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Schweinegrippe: Schwangere sollen nicht verreisen

Frauenärzte warnen Schwangere angesichts der Schweinegrippe-Pandemie vor Reisen, Konzerten und sogar Küssen. Ein Impfstoff könnte bis November auf sich warten lassen.

Bis ein Impfstoff gegen Schweinegrippe zur Verfügung steht, könnte es noch Monate dauern.
Bis ein Impfstoff gegen Schweinegrippe zur Verfügung steht, könnte es noch Monate dauern.
Foto: ddp

Osnabrück. Der Berufsverband der Frauenärzte hat die Schwangeren in Deutschland angesichts der Schweinegrippe zu Vorsichtsmaßnahmen aufgerufen. In einem Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte der Impfexperte des Verbandes, Michael Wojcinski, Schwangere sollten auf Reisen, den Besuch von Massenveranstaltungen wie Konzerte, Fußballspiele und Volksfeste sowie aufs Küssen und Händeschütteln verzichten.

Wojcinski warnte gleichwohl vor Panikmache: "Viele Schwangere sind durch die aktuelle Debatte über das Virus H1N1 tief verunsichert, aber es gibt derzeit keinen Grund, sich große Ängste zu machen." Werdende Mütter sollten bei Erkrankungsverdacht möglichst zu Hause bleiben und telefonisch ihren Arzt um Rat fragen sowie im beruflichen Umfeld die Hygienevorschriften - wie unter anderem häufiges Waschen der Hände - beachten, riet der Frauenarzt.

Dass Schweizer Frauenärzte Patientinnen dazu rieten, derzeit auf eine geplante Wunschschwangerschaft zu verzichten, bis die Grippewelle vorbei ist, hält der deutsche Berufsverband für übertrieben. "Auch in Zeiten der Schweinegrippe können Frauen ohne Sorge Kinder bekommen", sagte Wojcinski.

Impfstoff noch im September "unrealistisch"

Die Massenimpfung gegen Schweinegrippe wird nach Ansicht eines Mikrobiologen frühestens Mitte November starten können. "Ende September ist eine Vorgabe, die durch nichts untermauert ist", sagte Prof. Tino Schwarz, Facharzt für Medizinische Mikrobiologe und Infektionsepidemiologie vom Juliusspital in Würzburg, am Donnerstag in einem Gespräch mit der dpa. Schwarz wird vom 7. August an den Grippeimpfstoff an der Klinik in vier Studien testen. Etwa zwei Monate später werde es erste Ergebnisse geben. Hinzu kämen verschiedene Zulassungsformalitäten.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Jörg Hacker, und Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder hatten die Erwartung geäußert, dass der Impfstoff gegen das Virus "Ende September, Anfang Oktober" zur Verfügung steht. "Das ist unrealistisch", sagte Schwarz. "Wir sind gar nicht fertig bis dahin", ergänzte er mit Blick auf die Studien, die parallel in etwa 15 Zentren in Europa anlaufen - darunter auch in Hamburg, Rostock, München und Mainz.

Die Bundesländer haben insgesamt 50 Millionen Impfdosen bestellt. Bundesweit waren laut Robert Koch-Institut am Mittwoch 5324 Schweinegrippe-Fälle bestätigt. Ihre Zahl war binnen eines Tages um 879 gestiegen.

Auch Pharmakonzerne sind skeptisch, die angeforderten Mengen an Schweinegrippe-Impfstoff bis September ausliefern zu können. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hatte bereits gemeldet, dass die Saatviren für den Impfstoff sich schlechter vermehren als erwartet.

Personalprobleme bei Massenimpfung

"Wir arbeiten intensiv daran, das Verfahren anzupassen und die derzeitigen Ausbeuten zu verbessern", sagte Novartis-Sprecher Eric Althoff in Basel. "Wir erwarten, dass wir die Daten der klinischen Studien im September einreichen können. Vorbehaltlich der Zulassung bedeutet das einen Beginn der Auslieferung im vierten Quartal." Der Konzern GlaxoSmithKline (GSK), der in Dresden Impfstoff herstellt plant zwar die erste Auslieferung für Ende September oder Anfang Oktober. "Ob dann aber alle angeforderten Mengen so ausgeliefert werden können wie geplant, ist noch nicht gewiss", sagte Sprecherin Daria Munsel in München.

Selbst wenn die Auslieferung nun etwas länger dauere, sei das nicht so problematisch, denn es komme vor allem darauf an, dass es einen Impfstoff gebe, der eine gute und breite Wirkung erziele, sagte die Sprecherin des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, Susanne Stöcker.

Auch nach Auffassung des Epidemiologen Schwarz ist es noch rechtzeitig, wenn der Impfstoff nach Studien und Zulassung im November ausgeliefert wird. Eine Impfung im Januar sei dagegen fast schon zu spät. An den geplanten Impfstoffstudien sollen insgesamt gut 2000 Menschen im Alter zwischen 6 Monaten und 99 Jahren an den Tests teilnehmen. "Dass der Impfstoff wirkt, daran besteht überhaupt kein Zweifel." Dennoch müsse nun herausgefunden werden, welche Dosis schütze.

Nach Worten des Virusexperten gibt es aber noch ein weiteres Problem: Wenn 25 Millionen Deutsche geimpft werden sollen - zwei Impfungen sind nötig - braucht es auch entsprechend viel Personal dafür. "Das heißt, wir brauchen 50 Millionen Impfungen, die sich auf Hausärzte, Betriebsärzte, Impfzentren und den öffentlichen Gesundheitsdienst runterbrechen lassen müssen."

Zudem werde es nicht unbegrenzt Ampullen geben. Andere Länder hätten dieselben Rechte auf die Impfdosen wie Deutschland und wollten zur selben Zeit mit dem Impfen anfangen. "Gerade bei Grippeimpfstoffen haben wir die letzten Jahren oft erlebt, dass die geplante Menge an Dosen dann doch nicht da war oder erst verzögert nachgeliefert worden ist."

In den USA soll gut die Hälfte der Bevölkerung - bis zu 160 Millionen Menschen - rasch Zugang zu einem Impfstoff gegen die Schweinegrippe erhalten. Ein Expertenausschuss der US- Gesundheitsbehörde CDC stellte eine Liste der Gruppen auf, die bei der Immunisierung Vorrang erhalten sollen, sobald der Impfstoff erhältlich ist. Die CDC geht aber davon aus, dass sich nur ein Bruchteil von ihnen impfen lassen wird. (ddp, dpa)

Datum:  31 | 7 | 2009
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