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18. August 2013

Sexueller Missbrauch: "Kinderpornographie klingt verharmlosend"

Nach einer Studie werden zwischen 50.000 und 60.000 Kinder pro Jahr in Deutschland sexuell missbraucht. Angezeigt werden 12.000.  Foto:  dpa

Charité-Professor Klaus M. Beier glaubt, dass vielen das Problem des sexuellen Missbrauchs im und durch das Internet nicht wirklich bewusst ist - auch vielen Politikern nicht.

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Charité-Professor Klaus M. Beier glaubt, dass vielen das Problem des sexuellen Missbrauchs im und durch das Internet nicht wirklich bewusst ist - auch vielen Politikern nicht.

Zur Person

Klaus M. Beier, Jahrgang 1961, ist Sexualmediziner an der Berliner Charité und leitet das Projekt „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“, das 2009 auf die Prävention der Nutzung von Missbrauchsabbildungen (sog. Kinderpornographie) ausgedehnt wurde. Mittlerweile suchen Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet die Hilfe des Instituts. Seit 1997 leitet er verantwortlich die sexualmedizinische Weiterbildung für Ärzte in Berlin. Beier hat zudem zahlreiche Gerichtsprozesse als Gutachter begleitet. Er studierte Medizin und Philosophie an der FU Berlin und schloss beide Studiengänge mit einer Promotion ab. 1994 habilitierte sich Beier mit einer „retrospektiven Lebenslängsschnittanalyse zur Prognose ehemals begutachteter Sexualstraftäter“.

www.kein-taeter-werden.de

Herr Beier, die Grünen kämpfen mit ihrer „pädophilen Vergangenheit“, eine FDP-Bundestagskandidatin zieht ihre Kandidatur zurück, weil sie als 19-Jährige die Legalisierung der Pädophilie gefordert hat. Was weiß die Wissenschaft über Pädophile? Stimmt die Gleichung Pädophiler gleich Kinderschänder?

Diese Gleichung stimmt nicht, und die Wissenschaft weiß mittlerweile sehr viel über die Pädophilie, insbesondere wie man sie adäquat erkennen und behandeln kann. Die Pädophilie ist eine sexuelle Präferenzstörung. Die Betroffenen sind sexuell-erotisch durch den kindlichen Körper ansprechbar – eine Neigung, die sich im Jugendalter entwickelt und dann für das weitere Leben bestehen bleibt. Aber eben nicht zwangsläufig zu sexuellen Übergriffen führen muss. Es gibt genügend Beispiele von Betroffenen, die ihre auf Kinder gerichteten sexuellen Phantasien nie ausleben, das heißt ihr Verhalten sicher kontrollieren können.

Dennoch wird Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch häufig gleichgesetzt.

Das ist ein Reflex. Ein Beispiel: Wären Sie meine Nachbarin und ich würde Ihnen sagen, ich bin alkoholkrank und kann mit Ihnen deshalb keinen Wein trinken, würde ich in Ihrem Ansehen nicht unbedingt sinken. Wenn Sie mir aber Ihren 5jährigen Sohn bringen würden, weil Sie überraschend zu einem Termin müssten, und ich würde Ihnen sagen, ich kann nicht auf Ihren Sohn aufpassen, weil ich pädophil bin, dann habe ich mich zwar genauso abstinent und verantwortungsbewusst verhalten wie der Alkoholkranke, Sie würden mich aber ab diesem Moment als Täter einordnen und jede Straftat im Umfeld, bei der Kinder Opfer sind, mit mir in Zusammenhang bringen.

Ein Abwehrreflex…

Die Vorstellung, dass Kindern Schaden zugefügt wird, mobilisiert so viel Emotionen und Unwillen, dass es schwer fällt, jetzt noch darüber nachzudenken, was das für Personen sind, die das machen. Die Bereitschaft, diesen Schritt zu gehen und den Hintergrund dieser Taten zu beleuchten, verlangt eine emotionale Distanz, die ein Laie aus verständlichen Gründen gar nicht aufzubringen bereit ist. Wir haben es mit einem sehr breit angelegten Problemfeld zu tun, das nicht auf ein paar vermeintlich verantwortliche Randfiguren der Gesellschaft reduziert werden kann, sondern alle gesellschaftlichen Schichten erfasst. Ungefähr 40 Prozent der justizbekannt gewordenen Taten sind auf einen pädophilen Motivationshintergrund zurückzuführen. Etwa 60 Prozent sexueller Übergriffe sind sogenannte Ersatzhandlungen. Das heißt, die Täter sind sexuell auf erwachsene Sexualpartner ausgerichtet, begehen aber gleichwohl sexuelle Übergriffe auf Kinder. Nicht jeder Pädophile begeht also sexuelle Übergriffe auf Kinder und nicht jeder Sexualstraftäter, der Kinder sexuell missbraucht hat, ist pädophil.

Können sich Wissenschaftler eigentlich freimachen von diesen heftigen Gefühlen, die das Thema auslöst?

