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Scientology: Gehen oder bleiben?

Viele Prominente in Hollywood sind Mitglieder von Scientology. Jetzt steigen die Ersten aus. Von Frank Nordhausen

John Travolta denkt angeblich daran, die Sekte zu verlassen.
John Travolta denkt angeblich daran, die Sekte zu verlassen.
Foto: afp

Wer eine Scientology-Filiale betritt, bekommt dort meist den Werbefilm "Orientation" vorgespielt. Darin schwärmt Hollywood-Star John Travolta davon, wie erfüllt er in der "Kirche" lebe. "Ohne Scientology wäre ich tot", gesteht auch seine Ehefrau Kirstie Alley. Und am Schluss sagt ein lächelnder älterer Herr: "Wenn du jetzt mit Scientology weitermachst, wirst du sehr froh darüber sein." Inzwischen dürfte klar sein, dass eben dieser ältere Herr - er heißt Larry Anderson - nicht mehr froh war, denn er hat die Sekte verlassen.

Larry Anderson ist ein Hollywoodschauspieler, den die meisten kennen, ohne ihn bewusst wahrzunehmen. Anderson hat in Dutzenden TV-Serien wie "Desperate Housewives" gespielt, war Nebendarsteller in Kinofilmen wie "Star Trek". Und er war bis vor drei Wochen Mitglied der berüchtigten Scientology-Organisation, als deren Star und Stimme er in vielen Propagandafilmen wirkte. Nun ist der 57-Jährige nach 33 Jahren ausgestiegen - und hat seine Gründe in der Presse dargestellt. Seither hat Scientology ein Problem mehr.

Die Aussteiger

John Beghe (links) machte den Anfang: Der Schauspieler verließ Scientology im April 2008.

Paul Haggis, 56, Regisseur und Drehbuchautor ("L.A. Crash") nahm seinen Hut vor drei Monaten. Er war 35 Jahre bei Scientology.

Mitgliedern von Scientology wird versprochen, das angeblich unsterbliche Wesen eines Menschen, den "Thetan", zu stärken und damit das Leben des Einzelnen zu verbessern. Dafür müssen sie über Jahre Schulungen durchlaufen, die sogenannten Auditings. Die Kurse sind sehr teuer, viele Sektenmitglieder verschulden sich dafür. Prominente sollen die Akzeptanz von Scientology in der Öffentlichkeit fördern. Die Organisation besitzt Milliarden US-Dollar. (fr)

Die Mitgliedschaft bei Scientology ist an sich nichts Besonderes in Hollywood. Tom Cruise ist in der Sekte, John Travolta und Juliette Lewis ebenfalls. Vor allem aber besuchen viele Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren aus der zweiten Reihe die teuren Kurse im Celebrity Centre Hollywood. In diesem Zuckerbäckerschloss werden sie betreut und sollen Superkräfte gewinnen. Und sie erhalten Jobangebote. Denn das US-Filmbusiness ist durchsetzt mit Scientologen, die viel Einfluss auf die Castings haben. Umgekehrt sind die Prominenten die wichtigsten Werbeträger der selbsternannten "Kirche".

"Ich wurde zu einem Scharlatan gemacht", sagte Anderson jetzt der Zeitung St. Petersburg Times. Nie habe er die versprochenen "Gewinne auf der Brücke zur totalen Freiheit" erreicht. Rund 270 000 Dollar habe er im Lauf seiner Mitgliedschaft bezahlt, um irgendwann als "Operierender Thetan" - eine Art Gott - wiedergeboren zu werden. Jetzt hatte er genug von der Geldgier der Sekte.

Anderson ist nicht der einzige Scientologe, der so denkt. Vor drei Jahren setzte ein regelrechter Exodus im Sektenhauptquartier ein. Topleute wie der Geheimdienstleiter Mike Rinder und der Finanzchef Mark Rathbun sind ausgestiegen. Dutzende "namenlose" Dissidenten äußern Kritik im Internet. Die Zeichen mehren sich, dass die Absetzbewegung nun Hollywood erreicht hat.

Den Anfang machte im April 2008 der Schauspieler Jason Beghe, Darsteller in Serien wie "CSI" oder "Criminal Minds". Er warf dem Sektenboss David Miscavige vor, Scientology zu einer "korrupten Organisation" geformt zu haben, die mit "Einschüchterung und Gehirnwäsche" arbeite. Vor drei Monaten verließ der Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis ("L.A. Crash" und "Million Dollar Baby") nach 35 Jahren die Sekte.

Haggis wollte nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Hetze toleriertDas ist von großer Bedeutung, denn nur so lange Weltstars wie Cruise, Travolta oder eben Haggis Scientology die Treue halten, lässt sich eine Massenflucht vermeiden. Haggis verabschiedete sich mit der Klage, Scientology habe die Hetzkampagne gegen die Homo-Ehe in Kalifornien mitgetragen: "Ich kann nicht länger einer Organisation angehören, die Schwulen-Bashing toleriert." Das war ein direkter Angriff auf L. Ron Hubbard, den Gründer der "Church", der die Homophobie in seinem Werk "Dianetik" zum Lehrsatz erhoben hatte.

Nach Angaben früherer Leitungskader ist verdeckte Homosexualität ein Thema, das Scientology benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen. John Travoltas Neigung soll der Grund dafür sein, dass der Mime bis heute dabeiblieb. "Wenn Travolta geht, werden die Akten herausgeholt", sagt der ehemalige Exekutivdirektor William Franks. Die Sekte verwaltet intime Bekenntnisse ihrer Mitglieder in geheimen Akten. Scientology hat diese Vorwürfe stets dementiert.

"Je mehr Prominente gehen, desto mehr kommen die anderen ins Grübeln", sagt Ursula Caberta, die Scientology-Beauftragte Hamburgs. Caberta hat mit ihrer Arbeit viel zur Erosion der Sekte beigetragen, doch sie ist jetzt mit massiven Sparplänen des Hamburger Senats konfrontiert. "Eine effektive Betreuung der Aussteiger wird dann nicht mehr möglich sein", fürchtet sie.

Der Schauspieler Larry Anderson kam durch den Ausstieg seines Freundes Jason Beghe zum Nachdenken. Er hat die "Church" zur Rückzahlung von 120 000 Dollar aufgefordert, die er bezahlt, für die er aber keine Gegenleistung bekommen haben will. Doch die Scientology-Führer wollten nur zahlen, wenn er öffentlich nicht über seinen Ausstieg reden würde. Anderson weigerte sich. Daher ist "die Stimme Scientologys" jetzt die Stimme der Kritiker - mit unabsehbaren Folgen.

Autor:  Frank Nordhausen
Datum:  6 | 2 | 2010
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