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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

08. Dezember 2011

Sexueller Missbrauch: Er mag es, wenn man um Hilfe schreit

 Von Jörg Schindler
Selbst mit Anfang 20 konnte sich Monika Gerlach ihrem Peiniger immer noch nicht entziehen. Sie dachte ja, sie selbst sei schuld.  Foto: dpa

Jahrelang wurde eine Ministrantin von ihrem Pfarrer sexuell missbraucht. Der Täter leugnet – und die katholische Kirche zeigt, was ihre vollmundigen Versprechen wert sind.

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Saarbrücken –  

Der Anruf kam im April. Die Polizei war dran. In Saarbrücken, Stadtteil Burbach, sei ein Pfarrer überfallen worden, es gebe da Ungereimtheiten, man müsse mit ihr sprechen. „Da bin ich erstarrt“, sagt Monika Gerlach*. Fast zehn Jahre lang hatte sie Burbach, den Pfarrer und alles, was geschehen war, verdrängt. Bis in die Schweiz war sie vor ihrer Vergangenheit geflohen. Es war nicht weit genug. Es ist nie weit genug. Sie sitzt in einem Café am Genfer See. Die Nacht hat den ersten Frost des Jahres gebracht, es ist kalt, aber noch immer ist in den Bergen kein Schnee gefallen, er wird hier sehnsüchtig erwartet.

Monika Gerlach blickt hinaus auf die schunkelnden Jachten am Ufer. Sie zittert. Sie bekommt dieses Zittern nicht in den Griff. Seit Monaten nicht. Es ist ihr unangenehm. Sie ist eine schmale Frau mit mädchenhaften Gesichtszügen, das kurze Haar perfekt frisiert, dezente Kleidung, dezenter Schmuck. Sie fällt nicht auf. Sie will nicht auffallen. Seit sie einmal dem Falschen auffiel.

Monika Gerlach, 35 Jahre alt, stammt aus Oberschlesien. Aus einer Gegend, wo der Katholizismus ein nachwachsender Rohstoff ist. Sie hat noch heute eine feine Narbe an der Nasenwurzel. Sie hat sie sich an einer Kirchenbank geholt, weil sie als Kind das Vaterunser noch nicht auswendig kannte. Sie trägt sie mit einem gewissen Stolz. Der Pfarrer, das war der Stellvertreter Christi, man begegnete ihm untertänig, schaute ihn am besten gar nicht an. Schon gar nicht als Mädchen. Als Mädchen durfte Monika Gerlach in Schlesien auch nicht Messdienerin werden, also spielte sie mit ihrem besten Freund heimlich Messen nach. Er war der Pfarrer, sie seine Dienerin. Das war für sie „ein Traum“. Mit zwölf Jahren wurde er wahr.

Messdiener werden in Deutschland

Damals, 1989, siedelte Familie Gerlach aus Polen über nach Deutschland. In Saarbrücken, Stadtteil Burbach, fand sie ein neues Zuhause. Und weil Mädchen in Deutschland Messdienerinnen werden dürfen, ging Monika Gerlach zu allererst geradewegs ins Pfarrhaus. Der Gottesmann aber, den sie dort und wöchentlich im Religionsunterricht traf, war so gar nicht wie jene, die sie kannte. Klaus K., der Hirte von St. Eligius, trug – außer in der Messe – kein Kreuz und kein Gewand. Er wirkte wie ein ganz normaler Mann mit kaltem Lächeln und durch eine Pfeife schief gerauchten Zähnen.

Eine seltsame Macht, sagt Monika Gerlach, habe dieser Pfarrer von Anfang an auf sie ausgeübt. Ein Blick nur habe genügt – sie macht ihn vor im Café am See, ein kurzes Zucken mit den Augen – und schon sei sie gesprungen. Was er wollte, war Gesetz. Er war der Pfarrer, sie seine Dienerin. Sie hatte gelernt zu gehorchen. Als er sie einmal nach der Messe am Oberarm packte und mit den Daumen über ihre Brüste strich, dachte sie, er sei zufrieden mit ihr. „Ich hielt das für eine spezielle Belobigungsform.“ Sie war damals dreizehn.

