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Shakira: Ein Star für die Straßenkinder

Die kolumbianische Sängerin hat als Siebenjährige die Slums ihrer Heimat gesehen - und nie vergessen. In Ihrem Kampf gegen Armut hält sie auch Reden vor Staatschefs. Von Peter Marz

Shakira setzt sich für Straßenkinder ein.
Shakira setzt sich für Straßenkinder ein.
Foto: ddp

Es war einmal ein kleines Mädchen, das in einer großen Stadt an der Küste lebte. Der Vater hatte als Juwelier Wohlstand erreicht, die Familie hatte zwei Autos und eine Klimaanlage, die die feuchtheiße Luft der Karibik aus der Wohnung verbannte. Doch eines Tages ging das Schmuckgeschäft des Vaters bankrott. Autos und Klimaanlage wurden verkauft, der Farbfernseher durch einen alten Schwarz-Weiß-Apparat ersetzt, statt der Lieblingsspeisen der Tochter kam auf den Tisch, was man sich leisten konnte.

"Wir waren über Nacht arm geworden", erinnert sich Shakira, "und aus der Perspektive einer Siebenjährigen konnte es nichts Schlimmeres geben. Ich erinnere mich lebhaft an meine Verzweiflung". Was folgt, klingt wie der Einfall eines sentimentalen Drehbuchschreibers: ihr libanesisch-stämmiger, in New York geborener Vater William Mebarak führte sie in ein Viertel ihrer Heimatstadt Barranquilla, das sie noch nie betreten hatte. Dort lebten Straßenkinder, gleichaltrige Jungen und Mädchen, die zerfetzte Kleidung trugen, Mülltonnen nach Essbarem durchwühlten und Klebstoff inhalierten. Sie gingen barfuß.

Zur Person

Sängerin Shakira Isabel Mebarak Ripoll (32) feierte 2001 mit ihrem ersten englischsprachigen Album und ihrem Hüftschwung einen Welterfolg: "Laundry Service" verkaufte sich 13 Millionen Mal. Mit "Whenever, Wherever" oder "Beautiful Liar" (mit Beyoncé) stürmte die Kolumbianerin die Charts.

"Pies Descalzos" ("Barfuß") heißt Shakiras Hilfsorganisation für Straßenkinder. Jedes vierte Kind in Kolumbien bleibt ohne Grundschulabschluss und sieben Prozent der unter Fünfjährigen leiden an Unterernährung.

In jenem Moment, schreibt Shakira, habe sie beschlossen, den Straßenkindern zu helfen, sobald dies in ihrer Macht stehe. Die Erinnerung ließ sie nicht mehr los. Als 18-Jährige veröffentlichte die Kolumbianerin 1995 ihr Album "Pies Descalzos" ("Barfuß") und gründete zwei Jahre später die gleichnamige Stiftung.

Bill Clinton lächelt zwei dunkelhäutige Kinder an. Doch die Meute im Speisesaal hat keine Augen für die Fotos des ehemaligen US-Präsidenten, der die Schule vor ein paar Monaten besuchte. Es ist Essenszeit, heute gibt es Hühnchen, Reis und Rote-Rüben-Salat, dazu eine Scheibe gebratene Banane, serviert in soliden, blauen Plastiktellern. Die kostenlosen Mahlzeiten dienen Eltern als Anreiz, ihre Sprösslinge zum Lernen zu schicken statt zum Arbeiten. An der Schuluniform tragen Mädchen und Jungen das Emblem der Stiftung Pies Descalzos - sie hat den Bau der Schule finanziert.

Die "Erziehungseinrichtung Stiftung Pies Descalzos" ist das größte und modernste Gebäude in La Playa, einem bescheidenen Vorort der Industrie- und Hafenmetropole Barranquilla (1,1 Millionen Einwohner). Shakira hat in La Playa zwischen Palmen und ungeteerten Straßen den Sozialdienst geleistet, der kolumbianischen Abiturienten im elften und letzten Schuljahr abverlangt wird - sie hat Kindern Lesen und Schreiben beigebracht. "Wenn bei uns ein Kind arm geboren wird, wird es arm sterben - es sei denn, es bekommt eine Chance. Diese Chance ist Erziehung", sagt Shakira.

Shakira weiß, wer mehr erreichen will, muss staatliche Institutionen für sich gewinnen. Sie besucht ibero-amerikanische Gipfeltreffen, hält selbst geschriebene Reden vor versammelten Staatschefs und trifft die Gattinnen der Präsidenten beim Teekränzchen. Gemeinsam mit anderen lateinamerikanischen Pop- und Rockstars betreibt sie über eine weitere Stiftung politische Lobbyarbeit. América Latina en Acción Solidaria, kurz ALAS ("Flügel"), ist eine lose Allianz aus rund 75 Künstlern, darunter Shakiras Landsmann Juanes oder der Spanier Alejandro Sanz.

Shakira mit Obama, Shakira allein, Shakira mit Kindern - Schüler haben die Wand mit Zeitungsausschnitten und Fotos gepflastert: als "Widmung an die Sängerin aus Barranquilla, die uns Erziehung, Freude, Würde und eine bessere Lebensqualität gebracht hat", wie in blauen Großbuchstaben zu lesen ist. Das von mannshohen Mauern umgebene Schulgelände von La Playa ist großzügig und sauber; überall stehen Wasserspender; Fußball wird auf Kunstrasenplätzen gespielt. Viele Details zeugen von geradezu teutonischer Disziplin: drei Tonnen für die Mülltrennung oder Spruchtafeln wie "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen".

Zeit für eigene Kinder

Pies Descalzos hat das Gebäude finanziert, die Lehrer bezahlt der Staat. "Es geht uns nicht darum, den Staat zu ersetzen, sondern zusammenzuarbeiten", sagt die frühere Bildungs- und Außenministerin María Emma Mejía, Direktorin von Pies Descalzos. Derzeit unterstützt die Stiftung fünf staatliche Schulen mit kostenlosen Mahlzeiten, Schuluniformen und psychosozialer Betreuung - in Städten wie Quibdó oder Soacha bei Bogotá, wo viele Binnenflüchtlinge leben, und in Barranquilla. Damit sei nicht nur 5000 Kindern und Jugendlichen geholfen, sondern 40.000 Menschen in ihrem Umfeld. Die Schulen rekrutierten etwa Köchinnen oder Reinigungskräfte unter den Eltern und dienten als lokale Kulturzentren mit Konzerten, Lesungen, Gitarren-, Tanz- und Theaterkursen. Die Bibliothek sei für alle Bewohner von La Playa zugängig.

Bei so viel Engagement für den Nachwuchs hagelt es freundliche Schlagzeilen wie "Shakira, la mamá social". Kaum jemand nimmt es ihr übel, dass sie auf den Bahamas lebt. Jüngst verkündete die Sängerin, sie und ihr Verlobter Antonio de la Rúa (Sohn des argentinischen Ex-Präsidenten) wollten bald Kinder haben, jetzt, mit 32, sei es wirklich Zeit. Aber zuvor steht noch eine Tournee auf dem Programm.

Autor:  PETER MARZ
Datum:  16 | 7 | 2009
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