Nein. Das heißt aber nicht, dass professionelles Handeln dadurch beeinflusst wird. Wenn Sie sich mit einem Thema offensiv befassen und den verschiedenen Facetten gerade nicht ausweichen, dann erarbeiten Sie sich einen anderen Zugang mit differenzierten Kriterien für die Analyse. Und die ergibt dann ganz klar, dass die primäre Prävention bei der Zielgruppe möglich ist und auf diese Weise sexuelle Übergriffe verhindert werden können. Das ist emotional wesentlich entlastender als das offensichtliche Ausmaß sexueller Traumatisierungen lediglich zu beklagen.

Wie oft kommt es überhaupt zu sexuellen Übergriffen auf Kinder?

Wenn man die Studie von Wetzels zugrunde legt, werden etwa neun Prozent der Mädchen vor dem 16. Lebensjahr Opfer von sexuellen Übergriffen mit direktem Körperkontakt durch einen erwachsenen Täter, also etwa 40.000 weibliche Opfer pro Jahr. Bei den Jungen liegt die entsprechende Zahl bei etwa drei Prozent. So kommt man auf insgesamt 50.000 bis 60.000 Opfer pro Jahr in Deutschland – angezeigte Fälle gibt es aber nur etwa 12.000 und wegen sexuellem Kindesmissbrauch werden jährlich etwa 3000 Täter verurteilt. Das Dunkelziffer ist also erheblich – die meisten Fälle werden nicht justizbekannt.

Eine Facette dieses Phänomens ist die sogenannte Kinderpornographie…

Ja. Und das ist eine besonders bittere Realität. Denn dort werden genau die Handlungen gezeigt, die wir verhindern wollen. Ganz realer sexueller Missbrauch von Kindern. Mit Pornographie hat das nichts zu tun – es ist darum sehr befremdlich, dass der verharmlosende Begriff „Kinderpornographie“ nicht schon längst verschwunden ist. Missbrauchsabbildungen ist die richtige Bezeichnung. Vielen ist das Ausmaß des Problems auch nicht annähernd bewusst – vermutlich auch vielen Politikern nicht.

Müssen wir dieses Phänomen aufmerksamer beobachten?

Das Nicht-Hinschauen unterstützt die weitere Verbreitung und damit auch die kontinuierliche Produktion von Missbrauchsabbildungen, mit anderen Worten: es führt zu neuen Opfern. Im Übrigen ist es eine weitere Facette der systematischen Unterschätzung des Internets, gesellschaftspolitisch nicht zu problematisieren, dass die gesamte Vielfalt sexueller Bildinhalte für Minderjährige nicht nur leicht zugänglich ist, sondern von ihnen auch genutzt wird. Kulturgeschichtlich hat sich nun erstmalig die Reihenfolge umgedreht: Jetzt sehen die Kinder sexuelle Handlungen erst im Internet und danach machen sie eigene sozio-sexuelle Erfahrungen. Es wäre ziemlich naiv anzunehmen, dass in dem Zusammenhang die wirkmächtigen Bilder keinerlei Einfluss auf das sexuelle Selbstkonzept und das Geschlechtsrollenempfinden haben sollen, zumal wir wissen, dass beobachtete Handlungen durch die sogenannten Spiegelneurone im Gehirn neuronal verschaltet werden – und zwar genauso, als ob man die Handlung selbst durchgeführt hätte. Schon jetzt sind mehr als 30 Prozent der 8- bis 13jährigen mit pornographischen Materialien in Kontakt gewesen. Mit der Verbesserung der Kommunikationstechnologien wird dieser Anteil steigen.

Werden Pädophile durch den Konsum von Missbrauchsabbildungen von einem Übergriff abgehalten?

Nein. Es ist jedenfalls nicht sonderlich logisch davon auszugehen, dass die Spiegelneurone nur beim Betrachten von Missbrauchsabbildungen nicht funktionieren sollten, sonst aber immer. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Bildern, die den Eindruck erzeugen – und auch erzeugen sollen – dass die in die sexuellen Handlungen einbezogenen Kinder das selbst alles ganz toll finden. Sie sehen da Kinder, die das nicht zum ersten Mal machen, die geübt sind und wissen, was man von ihnen erwartet. Ein Betroffener mit einer pädophilen Neigung sieht dann das, was er sich erhofft und könnte den Schluss ziehen – ich muss nur das richtige Kind finden, dann werden wir beide glücklich. Das senkt nun aber eher die Schwelle, es auch selbst umzusetzen.

Wo finden Pädophile diese Bilder?

Das sind neben öffentlich zugänglichen Seiten in der Regel geschlossene Tauschbörsen im Netz. Eine große Rolle spielt das sogenannte Filesharing, also der Austausch von Material in so genannten Peer-to-peer-Tauschbörsen. Aber es läuft auch über Newsgroups, soziale Netzwerke und per E-Mail. Selbst Zusendungen über Smartphones sind möglich.

Wie reagiert die Justiz darauf?

