land gewarnt, Profit aus der Krise schlagen zu wollen. Jeder, der die Preise für Grippe-Medikamente erhöhe, werde schwer bestraft. Die Realität aber sieht aber offensichtlich anders aus. Immer wieder wird gemeldet, dass Ärzte und Apotheker für das Grippemittel Tamiflu fast 400 Euro verlangen würden. Das ist über zehn Mal mehr als der übliche Marktpreis. Ausverkauft sind auch Zwiebeln, Knoblauch und Wodka, alte Hausmittel zur Bekämpfung von Erkältungen.
Die Politiker des Landes haben die Bekämpfung der Grippewelle überraschend schnell als Wahlkampfthema erkannt und überschlagen sich mit Anordnungen. Im Januar wird in der Ukraine ein neuer Präsident bestimmt. So warnte Premierministerin Julia Timoschenko davor, Panik zu verbreiten, ließ aber medienwirksam im ganzen Land Massenveranstaltungen verbieten - wozu allerdings auch Wahlkampfauftritte zählen.
Präsident Viktor Juschtschenko erklärte, dass er den dramatischen Mangel an Arzneimitteln und Schutzmasken abstellen werde. So ordnete er die Betriebe des Landes an, mehr Masken herzustellen und rief persönlich bei seinem polnischen Kollegen Lech Kaczynski an, dass dieser ihn mit zusätzlichen Medizinlieferungen unterstützen möge.
Inzwischen haben auch zahlreiche Länder der Ukraine ihre Hilfe angeboten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will eine Gruppe von Experten in den Westen der Ukraine schicken, um die Gefahrenlage zu klären.
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