Die Schuld bei sich selbst gesucht

Dann aber war sie immer häufiger mit dem Herrn Pfarrer allein. Dann spürte sie seine Hände nicht mehr nur an der Brust, sondern auch an ihrem Po. Dann drängte er sie eines Tages, es war kurz nach Fronleichnam, an einen Schrank in der Sakristei und küsste sie. Dann wurde auch Monika Gerlach bewusst, dass das keine spezielle Belobigungsform mehr war. Entziehen aber konnte sie sich trotzdem nicht. Da war niemand, mit dem sie hätte reden können. Nicht mit der Mutter, die regelmäßig im Pfarrhaus putzte und Klaus K. verehrte. Nicht mit dem Vater, für den es schon Pornografie war, wenn sich im Fernsehen zwei Menschen küssten. Mit niemandem. Außerdem: Was hätte sie sagen sollen? Sie dachte ja, sie selbst sei das Problem.

„Ich habe, wie immer, bis zum heutigen Tag, die Schuld bei mir gesucht. Er war ja berufen worden von Gott.“ So sei es immer weitergegangen, sagt Monika Gerlach. Auf die Küsse folgte der Oralverkehr, auf den Oralverkehr der Beischlaf. Immer sonntags, am Tag des Herrn, immer vor einem Spiegel, in den sie noch heute nicht ohne Ekel blicken kann, immer so, dass sie am Ende mit Malen am Körper zurückblieb.

Um Vergebung gebeten

Sie hat ein Buch mitgebracht, es ist etwa so groß wie eine Bibel. Es ist ein Kalender aus dem Jahr 1997, sie hat ihn als Tagebuch benutzt. Es gibt einen Eintrag von Mitte Juni, sie schildert darin, wie der Kirchenmann ihr wieder einmal schmerzhaft in die Schenkel biss. Er endet mit den Worten: „Er mag es wirklich, wenn man um Hilfe schreit.“ Einmal, ein einziges Mal, hat Monika Gerlach versucht, sich zu wehren. Sie war bereits 21 Jahre alt, und noch immer hatte sie sich dem Pfarrer aus Burbach nicht entziehen können, da nahm sie ihren Mut zusammen und schrieb an den damaligen Bischof von Trier, Hermann Josef Spital. Aber es war keine wütende Anklage, die da aus der Studentin sprach. „Ich habe um Vergebung gebeten für die Schuld, die ich begangen habe und den Bischof angefleht, auf der Basis von Nächstenliebe und Vergebung mit K. zu reden.“

Vom Bischof bekam Monika Gerlach nie eine Antwort. Stattdessen, so sagt sie, habe sich ein namenloser Sekretär bei ihr gemeldet. Sie erinnert sich genau daran, was er ihr mitzuteilen hatte: Man wisse um die Fehltritte von Pfarrer K., dieser aber leiste vorbildliche Gemeindearbeit in einem sozialen Brennpunkt. Sie möge sich daher genau überlegen, was sie tue – „denn wir sind viele, und Sie sind alleine“.

„Da war dann wieder eine Seifenblase geplatzt“, sagt Monika Gerlach.

Im Bistum Trier heißt es heute, der gesamte Vorgang sei „nicht bekannt“, entsprechende Akten habe man nicht gefunden.

Aus den Fängen befreit

Erst 2002, als sie heiratete, schwanger wurde und schließlich mit ihrem Mann in die Schweiz zog, konnte sich Monika Gerlach endlich aus den Fängen von Klaus K. befreien. Mit 26 Jahren begann sie ein selbstbestimmtes Leben, sie ergriff einen Beruf, zog ihren Sohn – „natürlich“ – im katholischen Glauben auf, begann zu vergessen. Dass sie nicht vergessen war, merkte sie, wenn sie gelegentlich ihre Eltern in Saarbrücken besuchte und mit ihnen zur Kirche ging. Anschließend fand sie provokante Zettel unter dem Scheibenwischer. „Parken verboten!“, „Ausländer haben hier nichts zu suchen“. Sie ahnte, von wem sie stammten. Sie versuchte, auch das zu verdrängen. Dann kam der Anruf der Polizei.