Die Reaktion unseres Rechtssystems ist insgesamt viel zu bedächtig, Sanktionen sind für die Täter kaum zu spüren. Man müsste die Verfahren vor allem zügig durchsetzen und stets mit einer Hauptverhandlung, was eher die Ausnahme darstellt. Meist wird eine Geldstrafe verhängt und das noch lange Zeit nach der Anklageerhebung. Hier gibt es auch Wissenslücken bei Richtern und Staatsanwälten, die ja – anders als Ärzte – keine Fortbildungspflicht haben.

Aus der Debatte um die Grünen und ihre pädophile Vergangenheit konnte man den Eindruck gewinnen, dass auch die Wissenschaft sich lange Zeit nicht einig war, wie gravierend die Folgen pädophil motivierter sexueller Übergriffe für die betroffenen Kinder tatsächlich sind.

Wir reden hier über Straftaten. Wissenschaftler, die auch forensisch tätig sind, also Gutachten für Gerichte erstellen, werden sich an politisch-ideologisch motivierten Debatten kaum beteiligen wollen. Es mag nicht-forensisch tätige Wissenschaftler gegeben haben, die einen Beitrag zu politischen Visionen leisten wollten. Und um solche Visionen ging es ja damals. Im Raum stand die Utopie eines befreiten Menschen, die sich um Schlagworte rankte wie „Abschaffung der Zwangsheterosexualität“, „Auflösung der Paarbeziehung“ und einer Entwertung von „Treue“ als Ausdruck „bürgerlich-kapitalistischer Besitzansprüche“. Die sogenannte sexuelle Revolution hat genau das versucht – man wollte sich durch nichts und niemanden einengen lassen. Die Idee dahinter: Wenn man das im Sexuellen schaffen würde, ließe sich die kapitalistische Welt gleich mit zum Einsturz bringen. Diese Entwicklung haben damals politisch aktive Männer mit pädophiler Neigung genutzt, um für eine gesellschaftliche Neuordnung zu werben, die sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern zulässt – weil dies ihren Interessen dienen würde und sie dann ihre sexuellen Wünsche straffrei ausleben könnten.

Eine Debatte über die Pädophilie gab es doch auch unter Sexualwissenschaftlern.

Nochmal: Zu unterscheiden ist zwischen wissenschaftlichen und politisch-ideologischen Diskursen. In ersteren geht es um Erkenntnisse, in letzteren um Bekenntnisse. Den damaligen und heutigen Erkenntnissen zufolge ist die Pädophilie eine mögliche Erscheinungsform sexueller Präferenzausrichtungen des Menschen und äußert sich auf der Phantasieebene. Wer Phantasien verteufelt, befände sich noch in der Zeit vor der Aufklärung. Wegen der Phantasien darf man also grundsätzlich niemanden stigmatisieren. Aber wenn es zu sexuellen Handlungen mit Kindern kommt, dann geht es nicht mehr um Phantasien, sondern um Verhalten – und das ist zu verurteilen, weil die verfügbaren Erkenntnisse zeigen, dass dies zu Schäden für die Opfer führt. Im Übrigen ist völlig klar, dass bei Kinder schon biologisch nicht die Voraussetzungen vorliegen, um perspektivisch zu denken und im Wissen um die Folgen ihre Entscheidungen zu treffen – die dazu erforderlichen Gehirnregionen befinden sich ja noch in der Entwicklung.

Gibt es ausreichend Einrichtungen, wie Ihre, die sich der (potentiellen) Täter annehmen?

Nein. Es gibt tatsächlich nur ganz wenige sexualmedizinische Universitätseinrichtungen in Deutschland. Die erforderliche intensive Befassung mit diesem Themenfeld wird universitär also nicht gerade gefördert. Die Situation ist hier in Berlin dadurch günstig, weil wir an der Charité verpflichtend für alle 320 Medizin-Studierenden ein vierwöchiges Modul „Sexualität und endokrines System“ durchführen. Das gibt es sonst nirgendwo.

Ihr Projekt, „Kein Täter werden“, existiert seit acht Jahren. Können Sie eine positive Bilanz ziehen?

Ja. Wir können sicher sagen, dass wir die Betroffenen erreichen. Dies gilt nicht nur für Berlin, sondern auch für die inzwischen sechs Anlaufstellen, die in anderen Bundesländern eingerichtet worden sind. Wir rechnen damit, dass schon bald noch in zwei, vielleicht auch drei weiteren Bundesländern das Projekt vertreten sein wird und auf diese Weise das geschaffene Präventionsnetzwerk weiter wächst.

Was wird aus Ihrem Projekt, wenn die Bundesmittel dafür auslaufen?

Man kann eine Verstetigung dieser Präventionsarbeit nur erreichen, wenn es gelingt, eine Finanzierung über das Gesundheitssystem sicherzustellen.

Was ist dazu nötig?

Politische Unterstützung. Wenn die Politik die primäre Prävention sexuellen Kindesmissbrauchs aufrechterhalten möchte, kann sie dafür die gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen und bezogen auf diese Zielgruppe Leistungen definieren, die dann vom Gesundheitssystem finanziert werden müssen.

Interview: Katja Tichomirowa

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