Hongkong/Berlin/Mexiko-Stadt/Washington. Die Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, hat vor einer zweiten, heftigeren Welle der Schweinegrippe gewarnt. Der derzeitige scheinbare Rückgang der Sterblichkeitsrate bedeute nicht, dass die Grippewelle zuende gehe, sagte Chan der britischen "Financial Times" vom Montag. "Wir hoffen zwar, dass das Virus sich totläuft", sagte Chan. Doch könne eine zweite Schweinegrippe-Welle jederzeit "mit aller Macht" zuschlagen. Wenn das geschehe, "steht uns ein großer Ausbruch bevor".
"Ich sage jetzt nicht, dass eine Pandemie losbricht", betonte die WHO-Chefin: "Aber wenn ich etwas versäume, und wir bereiten uns nicht richtig vor, bin ich gescheitert. Ich treffe lieber zuviel als keine Vorsorge."
Das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert über die Telefonnummer 030-187544161 über das neue Influenzavirus. Die Nummer ist montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr erreichbar.
Das Gesundheitsministerium bietet eine kostenlose Informationshotline zur Schweinegrippe an. Unter der Nummer 0800-4400550 können sich die Bürger informieren. Sie ist montags bis donnerstags zwischen 8 und 18 Uhr, freitags zwischen 8 und 12 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen zwischen 10 und 16 Uhr zu erreichen.
Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) kann bei der Schweinegrippe weiterhin keine Entwarnung geben. Hierfür sei es sicherlich zu früh, sagte RKI-Präsident Jörg Hacker am Montag im ZDF-"Morgenmagazin". Es kämen bei den Infektionen noch Länder hinzu, und die internationalen Zahlen stiegen noch. "Wir müssen in Deutschland durchaus auch mit weiteren Fällen rechnen", sagte Hacker.
Im Moment gibt es nach seinen Angaben acht bestätigte und zehn Verdachtsfälle. Die Zahl der Verdachtsfälle nehme ab, fügte er hinzu. Die Fallzahlen hierzulande seien bisher relativ gering, sagte Hacker. Das Virus sei aber sehr gut von Mensch zu Mensch übertragbar.
Bisher seien die Fälle milde verlaufen, fügte er hinzu. Man müsse aber "auf der Hut sein", dass sich das Virus nicht in seinen Eigenschaften verändere. Die Maßnahmen in Deutschland beurteilte Hacker positiv. Bisher sei das "behutsame, aber konsequente Vorgehen" erfolgreich gewesen. Zugleich betonte er, aus seiner Sicht gebe es keine Bedenken, Schweinefleisch zu essen.
Mehr Grippeopfer in Mexiko
Die Zahl der Menschen, die sich in Mexiko nachweislich mit dem neuen Influenza-Virus A/H1N1 infiziert haben, ist auf 590 gestiegen. Davon seien 22 gestorben, gab der mexikanische Gesundheitsminister José Ángel Córdova am Sonntagabend in Mexiko-Stadt bekannt. Am Samstag waren es noch 19 Tote gewesen.
Córdova sagte, die Epidemie habe ihren Höhepunkt erreicht und sei rückläufig. "Der Höhepunkt auf nationalem Niveau war zwischen dem 23. und 28. April", sagte der Minister. Er machte aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, dass sich das Virus jetzt regional ausgebreitet habe. Mittlerweile seien in 23 Bundesstaaten Fälle aufgetreten. So wurden am Sonntagabend neue Erkrankungen aus Tabasco und Tamaulipas gemeldet.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 985 Fälle der sogenannten Schweingrippe in 20 Ländern bestätigt. Am stärksten betroffen seien Mexiko mit 590 Infektionen und die USA mit 226, teilte die Behörde am Montag mit. Deutschland liegt mit acht Erkrankten hinter Kanada (85), Spanien (40) und Großbritannien (15) auf Platz sechs.
WHO erwartet Erreichen der höchsten Warnstufe
In einem Interview der spanischen Tageszeitung "El Pais" (Montagsausgabe) sah WHO-Chefin Margaret Chan Anzeichen für das Erreichen der höchsten Warnstufe und damit einer Pandemie.
"Stufe sechs bedeutet aber nicht das Ende der Welt. Es ist wichtig, dies deutlich zu machen, weil Stufe sechs (andernfalls) eine unnötige Panik auslösen würde", sagte Chan. "Grippeviren sind sehr unberechenbar Wir sollten nicht übermäßig zuversichtlich sein. Man darf dem H1N1-Virus nicht die Möglichkeit geben, sich mit anderen Viren zu vermischen. Das ist der Grund, warum wir auf Alarmstufe stehen", sagt Chan weiter.
Dabei wies sie vor allem auf den Höhepunkt der Grippesaison auf der Südhalbkugel hin, wo in Kürze der Winter anbricht. Niemand könne vorhersagen, was dann passiere.
Virus weltweit erstmals in Schweinen nachgewiesen
Nach Erkenntnissen der US-Seuchenbehörde CDC ist die Schweinegrippe nicht so gefährlich wie frühere Grippe-Pandemien. Der Virustyp H1N1 habe anscheinend nicht die gleichen todbringenden Eigenschaften wie das Virus der katastrophalen Spanischen Grippe von 1918/19, sagte CDC-Direktorin Nancy Cox in Atlanta.
US-Präsident Barack Obama warnte davor, die Grippe zu unterschätzen. Das Virus könne sich weiter verändern. Die USA registrierten mindestens 226 Fälle in 30 Bundesstaaten und einen Toten. In Kanada infizierte ein Mann höchstwahrscheinlich eine Schweineherde mit der Schweinegrippe.
Die kanadische Lebensmittelbehörde CFIA wies das Virus weltweit erstmals in Schweinen nach. Mit hoher Sicherheit habe ein Mexiko-Reisender die Tiere infiziert, der nach seiner Rückkehr Grippesymptome hatte.
Die Sicherheit der Lebensmittelversorgung sei dadurch aber nicht gefährdet, teilte die (CFIA) in Ottawa mit. Die Herde stehe unter Quarantäne, sowohl die Tiere als auch der Mann erholten sich zusehends oder seien bereits ohne Symptome. (ddp/dpa)
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