An Heiligabend 2010 waren Unbekannte in das Pfarrhaus von St. Eligius eingebrochen, hatten Klaus K. schwer verletzt und 500 Euro gestohlen. Es war ein Überfall, der den Ermittlern bis heute Rätsel aufgibt. Die Täter wussten offenbar, wie sie problemlos eindringen konnten, sie verprügelten K. in dessen Bett, sie schlugen nur auf sein Gesicht, die Tatwaffe war ein Messkrug, außer den 500 Euro nahmen sie nichts mit.

Vom Pfarrer selbst konnte man keine Hilfe erwarten, Klaus K., der einen Teil seines Augenlichts verlor, kann sich an nichts erinnern. Die Empörung war groß in Saarbrücken und Umgebung. Der Fall schaffte es sogar bis in die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“.

Die Polizei war unter Druck. Also ermittelte sie akribisch – und stieß dabei völlig unerwartet auf eine ganz neue Spur. Plötzlich stand der Verdacht im Raum, der Herr Pfarrer habe intime Verhältnisse zu ehemaligen Messdienerinnen gepflegt. So glaubhaft erschienen der Polizei die Hinweise, dass sie ein zweites Ermittlungsverfahren erwirkte – wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen.

Vorladung von der Polizei

Als Monika Gerlach eine Vorladung von der Polizei erhielt, rief sie zuerst den Pfarrer an, dem sie über Jahre hinweg gedient hatte. „Als gläubige Christin glaubst du an die Vergebung“, sagt sie. Mehrmals habe sie K. in dem Telefongespräch gefragt, ob er ihr etwas zu sagen habe. Mehrmals habe er verneint und stattdessen über seine Verletzungen geklagt. Nach zwei Minuten und zehn Sekunden legte Monika Gerlach auf. Dann beschloss sie, nicht länger zu schweigen.

Ihre Aussage bei der Kripo Saarbrücken dauerte sechseinhalb Stunden. Danach waren die Ermittler davon überzeugt, dass Monika Gerlach die Wahrheit sagt. Das aber nutzte der 35-Jährigen nichts. Klaus K. nämlich hatte da – auf Drängen seines Bistums – schon längst Selbstanzeige bei der Polizei erstattet. Nur las sich seine Einlassung völlig anders als die von Monika Gerlach. Einmal, in den 90er-Jahren, so K., sei es zu „einer Umarmung mit Kuss“ gekommen. Mehr nicht. Nachfragen sind heute nicht möglich. Er gebe, sagt K. am Telefon, zu der ganzen Angelegenheit „keine Auskunft“. Sein Anwalt glaubt, es sei „im Interesse aller Beteiligten, die Vergangenheit ruhen zu lassen“.

Ein weiterer Hinweis führte die Polizei im Laufe ihrer Ermittlungen zur ehemaligen Messdienerin Sabine Korn*. Auch sie räumte in der Befragung ein, sie habe vor Erreichen ihrer Volljährigkeit sexuelle Kontakte zu Gottesmann K. gehabt. Zur Verblüffung der Beamten jedoch verneinte sie jeglichen Missbrauch und rühmte den Pfarrer gar als ihren „Ersatzvater“. Da die möglichen Straftaten in ihrem wie auch im Fall von Monika Gerlach ohnehin verjährt waren und andere Spuren nicht weiter führten, blieb den Beamten nichts anderes übrig, als das Verfahren gegen K. einzustellen.

Die Welt ist aus den Fugen geraten

Monika Gerlachs Welt ist inzwischen aus den Fugen geraten. Die Erkenntnis, dass Menschen in Saarbrücken etwas gewusst haben müssen, aber nie etwas sagten, die unfreiwillige Selbstentblößung vor der Polizei, das selbstbewusste Leugnen von Pfarrer K.: „Das sind Schläge ins Gesicht“, sagt die ehemalige Messdienerin. Sie habe viele Kilo abgenommen in den vergangenen Monaten, Essen und Schlafen habe sie sich abgewöhnt. Aber mühsam und mit therapeutischer Hilfe habe sie auch gelernt, dass es keinen Sinn ergebe, sich wieder in sich selbst zu verkriechen. „Ich sehe nicht ein, warum ich alleine leiden soll.“ In der verzweifelten Hoffnung, endlich Frieden zu finden, hat sie sich daher im Sommer noch einmal an das Bistum Trier gewandt.

