Berlin. Die Zahl der an Schweinegrippe erkrankten Menschen in Deutschland ist um zwei auf acht Patienten gestiegen. Wie der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, am Sonntag in Berlin sagte, hat sich ein aus Frankfurt (Oder) in Brandenburg stammendes Ehepaar mit dem H1N1-Virus infiziert. Der Mann und die Frau seien im selben Flugzeug wie die aus Hamburg stammende Grippe- Patientin gewesen. Das Ehepaar liege mit nur leichten Krankheitssymptomen isoliert in zwei Zimmern in einem Frankfurter Klinikum. Weitere Passagiere des Fluges von Mexiko-Stadt nach Düsseldorf seien bereits informiert worden. Insgesamt gab es am Sonntag 20 Verdachtsfälle in Deutschland.
Im niederbayrischen Mallersdorf seien unterdessen keine weiteren Verdachtsfälle aufgetreten, sagte Hacker. Dort hatte ein Infizierter eine Krankenschwester und seinen Zimmernachbarn in der Klinik mit der neuen H1N1-Variante angesteckt. Im Falle der jüngsten Ansteckungen in Brandenburg will das RKI nach eigenen Angaben am Montag ein Expertenteam zur genaueren Untersuchung des Virus nach Frankfurt (Oder) entsenden.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert über die Telefonnummer 030-187544161 über das neue Influenzavirus. Die Nummer ist montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr erreichbar.
Das Gesundheitsministerium bietet von diesem Freitag an eine kostenlose Informationshotline zur Schweinegrippe an. Unter der Nummer 0800-4400550 können sich die Bürger informieren. Sie ist montags bis donnerstags zwischen 8 und 18 Uhr, freitags zwischen 8 und 12 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen zwischen 10 und 16 Uhr zu erreichen.
Die bereits bestehende kostenpflichtige Hotline (01805-996619) werde auf die kostenlose Nummer umgestellt.
Angesichts der steigenden Zahl der Erkrankungen sieht Hacker "keinen Grund zur Entwarnung, aber auch nicht zur Dramatisierung der Lage". Auch wenn der Krankheitsverlauf in Deutschland bisher insgesamt milde sei, könne sich das Virus schnell an den Menschen anpassen und verbreiten. Man müsse die internationale Entwicklung des Krankheitsbildes genau beobachten. Seit Sonntag sind die Ärzte in Deutschland verpflichtet, sämtliche Verdachtsfälle und Erkrankungen der Neuen Grippe dem Gesundheitsamt zu melden.
EU-weit 51 Infizierte
In der EU sind mit den beiden neuen Fällen 51 Menschen infiziert, weltweit sind rund 800, teilte das EU- Zentrum für Seuchenbekämpfung (ECDC) am Sonntagmorgen in Stockholm mit. Nach Daten des RKI und des ECDC sind unter den 12 neuen Fällen in der EU drei in Deutschland, sieben in Spanien, einer in Irland und der erste Fall in Italien. In Spanien wurde das Virus bislang bei insgesamt 20 Patienten nachgewiesen. Diese Betroffenen sprechen nach Angaben der spanischen Gesundheitsbehörden alle gut auf die Behandlung an, keiner von ihnen sei ernsthaft krank. Spanien ist laut ECDC das in Europa bisher am stärksten betroffene Land, die Zahl der Verdachtsfälle ist aber rückläufig. Nach Angaben der Behörden besteht noch bei 99 Patienten der Verdacht auf eine Infektion mit dem Schweinegrippe-Virus. Vor wenigen Tagen hatte es noch 116 Verdachtsfälle gegeben.
In Mexiko sind derweil 473 Menschen nachweislich mit dem neuen Influenza-Virus A/H1N1 infiziert, gab der mexikanische Gesundheitsminister JoséÁngel Córdova am Samstagabend in Mexiko- Stadt bekannt. Die Zahl der Toten, die in den vergangenen zwei Tagen konstant bei 16 geblieben war, ist den Angaben zufolge auf 19 gewachsen.
In Irland wurde am Samstag der erste Fall vom nationalen Gesundheitsamt bestätigt. Es handele sich um einen Mann, der erst vor kurzem aus Mexiko zurückgekehrt sei, hieß es in einem Zeitungsbericht. In Deutschland stieg die Zahl der Infektionen auf acht. Zum zweiten Mal wurde das Virus innerhalb der Bundesrepublik von Mensch zu Mensch übertragen. In der EU sind es nach Zählung des ECDC insgesamt fünf solcher Fälle. Die Bundesregierung hat eine Meldepflicht für Verdachtsfälle geschaffen.
WHO: Entwicklung des Virus "nicht vorhersehbar"
Vor diesem Hintergrund gibt es unterschiedliche Einschätzungen über die Gefahr des Erregers. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wies in Genf Berichte zurück, nach denen das mutierte Schweinegrippenvirus A/H1N1 weitaus ungefährlicher sei als angenommen. Dies hatte die US-Seuchenbehörde CDC erklärt. Demnach habe der Virustyp H1N1 anscheinend nicht die gleichen todbringenden Eigenschaften wie das Virus der katastrophalen Spanischen Grippe von 1918/19, sagte CDC-Direktorin Nancy Cox in Atlanta. An der Spanischen Grippe waren vor 90 Jahren mehr als 25 Millionen Menschen gestorben.
Demgegenüber erklärte der WHO-Direktor für weltweite Alarm- und Reaktionsstufen, Michael Ryan: "Die Entwicklung eines Virus ist überhaupt nicht vorhersehbar." Man könne immer noch davon ausgehen, dass eine Pandemie bevorstehe. "So müssen wir davon ausgehen, dass Phase 6 erreicht wird - aber wir hoffen, dass das nicht geschieht." Derzeit sei es aber nicht angebracht, die Alarmstufe 5 auf die höchste Stufe 6 zu heben, die den Ausbruch einer Pandemie anzeigen würde. "Es wäre unklug derzeit zu sagen, das Virus verbreite sich in unkontrollierter Weise", ergänzte Ryan.
Infizierter Mensch steckt Schweineherde an
Eine Schweineherde in Kanada ist an der aktuellen Schweinegrippe erkrankt. Höchstwahrscheinlich habe ein Mann, der mit Grippesymptomen aus Mexiko zurückgekommen war, die Schweineherde infiziert, berichtet die kanadische Lebensmittelbehörde. Die Sicherheit der Lebensmittelversorgung sei dadurch aber nicht gefährdet, teilte die Canadian Food Inspection Agency (CFIA) am Samstag in Ottawa mit. Die Herde stehe unter Quarantäne, sowohl die Tiere als auch der Mann erholten sich zusehends oder seien bereits ohne Symptome. Schweine sind ein bedeutendes Reservoir von Grippeviren. Wenn verschiedene Stämme der Erreger in den Tieren zusammenkommen, können die Viren ihre Eigenschaften neu kombinieren und so auch potenziell bedrohliche Varianten entstehen lassen. (dpa)
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