Am 27. Juli 2011 schreibt Monika Gerlachs Anwältin einen vierseitigen Brief an den Bischof von Trier, Stephan Ackermann. Ackermann ist nicht nur der oberste Dienstherr von Pfarrer Klaus K. Er wurde außerdem im Krisenjahr 2010 von der Deutschen Bischofskonferenz zum obersten Aufklärer sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ernannt. Ackermann kennt sich bestens aus in dem Thema, er hat etliche Interviews gegeben und ungewohnt offen auch Selbstkritik geübt. Einer seiner Glaubenssätze lautet: „Wir haben falsche Rücksichten genommen. Falsche Rücksichten auf den Ruf der Kirche, auf bestimmte Institutionen, auf den Ansehensverlust.“

Als Ackermann Ende Juli den Brief der Anwältin Claudia Burgsmüller erhält, ist sein Bistum über den Fall Klaus K. längst im Bilde. Nach eigenen Angaben wissen die Hirten in Trier seit Januar von den Vorwürfen. Burgsmüller macht sich dennoch die Mühe, dem Bischof die wichtigsten Eckpunkte des Falles noch einmal zu skizzieren. Dann bittet sie um Auskunft, ob kirchenintern gegen K. vorgegangen werde und ob Monika Gerlach mit einer Wiedergutmachung durch die Kirche rechnen kann. Als Antwort erhält sie – nichts.

Ansprechpartner für Opfer sexuellen Missbrauchs

Erst nach weiteren fünf Wochen und einem Mahnschreiben bequemt sich der Sekretär des Bischofs, den Eingang der Briefe zu bestätigen. Am 28. September schließlich meldet sich eine Justiziarin aus Trier bei Burgsmüller und erwähnt knapp, dass das Bistum die Kosten für externe Anwälte von Betroffenen nicht trage. Für Opfer sexuellen Missbrauchs habe der Bischof selbst „Ansprechpersonen“ ernannt. Weitere Nachrichten vom Bischof erhalten zunächst weder Burgsmüller noch ihre Mandantin.

Erst auf Nachfrage dieser Zeitung teilt die Bischöfliche Pressestelle am 21. November mit: „Das Bistum Trier hält die Vorwürfe, die gegen den Pfarrer erhoben werden, für glaubhaft.“ Eine kirchenrechtliche Untersuchung sei noch im Gange. Klaus K. sei untersagt worden, die Heilige Messe öffentlich zu feiern und andere Sakramente zu spenden. Das aber erst am 13. Oktober, rund zehn Monate, nachdem das Bistum und der Missbrauchsbeauftragte von den Vorwürfen gegen den Pfarrer erfahren hatten.

Für Monika Gerlach waren diese Monate die Hölle. Sie hat aus der Ferne verfolgt, wie Klaus K. nach dem Überfall wieder in die Öffentlichkeit zurückkehrte, als sei nie etwas gewesen. Im Juni hat der Pfarrer persönlich den neuen Kindergarten von St. Eligius eingeweiht, das Motto der Einrichtung lautet: „Mittendrin Kind sein“. Kurz vor seiner Verabschiedung in den Ruhestand hat K. auch der Lokalpresse noch einige Interviews gegeben. Er hat dort seine 30-jährige Tätigkeit in Burbach mit gemessenen Worten gewürdigt und versprochen, der Gemeinde auch weiterhin zur Verfügung zu stehen.

Im September dann, nach Vollendung seines 70. Lebensjahres, schied Klaus K. öffentlich gefeiert aus dem Amt. Ein Vertreter des Dekanats lobte ihn für die vorbildliche Gemeindearbeit, die er in einem sozialen Brennpunkt geleistet habe. Seinen Abschiedsgottesdienst durfte Klaus K. selbst zelebrieren. In der vergangenen Woche gab das Bistum immerhin seine Suspendierung in der Gemeinde bekannt.

Monika Gerlach hat das alles zur Kenntnis genommen. Sie hatte genug Zeit dafür. Sie war in all diesen Monaten krankgeschrieben. Sie sagt: „Entweder krepiere ich daran, oder es geschieht noch ein Wunder.“ Ausschließen will sie das nicht. Sie ist ja noch immer Katholikin.

* Namen geändert

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